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Vorbemerkung:
Das nachfolgende Interview erschien ursprünglich im Fanzine NONKONFORM
#2 (mehr dazu in der History). Geführt
wurde es Ende 1993. Wir waren damals ziemlich stolz, ein Interview mit
ANACRUSIS im Heft zu haben, auch wenn die Ausführungen von Kevin
Heidbreder schon sehr 08/15 waren. Wie so oft, gilt auch hier: Hört
die Musik, lest die Texte und fragt euch, ob ihr nach einem anstrengenden
Konzert noch tiefschürfende philosophische Aussagen von euch geben
könntet...
It's
a long journey through Darkness and Light... Ein
Garten voller uns nur zu gut bekannter, bizarrer und doch so schöner
Skulpturen... Es gibt Musik,
die man mag, es gibt großartige Musik, die einem den Alltag versüßt,
es gibt geniale Musik, die den Verstand in eine andere Welt entführt
- und es gibt ANACRUSIS.
Anfang 1993 erschien das vierte Album "Screams And Whispers" und läßt alle Bezeichnungen, Kategorisierungen und alles Gerede als gegenstandslos erscheinen, denn zusammen mit PSYCHOTIC WALTZ' "Into The Everflow" stellt es für mich die musikalische Offenbarung der letzten Jahre (ach was - überhaupt!) dar. ANACRUSIS sind abermals einen mächtigen Schritt nach vorne gegangen, sind hörbarer geworden und beweisen mehr denn je ein unglaubliches Gespür für ungewöhnliche Melodielinien und abgefahrene Ideen. So wurden bei mehreren Stücken erstmalig Keyboards eingesetzt, was zum Beispiel bei "Too Many Prophets" zu einigen seltsamen Soundcollagen führt und bei "Brotherhood?" gar zu einer Symphonie de la Grosso ausartet! Das erstgenannte Lied gestaltet sich ein wenig zäh und sperrig und gefiel selbst mir anfangs nicht sonderlich (anfangs... ), doch genau dieses mußten diese Unglücksraben von HR3 "Hard'n'Heavy" im Radio spielen, es ist nicht zu fassen! Danach war ich mir nicht mehr so sicher, mit dem Album einen guten Kauf zu tätigen, was aber zum Glück nichts an meiner Entscheidung änderte. Als einzig wirklich schwächeren (doch beileibe nicht "schwachen"!) Song würde ich "A Screaming Breath" titulieren, welcher leider monoton daherkommt. Dies wird jedoch durch den großartigen lyrischen Hintergrund mehr als nur wettgemacht, ich würde sagen, man sollte ihn zum Text des Jahres nominieren. Es geht darin um Gefühle und wie schwer es oft fällt, diese anderen Menschen gegenüber zu offenbaren, aus Angst vor Ablehnung, aus Angst davor, "Schwäche" zu zeigen oder aus welchen Gründen auch immer. "Deliberately we disguise ourselves, to protect our frail emotions". Wie viele Leute laufen durch die Welt und zeigen nur ihre Oberfläche, während ihre Seele gefangen ist in Ängsten, Unsicherheiten und Zweifeln? "Are we so brave? Are we so bold, to hide from things we long to show? Are we so numb? Are we so cold, as to lose the Self to self-control?". Die Texte sind sehr persönlich und nach innen gerichtet, ich verstehe längst nicht alles, aber im Grunde weiß ich, was sie ausdrücken wollen, alleine schon, wenn ich die Musik und Kenns unvergleichlichen und gefühlvollen Gesang höre. Neben all den anderen Meisterwerken, die sich auf "Screams And Whispers" finden, ist "Grateful" mein absoluter Favorit, nicht nur aufgrund seiner vielen großartigen Soundideen und Melodiebögen, sondern vor allem wegen den melancholischen, unglaublich