"Post Rock". Ein schwammiger, viel- und doch nichtssagender Begriff.
Dabei so brauchbar wie jeder andere. Irgendwie müssen die verschiedenen
Erscheinungsformen der gegenständlichen Welt eben ihre verstandliche
Kategorisierung erfahren, um Einordnung und wechselseitige Verständigung
zu ermöglichen.
Aufgezogen wurde diese Schublade etwa Mitte der 1990er, sicherlich erstmals
von einem Musik-Journalisten. Begrifflich sich anlehnend an die sogenannte
Post-Moderne, welche, soweit ich weiß ohne wiki hinzuzuziehen,
aussagt, daß in der kulturellen Geschichte der Menschheit ALLES
irgendwann, irgendwie schon mal da gewesen sei, alle Formen des Ausdrucks
bereits erprobt und alle Grenzen ausgelotet seien.
Was nun bliebe, wäre die mehr oder minder geschickte Variation
des Altbekannten und Vertrauten, das Wandeln auf ausgetretenen konzeptionellen
Pfaden.
Bezogen auf reaktionäre Rock-Musik erfragt man Näheres am
sichersten bei den beiden Brüdern aus Manchester, dem Fachpersonal
in Sachen erfolgreichen (Selbst-) Zitierens.
Die Gewohnheiten Herausforderndes ergäbe allenfalls noch das neue
Kombinieren, Zusammenfügen, in ungewohnten Kontext stellen des
bislang Dagewesenen. So zu sagen das ironisierende oder spielerische
Baukasten-Prinzip als einzigen Ausweg aus dem Dilemma.
Oder, die letzt mögliche, konsequente Alternative: man dekonstruiert
das strukturell Vorgelebte völlig.
Als der Grunge, der für viele das letzte große Aufbäumen
der Rock-Musik versinnbildlichte, nach wenigen Jahren jugendbewegten
Kollektivrausches sich ausgezehrt und seinen Atem ausgehaucht hatte,
hieß es im Feuilleton, der Rock sei hiermit tot und zu Grabe zu
tragen. Der Blick wandte sich aufkommenden und mutmaßlich zu erneuernden
Impulsen fähigen Formationen wie Tortoise, Bark Psychosis oder
Disco Inferno zu, welche sich anschickten, die tradierten Formen zu
überwinden. Was teilweise bis nahezu völliger Auflösung
in die Strukturlosigkeit führte, wie etwa bei einigen Stücken
von Tortoise.
Aus dieser Keimzelle bildete sich eine vielschichtige subkulturelle
Bewegung mit unzähligen Vertretern - und damit zwangsläufig
eigenem Mainstream, beliebten und oftmals genutzten Ausdrucksmitteln,
etwa einer bestimmten Phrasierung der Gitarren oder gängigen Mustern
im Aufbau der Songs (hier zuvorderst zu nennen der natürlich reizvolle
Kontrast von Laut und Leise). So daß man inzwischen gar von einem
Klassischen Post Rock sprechen kann, aus dessen Fundus sich viele
Musiker bedienen.
Frei von selbstinspirativen, ebenso wie geschichtlichen Vorbildern ist
also auch diese Spielart logischerweise nicht. Sogar avantgardistisch
angehauchte, experimentellere, kaum einzuordnende Formationen wie Godspeed
You! Black Emperor wurden in einem Artikel unlängst mit einer ordentlichen
Latte an kulturhistorischen Referenzen bedacht.
Dennoch gehört dieses Eckchen der Subkultur derzeit zu den spannendsten,
freisten, vitalsten, intensivsten, innovativsten und kreativsten Bereichen
zeitgenössischer Musik.
Nachfolgend also der erste Teil meines persönlichen Überblicks,
aufgrund der schieren Menge an relevanten Bands in kurzer Steckbrief-Form
gehalten. Ein kleiner, subjektiver und nachlässig recherchierter
Wanderführer durch eine höchst lebendige, vielfältige
Szene.
