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METAL – A HEADBANGER’S
JOURNEY (2005)
Wozu also einen Film wie METAL – A HEADBANGER’S JOURNEY besprechen? Nun, aus exakt dem gleichen Grund, aus dem man immer wieder alte Platten auflegt, wenn der Frühjahrsputz ansteht oder ein verregneter Sonntagnachmittag zum nostalgischen Durchstöbern der Sammlung einlädt. Auch Sam Dunns Film funktioniert, speziell für die etwas älteren Semester unter uns, wie eine solche musikalische Reise. Der Anthropologe reiste für seine Dokumentation diesmal aber nicht in ferne Länder, sondern begab sich in den westlichen Industrienationen auf Spuren- und Stammessuche. Die große Stärke des Films ist zugleich das, was ein Journalist eigentlich vermeiden sollte: fehlende Distanz. Obwohl einer gewissen Methodik und wissenschaftlichen Empirie folgend, ist Sam Dunn in erster Linie selbst Fan und verleugnet das den gesamten Film über auch nicht. Natürlich werden bestimmte musikhistorische Standards abgehandelt, die Frage nach der ersten "echten" Metal-Band und dem ersten wirklich stilbildenden Riff darf dabei nicht fehlen. Und weil Metal eine Musikrichtung ist, die von den eingefleischten Fans intensiv gelebt wird, kann man natürlich sofort trefflich darüber streiten, ob z.B. Iggy Pop und seine Stooges musikalisch gesehen wirklich als Wegbereiter des Metal angesehen werden können. So zumindest legt es der in typischer Karteikarten-Nerd-Manier angelegte Metal-Stammbaum nahe, den Dunn immer wieder mit all seinen illustren Seitenpfaden einblendet. Seine Interviews mit bekannten Szenemusikern sind der rote Faden des Films, an ihm aufgereiht handelt er Themen wie Frauen im Metal, Satanismus oder Tod und Gewalt ab. In nur 94 Minuten sind mehrere Jahrzehnte Musikgeschichte aber nicht zu erzählen, so daß die Dokumentation von einer Betrachtung verschiedener Aspekte des Metal am Ende zu einer ganz persönlichen Geschichte wird. Dem Image von Metal als kontroverser Musik entsprechend, lassen manche die Möglichkeit nicht ungenutzt, sich vor Sam Dunns Kamera richtig zum Horst zu machen. Da sehen wir Mayhem-Bassist Necrobutcher beim (gescheiterten) Interview wiederholt einfach nur "Fuck you!" blöken, während ein unangenehm peinlicher Black-Metal-Eliteheinz namens "Gaahl" von Gorgoroth seinem hirnverbrannten Sozialdarwinismus-Geschwafel so etwas wie intellektuellen Anspruch zu verleihen sucht, indem er nicht das obligatorische Bier, sondern Rotwein (hoho, Avantgarde!) süffelt. Intelligenter werden Aussagen "Wir stehen für das Überleben des Stärkeren" oder "Wir müssen alle Spuren auslöschen, die das Christentum und seine semitischen Wurzeln dieser Welt zu bieten haben" dadurch aber nicht. Da mag sich Gaahl im aktuellen Rock-Hard-Interview (Januar-Ausgabe 2008) noch so sehr als eigentlich braver Elite-Schwarzmetaller geben, der ja nur individuelle Stärke und Vollkommenheit verwirklichen will. Doch sein Weltbild wirkt zumindest in METAL – A HEADBANGER’S JOURNEY etwas radikaler gestrickt als es anfangs den Anschein hat. Das Anzünden von Kirchen wird ohne jeden Vorbehalt unterstützt, es hätte sogar noch viel öfter geschehen sollen... Der Abschnitt über Norwegen und seinen Black Metal brachte Sam Dunn einiges an Kritik ein. Zum einen wurde ihm vorgeworfen, den dort erzählten Quark allzu kritiklos hingenommen zu haben, andere bemängelten, daß die norwegische Szene im Film nur auf ihre gewalttätige Vergangenheit reduziert worden sei und die Musik ins Hintertreffen geriet. Daher gibt es bei den DVD-Extras neben Outtakes (in denen wir erfahren, daß Ronnie James Dio Froschfiguren sammelt) und zusätzlichen Interview-Clips auch einen zweiten, längeren Beitrag über den norwegischen Black Metal (zu dem laut Stammbaum auch die Engländer Cradle of Filth zählen, aber darüber wollen wir mal gnädig hinwegsehen...) Hier verliert der Doku-Stil merklich die Fanboy-Sichtweise des Hauptfilms, auch Geistliche und Uni-Wissenschaftler kommen zu Wort. Exakt diese Vertreter gesellschaftlicher Milieus, denen man eher eine eindeutige Verurteilung des Black Metal zutrauen würde, äußern sich dann aber in differenzierter, intelligenter Weise. Im Gegenschnitt dazu wirkt der pseudo-tiefschürfende Dunst, den Musiker von Kapellen wie Hades Almighty oder den erwähnten Gorgoroth ihrerseits absondern, bemerkenswert unreflektiert. Ganz so, als habe zwischen Teenagertagen und jetziger Mittdreißigerphase kaum mehr als die Entwicklung vom Dosenbier zum vermeintlich angemesseneren Rotwein stattgefunden. Oder die Kameraden glauben, noch immer einem bestimmten Image gerecht werden zu müssen. Kann man mit Sam Dunns Film dennoch Metal-Gegner davon überzeugen, daß diese Musikrichtung kein stumpfer Lärm ohne jeden Wert, mit einer Menge an negativem und zerstörerischem Potential ist? Als Jugendliche dürften etliche, wenn es im Elternhaus angesichts bestimmter Plattencover mal wieder etwas Gegenwind gab, von einem solchen missioniarischen Eifer gepackt worden sein. Regisseur und Metal-Fan Sam Dunn jedenfalls trägt ihn nach wie vor in sich und auch wenn er am Ende ganz schön tief in die Pathos-Kiste greift, verfehlen die abschließenden Aufnahmen vom Wacken Open Air, seinem persönlichen Metal-Mekka, ihre Wirkung nicht.
