|
28 Days Later
(2002)
Eigentlich fällt
ein Film wie dieser in Stefans Metier, und bestimmt könnte er ihn
filmhistorisch besser einordnen, als jemand, der von Splatter-Movies so
gar keine Ahnung hat und gerade mal "Night Of The Living Dead"
von George A. Romero im Fernsehen gesehen hat.
Der Grund, warum
ich ihn mir angesehen habe, war ein Interview mit Danny Boyle ("Trainspotting"),
das ich im Netz gefunden hatte, in dem er erläuterte, daß er
während der Dreharbeiten zu einem Film immer einen Soundtrack im
Kopf hätte - und bei "28 Days Later" wäre dies Godspeed
You! Black Emperor gewesen. Godspeed You! Black Emperor. Seit einigen
Monaten ist diese Band nicht mehr von Heikos und meiner Playlist zu vertreiben
(Versuche, auch Stefan anzufixen, wurden schon unternommen), und der Grund,
warum zu dieser Band im ZWNN noch nichts zu lesen ist, ist schlicht und
einfach jener, daß wir bisher noch keine angemessenen Worte gefunden
haben. Godspeed sind extrem pressescheu, verweigern jede Kommerzialisierung
und bringen ihre unbeschreiblichen Alben auf einem Kleinstlabel in Kanada
raus. Danny Boyle hat bei dem Kollektiv vorsichtig per e-mail angefragt,
traf sie dann nach einem Konzert in Newcastle, wurde gefragt, ob er den
ganzen Film mal zeigen könnte und bekam überraschenderweise
die Genehmigung das Stück "East Hastings" vom 98er-Debüt-Album
"f#a#oo" für den Soundtrack zu verwenden. Konsequenterweise
ist der Beitrag von Godspeed You! Black Emperor nicht auf dem Soundtrack-Album
vertreten.
Konnte also gar nicht mal so schlecht sein, der Film; den groben Inhalt
kannte ich auch schon aus der Vorschau.
Die Story: Tierversuchsgegner befreien Affen aus einem Labor, die jedoch
mit einem mörderischen Virus infiziert sind, wodurch eben "28
Tage später" fast ganz England entweder mit Leichen oder rasenden
Monstern übersät ist. Unser Hauptdarsteller Jim wacht in einer
Klinik aus dem Koma auf und merkt bald, daß alle tot sind, zumindest
ist das der erste Eindruck. Die wie mit der Videokamera aufgenommen wirkenden
Bilder, auf denen er durch das menschenleere und verwüstete London
irrt, untermalt vom leisen Anfang von "East Hastings" lohnen
alleine schon den Besuch des Films. Als Godspeed mit einem hart gestrichenem
Bass oder Cello einsetzen und mit E-Gitarren ein Geräuschinferno
gebären, erkennt er aufgrund einer riesigen Wand mit Suchanzeigen
(unwillkürlich erinnert man sich an die Tage nach dem 11. September)
das ganze Ausmaß der Katastrophe. Musikalisch hat "28 Days
Later" nun seinen Höhepunkt überschritten, doch nun tauchen
die ersten "Infizierten" auf, denn "Zombies" im ursprünglichen
Sinn sind es nicht, da sie offensichtlich aufgrund ihrer durch den tierischen
Wahnsinn bedingten Tumbheit irgendwann verhungern, wenn sie nicht anderweitig
zur Strecke gebracht werden. Und sie sind schnell, ziemlich schnell, anders
als Romeros Untote. Unser Hauptdarsteller wird von dem Pärchen Selena
und Mark gerettet, die das erste Gemetzel unter den Infizierten anstellen.
Wird man von ihnen gebissen oder bekommt anderweitig Kontakt mit ihrem
Blut verwandelt man sich innerhalb von 20 Sekunden ebenfalls in eine Bestie,
weshalb der männliche Teil des erwähnten Pärchens kurz
darauf von seiner Partnerin in der ersten Splatter-Szene von der Besetzungsliste
gestrichen wird, um den anderen Darstellern nicht ein ähnliches widerfahren
zu lassen. Ich bin ja kein Freund expliziter Gewaltdarstellungen, vor
allem dann nicht, wenn sie nur um ihrer selbst willen stattfinden. In
"28 Days Later" spritzt zwar oft das Blut, aber die Metzeleien
bleiben bis auf eine Szene am Schluß durch das Halbdunkel und eine
schnelle Kameraführung größtenteils der Phantasie des
Zusehers überlassen - was sie natürlich noch wirkungsvoller
macht.