Mehr über die stilistischen Merkmale, die Ursprünge und Entwicklung
des Post Rock liest man, wie immer, am besten bei Wikipedia nach:
http://de.wikipedia.org/wiki/Postrock
Es macht wenig Sinn, die Details selbst zusammen zu tragen und auszuformulieren,
wenn das jemand bereits kompetenter tat, als man es selbst je hin bekäme.
Um die Einschätzung einfach und veranschaulichend auf den Punkt
zu bringen, orientiere ich mich an dem im Netz beliebten Wertungssystem
von minimal einem Stern * bis maximal fünf Sternen *****, mit Tendenzen
(*).
Durch Klick auf den
-Button gelangt ihr zu einem Hörbeispiel.
Künstler: UpcDownCLeftCRightCABC+Start
Herkunftsland: England Stilistische Einordnung: Instrumenteller Post Rock mit zuletzt punktuellen Metal-Einflüssen Eigenständigkeit: **** Aktuelles Album: "Embers" (2008) Gesamteindruck: *****
Kommentar: Diese junge Band sorgt seit 2005 in der Szene für ordentlich
Furore.
Berechtigterweise.
Das im Sommer 2008 erschienene Zweitwerk "Embers" zeigt eine reife,
handwerklich und kompositorisch beeindruckende Leistung, geprägt
von mitreißender Dynamik und dichter Atmosphäre. In den ruhigeren
Momenten klingen sie mit schönen perlenden Gitarrenakkorden deutlich
nach - bester - Explosions In The Sky-Tradition. Gelegentlich zerreißen
jedoch schneidende Heavygitarren-Riffs & -Leads das harmonische
Gewand. Diese düster-aggressiv-bedrohliche Seite ist einer der
faszinierendsten Aspekte dieser Formation. Sie macht monumentale Stücke
wie "McDoomish", "Fireflies" oder das experimentelle, strukturauflösende
"The Creeping Fear"(apokalyptische Becken-Schläge & erregende
Noise-Eruptionen vermischen sich mit schwermütig-schönen Celli)
so herausragend und anziehend.
Richtig L A U T gehört können diese Stücke übrigens
böse Geister, Krankheiten sowie bedrängende, nutzlos-repetitive
Gedanken austreiben ... !
Die Band mit dem abgefahrensten aller denkbaren Namen (soll der Cheat-Code
für unendliche Leben bei einem alten Videospiel sein - eine augenzwinkernde
popkulturell-philosophische Anspielung, sehr schön), gehört
zweifellos zum engeren Kreis meiner persönlichen Favoriten.
Hier ein Video mit zwei Livesongs (im Studio; der erste ist neu und
der zweite von "Embers"), dazwischen ein kurzes Interview.
Auf die Frage, wie die Band entstand, kam die Antwort "We were just
friends who wanted to make noise." Aha. =) Der erste Song "Black Lodge"
wirft schon mal ein kurzes Schlaglicht auf kommende Taten. Ein recht
kompromißloses. Das wird unmittelbar ab dem ersten Ton, wenn dieser
unglaublich verzerrte Bass einsetzt, unmißverständlich klar
gemacht. Eine echte Kante. Hat was. Obwohl ich hoffe, das dies nicht
richtungweisend für das gesamte kommende Album werden wird. Daß
die Vielfalt und der Ideenreichtum von "Embers" zu sehr von Heavyness
und Songorientiertheit beschnitten werden könnten.
Kommentar: Eine der originellsten und faszinierendsten Formationen, welche
momentan dort draußen aktiv sind. Das Wörtchen "Rock" muß
hier allerdings eher klein geschrieben werden, denn die elektrische
Gitarre teilt sich im Klang-Gewand die Präsenz mit Violine und
Synthesizern. Ein ebenso starker kompositorischer Einfluß dürfte
aus der Klassik kommen. "Intercontinental Hustle" ist ein Beispiel für
die vertrackte, anspruchsvolle Rhythmik für welche Magyar Posse
vor allem auf dem letzten Werk "Random Avenger" eine Vorliebe entwickelten
(das Crescendo gegen Ende killt); das entgegen gesetzte Ende des Spektrums
bezeichnen zurück genommene, ambientartige, Raum greifende Sounds.
Sensibel, herausfordernd, hochentwickelt, vielfältig.