Stefan - 1/2008 P.S.: "Wir stehen nicht für Sozialismus und Demokratie, sondern für das Individuum und das Überleben des Stärkeren." (Gaahl von Gorgoroth in METAL – A HEADBANGER’S JOURNEY) Liebe Metal-Journalisten: Wenn Ihr wieder mal ein Interview mit diesem geistigen Tiefflieger führt, könntet Ihr dann bitte nachfragen, ob das Überleben des Stärkeren (und damit das folgerichtige Ausmerzen des Schwachen) auch für jenen Fall gilt, wenn die Frau/Freundin dieses Elitemetallers in der Zukunft einmal ein körperlich oder geistig behindertes Kind zur Welt bringen sollte? Oder sollten wir uns damit abfinden, daß man solchen Charakter-Windbeuteln auch bei "schonungslosen" Interviews immer wieder derartigen Mist (wie eben zitiert) durchgehen läßt, weil Metal nun einmal extrem ist, wodurch vielleicht einfach nur erzreaktionärer Dreck im Stil des Nazi-Sozialdarwinismus haarscharf gerade noch die Kurve kratzend zu "kontroverser Misanthropie" umgedeutet wird? Man stelle sich vor, da säße kein langhaariger Metal-Musiker beim Interview, der (wie im Film und auf DVD festgehalten) davon schwafelt, daß in Norwegen eigentlich viel zu wenige Kirchen gebrannt hätten, sondern ein kahlgeschorener Neonazi, der sich über zu selten abgefackelte Asylantenheime beklagt. Ja, die Toleranz geht bisweilen schon seltsame und sehr weite Wege, wenn statt Glatze und Springerstiefel Langhaarmatte und Lederjacke getragen werden... xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Kurz nach Weihnachten
hatte mir der Gnadiator diese DVD (zusammen mit einem ZOSH-T-Shirt) zugeschickt,
mit der Aufforderung, mir diese unbedingt anzuschauen und ihm meine Meinung
dazu mitzuteilen.
Ich vermute, Gnadiator
hatte auch einen missionarischen Hintergedanken, als er die DVD zur Post
brachte bzw. sollte sie wohl ein Versuch sein, einen Abtrünnigen
wieder zum wahren Glauben zurück zu leiten. Aber ich glaube, es ist
zu spät - ich werde ewig in der Hölle brennen, aber nicht in
der von Venom ("Welcome To Hell") oder der von Slayer ("Hell
Awaits"). Ich kaufe mir seit Jahren keine neuen Metal-Platten mehr,
selten ein paar alte Klassiker oder die CD einer abgenutzten Vinyl-Scheibe.
Es ist nicht so, daß ich meine alten Platten und CDs bei ebay oder
verschämt auf dem Flohmarkt verscherbelt hätte, sie stehen alle
noch im Regal. Vor ca. 15 Jahren noch war dieses noch in eine Metal-Abteilung
und eine für "Anderes" eingeteilt. Heute ist sie nur noch
grob alphabetisch sortiert und Détente stehen neben Nick Drake
und auf die Levellers folgen Metallica und der Soundtrack zu "Mulholland
Drive". Psychologisch gesehen, könnte man sagen, daß ich
meine Metal-Vergangenheit integriert habe. Doch nun noch ein paar Worte zu DVD: Einen großen
Teil des Films, wenn man den Norwegen-Teil dazu zählt, nimmt das
Thema "Metal und Satanismus" ein. Ich dachte ja immer, das wäre
gegessen, weil ohne Substanz. Und es stellte sich heraus: Ist tatsächlich
so. Mag sein, daß es unter Metal- bzw. Black-Metal-Bands im Speziellen
"echte" Satanisten gibt, die sich in ein philosophisches Gedankenkonstrukt
als Religionsersatz verstiegen haben. Die restlichen "Satanisten"
geben primitive Anti-Christen-Phrasen von sich und erzählen die Story
vom "nordischen Erbe" und germanischen Göttersagen, so
als ob irgendwo in Europa jemand zum Christentum oder überhaupt zu
einem Glauben an Gott gezwungen würde. Leider gibt sich das bei einigen
nicht nach dem 17. Lebensjahr und nimmt teilweise derart paranoide Züge
an, daß völlig sinnlos Kirchen abgefackelt werden. Wenn's die
Musik nicht gäbe, würden solche Leute ihre Persönlichkeitsstörung
auf andere Art und Weise ausleben. "Metal - A
Headbanger's Journey" wird Metal-Hasser sicher nicht dazu bewegen,
sich in den Backkatalog von Cannibal Corpse einzuarbeiten. Für manche
Fans mag ein eher wissenschaftlicher/soziologischer Blick auf "ihre"
Musik jedoch sehr aufschlußreich sein. Tolerante Zeitgenossen sollten
zumindest mal einen Blick in in DVD werfen, denn Metal ist sicher nicht
die "revolutionäre Musikbewegung", von der das Cover spricht,
aber ein wichtiger, wenn auch lange nicht von der breiten Masse wahrgenommener,
Bestandteil der letzten 40 Jahre populärer Musik und hat vieles von
dem was heute im Radio läuft, maßgeblich mitbeeinflußt. - Martin - 02/08 |
Wir
sind gespannt auf eine Diskussion
zu diesem Artikel
Ihr
könnt eure Meinung zum ZWNN allgemein ins GÄSTEBUCH
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