traurigen Gefühlen, die wie eine Sturzflut auf einen herniedergehen, wenn Kenn seine ruhigen Strophen singt, und den gesamten Weltschmerz und alles Leid in sich vereinigen. Der Chorus handelt dann von Liebe, Zuneigung und Wärme, und ihn schreit er geradezu auf brutalste Weise heraus: "I'm grateful to be far from harm, safe within peaceful arms. Grateful knowing safety's warmth and I'm grateful not to have to face these days alone!". Mein Verstand flüstert mir zu, daß es gesanglich eigentlich gerade umgekehrt sein müßte (siehe auch Frage im Inti), doch es funktioniert und in meinem Herzen weiß ich, es ist richtig und gut so. Kenn versteht es einfach, diese Feelings so vollendet auszudrücken. ANACRUSIS machen alles andere als fröhliche Musik, sondern transportieren in ihren Songs "dunkle" Atmosphären und Emotionen, wie Zorn, Depression, Leid, Melancholie, Trauer... keine Ahnung, warum es mich immer wieder zu solcher Musik hinzieht, vermutlich ist es wirklich so, wie Kevin sagte, daß man dadurch diese Gefühle auslebt. Wie gesagt, für mich jedenfalls stellt "Screams And Whispers" die Offenbarung schlechthin dar, doch selbst, wenn man andere Ansichten gegenüber solcherart Gefühlsausbrüchen hegt, muß man einfach die überirdische Klasse der Musik erkennen! Ein dunkler See breitet sich vor dem Auge aus. Er glitzert verführerisch im Mondlicht, und er birgt viele Geheimnisse ... sie wollen erkundet und durchlebt werden!
Anfangs war ich
bezüglich der Tourzusammenstellung doch ewas irritiert, glaubte,
ANACRUSIS würden zwischen den beiden Death Metal Bands (DEATH &
MERCILESS) untergehen und kaum beachtet werden. Doch zu meiner und auch
Kevin Heidbreders Überraschung und Freude waren zumindest in Ludwigsburg
etliche Leute vor allem und auch wegen ANACRUSIS gekommen, die Band
wurde gut mit Interviews eingedeckt, und während ihres Auftreittes
war im Innenraum der Rockfabrik einiges los. Bevor sie jedoch loslegen
konnten, mußte man noch den sicherlich soliden Auftritt der Formation
MERCILESS über sich ergehen lassen. Und sie waren wirklich gnadenlos;
nicht gnadenlos gut, sondern halt einfach nur gnadenlos. Beim sich anschließenden
etwa 45-minütigen Konzert der halbgottähnlichen Musiker, welche
zusammen unter dem seltsamen und geheimnisumrankten Namen ANACRUSIS
genialste musikalische Schöpfungen zelebrierten, war sicherlich
nicht nur der Schreiber dieser Zeilen im Reich der Ekstase entschwunden.
Sie spielten, bis auf den besten Song des Debuts "Butchers Block"
nur Lieder letzten beiden Alben, Pretiosen wie "Something Real",
"Still Black", "I Love The World" (das Original
von NEW MODEL ARMY ist ebenfalls großartig - mehr zu dieser Band
vielleicht dann im nächsten Heft), "Sound The Alarm",
"Grateful" (ist es ein Zeichen von Schwäche, wenn man,
von der Musik überwältigt, den Tränen nahe ist?), "Release"
oder "Tools Of Separation". Die eingeschränkte Spielzeit
ließ keinen Raum mehr für Stücke des "Reason"-
Albums, obwohl ich gerne noch "Stop Me" oder "Afraid
To Feel" gehört hätte, vielleicht ja dann beim nächsten
Mal... Den ganzen Nachmittag mußte ich auf eine Möglichkeit warten, um mit den Jungs ein wenig zu plaudern, und erst nach dem Gig konnte ich mich mit Kevin Heidbreder über das Leben, das Universum und den ganzen Rest unterhalten...