Alle Kenner und Nerds müssen diese Band einfach, besser
früher als später, in den persönlichen kulturellen Erfahrungshorizont
eintreten lassen.
Musik von atemberaubender Genialität.
Künstler: Tortoise
Herkunftsland: USA Stilistische Einordnung: Post Rock; Jazz; Elektronica; Experimental; Dub; Minimalism; Improvisation Eigenständigkeit: ***** Aktuelles Album: "It's All Around You" (2004) Gesamteindruck: **(*)
Kommentar: Die Pioniere der stilistischen Grenzüberschreitung im kontemporären
Rock bedürfen im ersten Teil dieses Überblicks selbstverständlich
einer Erwähnung. Ich persönlich kann allerdings - zumindest
bislang - weniger mit ihnen anfangen. Einerseits bewundere und schätze
ich den Mut zur Improvisation und Klängen, die sich allzu geläufigen
harmonischen Mustern konsequent entziehen, vieles plätschert dann
jedoch etwas zu höhepunkt- und ziellos vor sich hin. Ist aber zumindest
immer noch wesentlich durch-arrangierter als Porcupine Tree dies auf
ihrer hemmungslos öden und eigenschaftslosen Proberaum-Jam "Metanoia"
glaubten dokumentieren zu müssen. Am besten kommen Tortoise, wenn
eine zurück gelehnte Gitarre und ätherische Vibraphon-Tupfer
sich über einem jazzigen Rhythmus-Gerüst in lose verbundene,
eingängige Themen versteigen.
(okay, jetzt wird es langsam evident: ich bin verfangen in meinen Hörgewohnheiten;
bin süchtig nach frequenten spannungsgeladenen, dramatischen Steigerungen
und "schönen Melodien". So, jetzt ist es raus...)
Man muß Tortoise nicht unbedingt mögen, aber respektieren.
Künstler: Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band
(also known as A Silver Mt. Zion; Thee Silver Mountain Reveries; The
Silver Mt. Zion Memorial Orchestra and Tra-La-La Band with Choir)
Herkunftsland: Kanada Stilistische Einordnung: Post Rock; Experimental Eigenständigkeit: **** Aktuelles Album: 13 Blues for Thirteen Moons (2008) Gesamteindruck: *(*)
Kommentar: Ich will GY!BE zurück.
Begonnen hat diese Formation als Ableger und interessantes Neben-Projekt
des kanadischen Musiker-Kollektivs Godspeed You! Black Emperor. Anfang
des Jahrtausends gab man grundsätzlich allem aus dieser Ecke ein
herzliches Willkommen, so auch Silver Mt. Zion als einer schlankeren,
kompositorisch reduzierten Version des Mutterschiffes.
Leider jedoch glaubte Efrim Menuck, es sei eine gute Idee, sich mehr
und mehr als Front-Mann der Gruppe profilieren zu müssen. Das Problematische
hierbei: er ist nicht einmal ansatzweise gesanglich dazu befähigt!
Seine gebrechliche, unablässig wehklagende, in empathischen Passagen
krähende Stimme ist eine schwere Hypothek für das Ensemble.
Ich persönlich kann sie nicht mehr ertragen. Mittlerweile ist der
gute Efrim zu einem penetranten "Wailing Fungus" mutiert ...
Darüber hinaus schlingert man seit der unsäglichen "Little
Lightning Paw" mehr oder weniger hart an der Grenzlinie zur künstlerischen
Insolvenz umher. Das Mini-Album war einfach nur schlecht, die beiden
nachfolgenden Werke relativ belanglos.
Das eigentlich Fatale war, daß wir uns schließlich von Godspeed
zugunsten Silver Mt. Zions verabschieden mußten.
Da ich Hrsta, Set Fire To Flames oder Fly Pan Am ebenfalls kaum etwas
Positives abgewinnen kann, ist mein Interesse an weiteren kreativen
Auswürfen des Montrealer Umfeldes erst einmal am Gefrierpunkt angelangt...
