| METALLICA - St.
Anger (2003)
Wie hieß es
doch vor kurzem noch so vollmundig aus
meiner Schmollecke: "Metallica hingegen haben bei mir auch den allerletzten
Rest an Interesse und Kredit verspielt." Diese Wortblase zerplatzte denn
fast schon erwartungsgemäß nur Millisekunden nachdem sie in
den elektronischen Äther entlassen und gleich darauf der neueste
Klopfer der Amis - welcher standesgemäß umgehend die Pole der
deutschen Charts anführte - mit beeindruckendem Werbetamtam unter's
headbangende Volk gejubelt wurde. Unser aller verehrtes MTV tat sich da
besonders hervor, mit gleich einem ganzen der Band gewidmeten Wochenende,
bestehend u.a. aus den Specials "Behind The Music", "MTV Icon", "MTV Masters"
und einem Live-Mitschnitt vom diesjährigen Auftritt bei "Rock Am
Ring". Muß ich eigentlich noch gesondert erwähnen, daß
ich mir das alles auch brav gegeben habe? Vor allem die ganzen immergrünen
Classics in energetischen Live-Versionen direkt ins heimische Wohnzimmer
gesendet zu bekommen, war für einen alten Sesselfurzer wie mich,
welcher das sich ins wilde Getümmel vor der Open Air-Bühne stürzen
heutzutage lieber den zahlungskräftigen und abenteuerlustigen Youngsters
überläßt, ungemein angenehm. Denn unmittelbar, eben auf
der Bühne, sind Metallica ja noch immer ein jegliche Aufmerksamkeit
lohnendes Ereignis. Da gewinnen auf Platte zwar durchaus okaye, dennoch
ihr eigentliches Potential verfehlende Songs wie "Blackened" nochmals
deutlich an Verve hinzu und das olle, die Setlist-Überholspur im
Jahre 2003 noch immer blockierende Kriechtier "Harvester Of Sorrow" sogar
etwas an Lebendigkeit. Zudem wurden die beiden "Verladenen" komplett ignoriert
und das "Schwarze" allenfalls mit einem verstohlen erst in der Zugabe
gebrachten, verkürzten "Nothing Else Matters" bedacht, während
man mit dem restlichen Song-Repertoire (u.a. "One", "Master Of Puppets",
"Welcome Home (Sanitarium)", "No Remorse", "Seek And Destroy", "For Whom
The Bell Tolls", "Battery" "Creeping Death"....) natürlich nichts
falsch machen und nur gewinnen konnte - die Four Horsemen ließen's
nach allen Regeln der schwermetallischen Kunst mal wieder ordentlich krachen
und lieferten einen starken Auftritt ab, bewiesen, daß sie zumindest
Live in all den Jahren keinen Deut ihrer Energie verloren haben und berauschten
sich sichtlich lustvoll daran.
Sie sind,
das muß man ihnen lassen, nach wie vor ein Phänomen.
So sehr man
es auch versucht, man kann sie, und das nicht nur um der alten Zeiten
willen, einfach nicht ignorieren.
Dies gilt
sogar für eure ZWNN-Redaktion.
So stand ich
denn - da die gehörten neuen Songs, namentlich das Titelstück
"St. Anger" (welches Live viel besser kam, als in der im Mix gitarrentechnisch
leicht verunglückten Studiofassung) und "Frantic", sich alles andere
als schlecht anließen - auch kurz nach VÖ im Plattenladen auf
der Matte, um, wild skipend und searchend wie es so meine Art ist mir
einen groben Überblick zu verschaffen, "St. Anger" ausgiebig näher
zu begutachten. Zunächst einmal wird die direkte, brachiale Produktion
augenfällig. Man glaubt förmlich zu hören, wie die Jungs
zu Produzent Bob Rock kamen und sagten, die nächste Scheibe solle
einem Schlag "voll in die Fresse" gleichen und einen ungeschliffenen Hardcore-Street-Sound
haben. Ob der spontane Entschluß von Lars Ulrich hingegen, zu diesem
Zwecke das der Snaredrum einen satten Klang gebende Fell von selbiger
zu entfernen, um sie natürlicher, mithin hochfrequenter, nämlich
wie ein leeres Ölfass klingen zu lassen, eine weise Maßnahme
war, sei mal dahin gestellt. Jedenfalls wird schnörkellos, to the
bone und ohne viel Effekte fettest losgerockt, der nicht eben veritabel
von einer Kreuzung aus Zwergpinscher und Pittbull vertretene Riff-Wolf
wurde von seiner nur allzu lange getragenen Kette losgemacht und hungrig,
mit noch immer scharfem Gebiss, direkt aus dem Übungskeller auf die
ahnungslose Menschheit losgelassen. Und er bringt, so scheint's, noch
ein vielzähliges Rudel zähnefletschender Freunde mit. Sehr rüde
das Ganze, nur von wenigen atemholenden melodischen Passagen unterbrochen.