Wenig später treffen die beiden Frank und seine Tochter Hannah, die
sich in einem Hochhaus vor den Infizierten verbarrikadiert haben. Diese
haben im Radio eine sich ständig wiederholende Meldung gehört,
nach der in Manchester eine Armeeeinheit lagern soll, die Schutz gewähren
kann. Gemeinsam machen sie sich mit dem Auto auf den Weg, und erreichen
schließlich auch die Soldaten. Doch damit hat der Horror natürlich
kein Ende... Mehr sei hier nicht verraten, außer, daß der
Film ein Happy-End bekommt.
"Night
Of The Living Dead", um den Prototypen des modernen Zombiefilms zu
nennen, entstand 1968 und reflektierte die Angst vor dem entfremdeten
Leben in einer materialistischen Welt bzw. auf der politischen Ebene die
Bedrohung durch den nuklearen Holocaust. Die Wiedererweckung der Toten
wurde knapp mit einer kosmischen Strahlung erklärt.
"28 Days Later" verzichtet auf das mythologische Bild der Untoten.
Der Virus ist von Menschen gemacht und zielt speziell auf den Einsatz
bei Primaten ab. Die Produktionsnotizen klären uns darüber auf,
daß die Wissenschaftler nach einem Medikament gegen "soziale
Wut" forschten und deshalb ein Virus entwickelt haben, um diese zu
Testzwecken in extremer Form ausbrechen zu lassen. Zunehmende Paranoia
(man sehe sich hierzu Michael Moores "Bowling For Columbine"
an), vormals unauffällige Mitbürger, die plötzlich Amok
laufen, Stadtteile, durch die man nachts besser nicht alleine spaziert
und der brutale Terror, der jeden Tag in der Tagesschau zu sehen ist (und
auch auf den Bildschirmen, die die gefesselten Affen zu Beginn des Film
anzuschauen gezwungen sind) - dies sind die Ängste, die die Infizierten
verkörpern. Selbst Jim verfällt am Schluß zeitweise in
- teils nachvollziehbare - wütende Raserei, ohne vom Virus infiziert
worden zu sein. BSE ("Mad Cow Disease"), SARS und Ebola standen
Pate für die schnelle und unkontrollierte Verbreitung eines gefährlichen
Virus.
Durch den 11. September bekommen die Szenen im menschenleeren London eine
zusätzliche Dramatik, obwohl diese schon im Juli 2001 gedreht worden
waren; dafür wurden ganze Straßenzüge für wenige
Minuten gesperrt. Der Rest des Films entstand von September bis November
2001.
Da ich mir nicht so oft Splatterfilme ansehe (dafür aber im letzten
Jahr etliche Endzeit-Klassiker gelesen habe), verfehlt ein Film wie "28
Days Later" bei mir natürlich seine Wirkung nicht, hatte aber
gleichzeitig eine kathartische Wirkung, als ich das Kino verlassen hatte.
Ist zwar ein ziemlich düsterer Film, hat aber auch einige Momente
schwarzen Humors. Ob er Godspeed You! Black Emperor zum Durchbruch verhelfen
wird (wollen sie den überhaupt?), wie Danny Boyle im Interview vermutete,
wage ich zu bezweifeln, denn die wenigsten werden, wie immer, bis zum
Abspann sitzen bleiben. Für die Fangemeinde wird der Film ein weiterer
Aspekt des künstlerischen und politischen Schaffens der Band sein.
- Martin - 07/03
Beim Tippen verwendete Musik:
- GY!BE: East Hastings (was sonst?)
- Neil Young: Weld
- Wall
Of Sleep: Wall Of Sleep
|