"Sow Some Lonesome Corner, So Many Flowers Bloom" (Titel des Jahres!)
zeigt exemplarisch, mit seinen kanonhaften, rhythmisch-hypnotischen
Chor-Sätzen, daß Gesang bei Silver Mt. Zion nicht zwangsläufig
Nerv tötend sein muß. Selbst Efrim fand ich da, auf "This
Is Our Punk Rock" (2003), eigentlich noch sehr okay.
Seine ersten vereinzelten Vokal-Auftritte auf "He Has Left Us Alone
But Shafts of Light Sometimes Grace the Corners of Our Rooms" (2000)
& "Born Into Trouble As The Sparks Fly Upward" (2001) waren bereits
ambivalent. Während er "Take These Hands And Throw Them In The
River" Effekt verstärkt einfach nur killt, sorgte bei "Movie (Never
Made)" oder "The Triumph Of Our Tired Eyes" diese verlorene, leidende,
fragile, fast gebrochen wirkende Stimme gar für wohlige Schauer
und tief empfundenes Mitgefühl. Auch das gibt es.
Die mittlerweile immens kontrovers diskutierte Position Efrims am Mikrophon
wird wunderbar anschaulich in einem Dialog aus dem Forum von "The
Silent Ballet", weshalb ich selbigen gerne zitieren möchte:
"Efrim is so god damned grating and annoying to listen to."
"I can agree with you in that sentiment on 13 blues, but in the
ASMZ's previous efforts there are certainly cases in which the bad quality
of his vocals do actually help the songs meaning along especially "mountains
made of steam", "movie(never made)".. I think in these cases the tracks
are actually helped by the poor quality of his singing..."
"I agree, the hesitant and nasal nature of his voice work wonders
on songs like "Movie (Never Made)," but that was when he was working
with a super-minimal aesthetic - the spareness of the music complements
the blatantly amateurish vocals beautifully. But with the more orchestral
and longer compositions of 13 Blues, it becomes almost painful."
Dem ist eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen...
Außer:
Ich will Godspeed You! Black Emperor zurück !!
Künstler: This Will Destroy You
Herkunftsland: USA Stilistische Einordnung: Post Rock; Ambient Eigenständigkeit: ** Aktuelles Album: "This Will Destroy You" (2008) Gesamteindruck: ***
Kommentar: This Will Destroy You gehören neben Beware of Safety, I Hear
Sirens, Yndi Halda, If These Trees Could Talk (neues Album wurde soeben
am Horizont gesichtet! Zwei Stücke sind bereits auf ihrer My-Space-Seite
spielbar), Caspian oder Pg.Lost zu den aufstrebenden jungen Talenten,
welche es in den letzten Jahren schafften, bereits mit ihrem ersten
Mini-Album zu reüssieren und einen nachhaltigen Eindruck in der
Szene zu hinterlassen. Leider jedoch vermochten sie die nach dem formidablen
"Young Mountain" auf ihnen ruhenden Erwartungen mit dem selbst betitelten
ersten Longplayer kaum einzulösen. Sie scheinen ihr Potential immer
dann am besten ausschöpfen zu können, wenn sie sich auf klassischen
Post Rock einlassen, wie beispielsweise "Threads" indiziert, eines der
wenigen echten Highlights des Albums. Leider steuert man ansonsten verstärkt
in Richtung Ambient, was in tendenziell amorphe Gebilde wie "They Move
on Tracks of Never-Ending Light", "Leather Wings" oder "Villa Del Refugio"
mündet. Das Werk hinterläßt in dieser Form einen allgemein
uninspirierten, gleichförmigen Eindruck. Es wirkt weder mitreißend
noch trippig. Sehr schade.
Sie scheinen sich auf der Suche nach Originalität der eigenen Stärken
zu berauben.
Anfang 2009 erschien eine Split-EP zusammen mit Lymbyc Systym, und This
Will Destroy You geben mit zwei neuen Stücken ein weiteres Zeugnis
ihres Könnens ab. Das überlange "Brutalism and the Worship
of the Machine" dreht gemäß des imperativen Titels die Aggressionen
auf, und zieht einige gehörig dissonante, mächtige Gitarrenwände
hoch. Auch hier bleibt leider vieles zu undifferenziert. Das beinahe
beängstigende Gespür für archetypisch anmutende Harmonien
des Debüts wird abermals vermißt. Nicht so bei "Freedom Blade",
einem schönen balladesken, streicherverzierten Titel. Ein Lichtblick.