Einen Schritt zurück zu den Wurzeln wie es allenthalben kolportiert
wurde, kann ich nicht wirklich ausmachen. Metallica haben sich - und das
verdient grundsätzlich Respekt - einmal mehr neu definiert, jedoch
ihrem Auditorium einen kaum verdaulichen, überdimensionierten, obsessiven,
megalithischen klanglichen Betonquader hingestellt. Dies ist halt das
Dilemma: einerseits will man nicht auf der Stelle stehenbleiben und sich
ausschließlich in der Variation des bereits sattsam Bekannten ergehen,
andererseits seinen ureigenen Stil nicht verleugnen. Den hatten Metallica
bis '91 - danach, mit dem Aufbruch zu neuen Ufern, wirkte vieles leider
nur noch orientierungslos und uninspiriert. Wenngleich in diesem Zusammenhang
kurios aber passend, wird's Zeit, in unserem Mag endlich mal den Dalei
Lama zu zitieren: "Empfange Veränderungen stets mit offenen Armen,
vergiß und verliere darüber jedoch nicht deine die eigenen
Fähigkeiten und Werte."
Vielleicht
meinten sie heuer auch, sich und allen anderen etwas beweisen, den zahlhaften
jungen aufstrebenden Bands der härtesten Gangart zeigen zu müssen,
wer auf diesem Planeten nach wie vor die wahre Aggressivität ausbrütet.
Jedenfalls muß sich bei diesen teils schrägen und zu langen,
sich ermüdend selbst repetierenden Riffing-Orgien, zumal über
eine Strecke von gut 75 Minuten, zwangsläufig Überdruß
einstellen.
Nichts als
Negativität, Brutalität, Depressivität.
Das hier ist
kein nachtmahrischer Flug über die Grenzen des gesunden Menschenverstandes
hinaus, hinein in den Wahnsinn, in tabuisierte Bereiche von Individuum
und Gesellschaft, der einen mit den eigenen seelischen Schattenanteilen
konfrontiert und diese spannungsentlädt, zum dahinschmelzen, zur
Auflösung bringt, damit man hernach dem gereinigt schimmernden Licht
eines jungen Morgens erleichtert schwerelos entgegendriften kann. Nein,
von dieser Reise kommt man wahrscheinlich nur noch beladener, mit
schwererem Herzen zurück. Kaum eine den ausgestoßenen Seelenmüll
verzehrende Komplementärkraft ist erkennbar. Früher war dies
die - auch bei den kompositorisch wie textlich heftigsten Songs - vitale
begeisternde Musikalität, immer ein gewichtiges Momentum in der Musik
Metallicas. Auf "St. Anger" sind kaum lichte, kaum melodiöse Augenblicke
auszumachen, von dieser kahlen, grauen Ödnis wächst kein zaubrisches
Gerank der Sonne entgegen - war da, um nur eines zu nennen, denn überhaupt
einmal ein gescheites Soli oder eine schöne Leadgitarre zu vernehmen?
Nun, nach
"satten, gelangweilten Millionären" klingt "St. Anger" in der Tat
nicht, dennoch hat es scheinbar außer düsterer Rohheit nicht
allzu viel zu bieten und nichts wirklich verlockendes an sich.
Klar, als
richtig schlecht würde das Teil wohl andererseits niemand, einigermaßen
objektiv betrachtet, unbedingt klassifiziert wissen wollen. Es gibt sicher
etliche Leute, die tatsächlich damit einiges anfangen können.
Mag auch sein, daß sich bei eingehender Durchdringung noch Qualitäten
offenbaren, die den ersten Eindrücken verschlossen bleiben (die 5,
6 später im Radio gehörten Songs liefen ebenfalls ziemlich an
mir vorbei), aber ich bin überzeugt, man kann seinen Frust - im Gegensatz
zu diesem grob gezimmerten Dämonenverlies - auf angemessenere Weise
einfangen, freisetzen, ablassen, seine Wut und Aggressionen durchaus konstruktiver
verarbeiten. Unzählige Bands haben dies bereits hinreichend zelebriert
- schließlich auch Metallica selbst.
Angesichts
der mannigfaltigen, vielschichtig emotionalen, wunderbaren Musik, die
es sonst noch dort draußen zu entdecken gibt, verbietet es sich
eigentlich, hierüber noch weitere Worte zu verlieren.
- Heiko - 06/03
Und,
was
denken die anderen ZWNN-Redakteure
über
die neue Metallica?
Bisher noch wenig,
da ich außer dem Titelsong noch nichts von der Platte kenne. Neugierig
hat mich das schon gemacht. Kaufen werde ich mir das Teil definitiv nicht,
aber ich bekomm's sicher in absehbarer Zeit in die Hände. Mein erster
Eindruck, auch nach den von Heiko erwähnten Live-Ausstrahlungen,
ist dieser: Man trifft nach Jahren eine alte Freundin zufällig auf
der Straße, unterhält sich etwas und geht dann mit der Erkenntnis,
daß man sich eigentlich nur noch wenig zu sagen hat, weiter. Jedoch
freut es einen, daß sie sich im Grunde nicht verändert hat
und es ihr offensichtlich gut geht.
- Martin - 07/03
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