Was bedeutet
Musik für dich, und könntest du dir ein Leben ohne Musik vorstellen? Zum Song "Too
Many Prophets": Ist dieser gegen Religion im Allgemeinen oder gegen
Fanatiker, die vor dem Jüngsten Gericht oder Ähnlichem warnen
und einem erzählen, man soll dies und jenes tun, um die Erlösung
zu finden? Es ist kein Song, der sich nur mit Religion beschäftigt. Wir versuchen, über unsere Gefühle und persönlichen Dinge zu schreiben, zu Dingen, zu denen wir eine Beziehung haben. Auf diese Weise drücken wir uns aus, denn wir fühlen, wenn wir über etwas schreiben, sollte es über uns selbst sein, denn das ist, was wir am Besten kennen - uns selbst. wir verbringen viel Zeit damit, unsere Seele zu ergründen und über uns selbst zu schreiben. Aber beim ersten
Album ging es mehr um politische Themen... Bei "Grateful",
meinem persönlichen Favoriten, vereinigt Kenn bei den ruhigen Strophen
all den Weltschmerz in seiner Stimme, im Chorus jedoch singt von Liebe
und Wärme, tut dies jedoch auf eine sehr aggressive Weise. Sollte
es nicht eher andersherum sein?
Eine Frage,
die mir beim Lesen des Textes von "A Screaming Breath" kam:
Denkst du, daß es in unserer Gesellschaft als "Schwäche"
angesehen wird, wenn man Gefühle zeigt?
In welchen
Gruppen spielte er vorher? Ich hörte,
ihr seid recht erfolgreich in Amerika, ist das richtig? Als Hauptband? Wie denkst
du über diese Tour mit DEATH, glaubst du, die Death Metal-Fans
akzeptieren euch? Was ist für
dich Kunst? Eine schwierige Frage, ich weiß... Denkst du,
daß es wichtig ist, an etwas zu glauben? Viele Menschen
glauben an materielle Dinge und Geld - woran glaubst du? Soweit es das Geld betrifft, muß es wohl einfach so sein, denn die Gesellschaft hat es zu dem gemacht, was es ist. Aber es gibt viele, viele Dinge, die wichtiger als Geld sind - Religion ist eines davon. Jeder sollte seinen eigenen persönlichen Glauben leben und Gefühle für andere Menschen hegen, dies ist wichtiger als alles Geld. Aber wir leben in dieser Welt und brauchen einfach materielle Dinge zum Leben, wenn du kein Geld besitzt, kannst du dir keine Kleidung und nichts zum Essen kaufen. Es gibt nicht viele Leute, die hingehen und sagen "Es tut mir leid, daß du nichts hast, hier, ich teile mit dir"; es wäre großartig, wenn es so wäre und die Menschen nicht immer nur in erster Linie an sich selbst denken würden, aber so ist es leider nicht. Welches sind
für dich die wichtigsten Dinge im Leben? Du hast eine
Zeitmaschine erfunden, in welche Zeit würdest du reisen und was
dort tun? Meinst du,
in tausend Jahren könnte es noch eine Menschheit geben? Eure Musik
ist oft sehr depressiv, wütend und melancholisch, warum tendiert
ihr zu solchen Gefühlen und kreirt solche Atmoshären in eurer
Musik? Welches sind
deine favorisierten Bands und Musikstile? Wir hören uns wirklich viel an. Jeder in der Band hat da seinen eigenen Geschmack, wir mögen vieles von den härteren und den alternativen Sachen, ich mag diese Rock'n'Roll Sachen Ende der 70er, Anfang der 80er. Jeder interessiert sich für so verschiedenen Musikarten und Bands, und das ist einer der coolen Aspekte, in dieser Band zu spielen, da sind eine Menge Einflüsse, die wir verarbeiten. Könntest
du bitte ein paar Beispiele an Bands nennen? Bekommt ihr
viel Fanpost? Ja, ich bekam
auch eine Weihnachtskarte von euch...
Thanks Kevin for
this! I hope, you like our mag as much as I like your music! For
all of our wandering Are
we still the frightened child? ("Brotherhood?")
Interview: Heiko
(ca. Ende 1993)
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Ihr
könnt uns eure Meinung ins GÄSTEBUCH
schreiben
Zur
offiziellen ANACRUSIS-Homepage
(sehr ausführliche History)
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