Das nächste Album wird aufzeigen, ob das Vermögen der Band
ausreicht, um mehr zu sein, als nur eine unter vielen anderen.
Zu wünschen wäre es den sympathischen Jungs allemal.
Künstler: Godspeed You! Black Emperor
Herkunftsland: Kanada Stilistische Einordnung: Post Rock; Avantgarde Eigenständigkeit: ***** Letztes Album: "Yanqui U.X.O." (2002) Gesamteindruck: *****
Kommentar: Experimentelle Schrankenlosigkeit und zugängliche Harmonie;
zurückgenommene, introvertierte Kammermusik und orchestral aufbrandende
Wucht; zerbrechliche Zartheit und zum Himmel schreiende Dissonanz; feinfühlige
Sensibilität und zügellose Ekstase; schwer wiegende Melancholie
und befreiende Katharsis; abgrundtiefe Düsternis und dichteauflösende
Durchlichtung ...
Künstler: The Mercury Program
Herkunftsland: USA Stilistische Einordnung: Ambient-Jazz; Math-Rock Eigenständigkeit: ***** Aktuelles Album: "A Data Learn The Language" (2002) Gesamteindruck: ***
Kommentar: Aufgeregtheit macht sich in den Foren breit, freudiges Gewisper
und Gemurmel, denn diese, von einigen Insidern als legendär und
Richtung weisend angesehene Formation schickt sich an, im Frühjahr
2009, nach lässigen sechs Jahren Funkstille, ein neues Werk zu
veröffentlichen.
Ich muß gestehen, die Vorfreude nur bedingt teilen zu können.
Bislang erschloß sich mir die ihnen zugeschriebene Genialität
(das letzte Album wurde 2002 zur # 1 in den The Silent Ballet Jahrespolls
gekührt) nicht wirklich. Was unter anderem dem Umstand geschuldet
sein könnte, daß ich nur das selbst betitelte Debut von 1999
näher kenne, das wie eine von wenigen strukturellen Vorgaben zusammen
gehaltene Jam-Session wirkt. Diesem beinahe gelangweilt scheinenden
Minimalismus konnte ich wenig abgewinnen. Musik, bei deren Abspielen
ich das Gefühl habe, mit nur wenig Übung recht spontan selbst
mit einsteigen zu können, ist mir verdächtig.
Anschließend kam mit Whit Travisano ein weiteres Mitglied hinzu,
welcher mit seinen Instrumenten Vibraphon und E-Piano den Gesamtsound
zweifelsohne bereicherte und neue kompositorische Ansätze einbrachte.
Seitdem klingt die Band um einiges interessanter, wie etwa auf der letzten
VÖ "Confines of Heat" (2003 - split release mit Maserati) nach
zu hören ist.
Mal abwarten, was für eine Entwicklung The Mercury Program nach
all der Zeit genommen haben. Werde jedenfalls meine Ohren offen halten.
Nachtrag: Inzwischen konnte ich "A Data Learn The Language"
hören und kann die Begeisterung verstehen, wenn mir der endgültige
Zugang dennoch verwehrt bleibt. Repetitive, zumeist federleichte Muster,
sich subtil verändernd, virtuos in sich verschachtelte Instrumente.
Loungig aber nur wenig catchy. Entweder läuft das Album total an
einem vorbei, oder aber es absorbiert den konzentriert und offenen Hörenden
völlig.
Könnte am besten kommen in der Phase zwischen Wachen und Schlafen,
zwischen Traum und Wirklichkeit.
Künstler: 65daysofstatic
Herkunftsland: Großbritannien Stilistische Einordnung: Post-Rock, Experimental, Math-Rock, Elektronica Eigenständigkeit: ***** Aktuelles Album: "The Destruction of Small Ideas" (2007) Gesamteindruck: *****
Kommentar: "This negative energy just makes me stronger. We will not retreat.
This band is UNSTOPPABLE!"
"65daysofstatic (auch 65dos) ist eine instrumentale Math-Rock- und
Post-Rock-Band aus Sheffield, Großbritannien. Die Band verbindet
harte, progressive, gitarrenlastige Instrumentalmusik mit einem gesampleten
Off-Beat-Schlagzeug im Stil von Aphex Twin."
(Wikipedia)
Wenn ihr die Dekonstruktion der Rock-Musik erleben wollt - hier geschieht
sie in Serie.
RHYTHMUS spielt im Sound dieser Band eine entscheidende Rolle. Nicht
so exzessiv und radikal aufs pulsende Klang-Gerüst wie bei den
New Yorker Kollegen von Holy Fuck reduziert, ist die Rhythmik dennoch
einer der dominierenden Faktoren, um den sich zumeist alles weitere
gruppiert. Spannende, faszinierende Kontraste ergeben sich, wenn die
fließenden, melodischen Strömungen mit zügellosen Stakkato-Wellenbrechern
auf einander prallen. Im gelegentlich eingesetzten E-Piano verschmelzen
diese beiden Elemente.
Mir erging es bei den ersten Begegnungen wie wohl den meisten: die paar
Nummern die ich auf last.fm aufschnappte, hatten eine eher abweisende
Wirkung, obwohl der spezielle, eigentümliche Reiz von 65daysofstatic
unmittelbar spürbar wird. Als ich schließlich The Silent
Ballet für mich entdeckte, und "The Fall Of Math" dort in den redaktionellen
Charts des Jahres 2004 die Pole belegte, konnte ich meine Ignoranz nicht
länger aufrecht erhalten. Glücklicherweise, denn 65dos' Verbindung
von Post Rock und Elektronik ist schlicht genial, herausfordernd, aufrüttelnd,
Stil prägend.
Erwähntes Album wird von Fans der ersten Stunde gerne als der definitive
Klassiker von 65daysofstatic gepriesen, die beiden Nachfolger "One Time
For All Time" und "The Destruction of Small Ideas" bieten allerdings
ein vergleichbares qualitatives Niveau. Den Effekt der Frische, Neuheit,
überrumpelten Verblüffung, kann eben nur das Erst-Erlebnis
bieten. Und die den Charakter definierenden Elemente wurden bereits
sämtlich auf "The Fall Of Math" etabliert.
Als Hörbeispiel wählte ich meinen derzeitigen Lieblingstrack
der Gruppe aus, welcher eher die zugängliche, einen nahezu hymnischen
Ansatz pflegende Seite von 65dos zelebriert. Man achte dabei jedoch
auf diese herrlich kontrapunktierende Schrägheit im Gitarren-Chorus.
Um das volle Spektrum abzudecken, lasse ich das Titel-Stück des
Debüts folgen, in welchem in vereinzelten Atempausen ein schwülstige
Orchestration zögerlich andeutender Synthesizer seine gepuderte
Nase hervor streckt, nur, um umgehend von einem Rudel wild gewordener
Percussions dahin gemeuchelt zu werden. Die kontrollierte Anarchie und
hegemoniale Annexion der gesamten Szenerie durch unterschiedlichstes
Schlagwerk geschieht hier dammbruchartig.
Was für Wagemutige, diejenigen unter uns, die glauben, alles schon
einmal gehört zu haben.
Hmm ... einen hab' ich noch ...
Das für alle, die noch nie einen mehr-minütigen Orgasmus
erlebt haben.
So, dies war er also, der erste Teil meines Streifzugs. Kennern, die
sicher viele essentielle Formationen vermissen werden sei gesagt, daß
diese dann eventuell in den Fortsetzungen auftauchen. Mogwai beispielsweise,
zu deren aktuellem, recht umstrittenen Output ich noch immer nicht zu
einer abschließenden Einschätzung gekommen bin (ist das,
was man im Englischen einen "grower" nennt). Die Auswahl geschieht auch
nicht wirklich geplant, sondern aus spontanen Gedanken und Einfällen
heraus, abhängig davon, welche Gruppen im Augenblick durch meinen
musikalischen Kosmos driften.
Beabsichtigt war indes, jeweils mindestens ein Dutzend zusammen zu bekommen,
allerdings wurden die Kommentare üppiger als angedacht, weshalb
ich es erst einmal dabei belassen möchte. Mal schauen, ob ich mich
zukünftig rhetorisch prägnanter zu halten vermag.
http://www.fabchannel.com/de
So etwas habe ich mir schon länger gewünscht. Ganze Konzerte
online streamen, in guter Qualität. Ein echter Fund. Unter dem
Tag "Rock" findet der geneigte Betrachter auch Einträge zu dem
Themenkreis, um den es uns hier geht: Do Make Say Think, Red Sparowes,Explosions
In The Sky, Mono (läuft leider nicht...), We Vs. Death ... allgemein
wünsche ich euch viel Spaß beim Stöbern & Schauen!
http://www.lastfm.de/listen/globaltags/post%20rock
last.fm ist ein unentbehrliches MUSS für jeden Musik-Freund. Dort
macht man unzählige Entdeckungen und kann zugleich das Programm
nach ganz persönlichen Parametern selbst zusammen stellen.
Horizont erweiternd.
Darüber hinaus ist die Seite eine wunderbare Kontakt-Börse;
man erlebt sich als globale Interessengemeinschaft und kann Gleichgesinnte
kennen lernen.
Die eigene Profilseite bedient desweiteren die Bedürfnisse der
Anhänger von Statistiken... ;-)
Wenn online, ist das Einloggen bei last.fm meine erste Handlung.
http://thesilentballet.com/dnn/
Im Laufe des Textes bereits mehrfach erwähnt. Großartig,
unbedingt lesenswert. Nebenbei eine gute Fortbildung in englischer Sprache.
Die angehängten Foren sind übrigens fast noch unterhaltsamer
als das eigentliche Magazin...
Alles Gute & bis zum nächsten Mal!
- Heiko - 01/2009
Part Two
Da ich's aus diversen Gründen einfach nicht verpackt bekomme,
den mit so viel Verve gestarteten PR-Überblick fortzuführen,
schließe ich das Projekt hiermit auf lahmstmögliche Art und
Weise ab ...
Die Planung für etwas Nachfolgendes, dieses mal Genreüberschreitendes,
formal im Telegramm-Stil Gehaltenes, steht allerdings bereits. =)
Surf-Tipp: Die kommende Jahresbestenliste der Redaktion von The Silent
Ballet, der Heimstatt aller an den verschiedenen Ausformungen instrumenteller
Musik Interessierter, sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Suspense
garantiert!
"How far can guitar-driven post-rock go?"
Diese Frage wurde im Forum von TSB verhandelt und ergab eine faszinierende,
klug geführte Diskussion:
Daraus möchte ich eine ausführlichere Passage von Tom, einem
der Redakteure, zitieren, welche einige elementare Punkte anschneidet
und zugleich die Faszination vieler Hörer für diese musikalische
Spielart zusammenfaßt...
"At the same time, Zach is right when he says that a lot of the
reason for this is simply that PR came to the genre because they felt
that all of the other music out there was far too conventional. PR is
exciting because it throws so many of those conventions away, and opens
up many more avenues of expression. When a band ignores this heritage
and decides to create something that is entirely paint-by-numbers, it's
just frustrating.
As for me, I love GDPR. Something in the crescendo/decrescendo dynamic
seems to be firmly placed in my heart. I also have a soft spot for really
long songs, and for watching the distinct evolution of a single musical
concept in a song. This is nothing original. People have been working
on that one for over 4000 years now. IMO, Beethoven managed to perfect
it with his 9th Symphony. But I also have a soft spot for walls of distortion,
and really high-pitched lead guitar lines. So, I like GDPR because it
combines both of those elements into one (hopefully) awesome whole.
As for the future of the genre: I think that it will continue to evolve
as most genres do: there will be a bunch of really cool records that
probably won't be so memorable, but that will provide quality listening
experiences, and then, every once in a while, there will be one band
that blows the whole thing open and does actually take the genre to
a new level. In the end, those will be the records that we will remember
forever."