|
Heikos
Bücherliste - Erstes
Quartal 2004
Die Wertung gleicht
der Einfachheit halber wieder einmal der bei den Movies, zur Orientierung
vorangestellt abermals der dazugehörige sternige Bewertungsschlüssel...
* - miserabel
** - akzeptabel
*** - gut!
**** - sehr
gut!!
***** - außerordentlich
gut!!!
****** - absolut
großartig, fantastisch, begeisternd!!!!!!!
"Die
triftigste Frage,
die
über ein Buch gestellt werden kann,
ist
die,
ob
es jemals einer menschlichen Seele geholfen hat."
-
Walt Whitman -
Ronald
M. Hahn, Volker Jansen - "Die 100 Besten Kultfilme"
Dieter
Krusche - "Reclams Filmführer"
Martin
Büsser - "Popmusik"
Wolfgang Rumpf - "Stairway To Heaven - Kleine
Geschichte der Popmusik von Rock´n´Roll bis Techno"
Nick Hornby - "31 Songs"
Dean R. Koontz - "Das Versteck"
Joolz Denby - "Im Herzen Die Dunkelheit"
Wladimir Kaminer - "Mein Deutsches Dschungelbuch"
Stephen King - "Dreamcatcher"
Margaret Atwood - "Oryx Und Crake"
Henning Mankell - "Der Chronist Der Winde"
Diverse Autoren - "40 Jahre Fußball-Bundesliga"
Nick Hornby - "Fever Pitch"
Ronald
M. Hahn, Volker Jansen - "Die 100 Besten Kultfilme"
Dies Sachbuch entpuppt
sich bei näherer Betrachtung als exakt den vom Titel evozierten Vorstellungen
entsprechend; also brauchte ich im Grunde kaum etwas dazu zu sagen. Sachlich,
aber zugleich packend, anschaulich und durchaus nicht unkritisch werden
Filme vorgestellt, welche, jeder auf seine ganz spezielle Art, unsterblich
wurden und von einem eingeschworenen Fankreis dauerhafte, kultische Verehrung
erfahren. Aufzählungen dürften überflüssig sein. Viele
der aufgeführten Werke erwartet man in so einem Buch vorzufinden,
einige sind eher überraschend beziehungsweise bislang unbekannt und
einige wenige wie "Rattennest" oder "Deep Throat" hätte man vielleicht
lieber durch andere ersetzt gesehen. Zumal manch wirklich essentielle
und ausgewiesen beständige, ja, für eine solche Zusammenstellung
geradezu zwingende Produktionen fehlen. Nicht weiter verwunderlich, denn
selbst die auf 100 begrenzte Auswahl bringt es bereits auf schlappe 680,
selbstredend auch ordentlich bebilderte Seiten. Es dürfte da sowieso
ein jeder seine eigenen Favoriten haben. Durch die Lektüre angeregt
fing ich spaßeshalber an, Filme, die es ob ihres Status genauso
berechtigt in eine solche Publikation hätten schaffen können,
so, wie sie mir gerade in den Sinn kamen, über mehrere Tage hinweg
sukzessive auf einen Zettel zu kritzeln. Es wurden schätzungsweise
mehr als siebzig... Beispiele: Der Pate, Alien, Der Clou, Omen, The
Crying Game, Nur Samstag Nacht, Forrest Gump, Der Mit Dem Wolf Tanzt,
China Town, The Wild One, Léon, Die Klapperschlange und und
und... - ha!, vielleicht sollte ich versuchen, selbst mal so ein Buch
zusammen zu schustern...!
Nur gut, daß
ich meine Grenzen kenne...
...oder "Night
On Earth", "Harold und Maude", "Fight Club", "Night Of The Living Dead",
die "Rosaroter Panther"-Filme mit Peter Sellers, die "Planet der Affen"-Filme
aus den 60ern und 70ern, "Akira", "Bis das Blut gefriert" (dämlicher
deutscher Titel von "The Haunting", 1963; einer der beängstigendsten
Filme, die ich kenne. Das Remake Ende der 90er unter dem Titel "Das Geisterschloss"
konnte da nicht mithalten) ...
- Martin
-
So glänzend
wie geschrieben wurde das Material auch recherchiert. Dies zeigt sich
indikativ alleine schon an den in ein paar Fällen vorkommenden Anmerkungen
zu schlampig ausgeführten Synchronisationen.
Beide Autoren
zeichnen ebenfalls für fette Lexika über Science Fiction-, Fantasy-
und Horror-Filme verantwortlich, welche allerdings, neben den üblichen
personellen Daten und einem ob der großen Anzahl im Gesamtüberblick
notwendigerweise nur ganz kurz umrissenen Plot, und im Gegensatz zu diesem
hier vorgestellten 1998 erschienenen Buch, für den durchschnittlichen,
laienhaften Interessenten eigentlich keine weiterführenden gehaltvollen
Ausführungen bieten.
Aber das hier
... das war halt mal wieder so ein Schmöker gewesen, der einen für
mindestens drei Tage fieberhaften Lesegenußes nicht mehr losließ...!
*****(*)
Als Nachtrag zum
Thema zwei unbedeutende Erinnerungsfetzen:
>>> Der
bedeutendste, größte und Prototyp aller sogenannter Kultfilme
dürfte ohne Zweifel die Rocky Horror Picture Show sein. Ich
kann mich noch daran erinnern, wie ein paar Freunde und ich Anfang der
90er deren Mythos auf den Grund zu gehen trachteten und sie uns gemeinsam
im Fernsehen ansahen - und brauche wohl nicht eigens zu betonen, daß
wir alle den Streifen so richtig schön scheiße fanden... Heute
sähe ich das bestimmt etwas lässiger, humorvoller, differenzierter,
damals wurde ich von dem schrillen, grellen Musical verwirrt und ratlos
zurück gelassen. Wahrscheinlich versteht man die anhaltende Faszination
der Rocky Horror Picture Show am ehesten, wenn man sich eine Vorstellung
im Kino ansieht und der rituelle Charakter durch die anderen Besucher,
die bei jeder Szene mitgehenden, sich einbringenden, teilnehmenden eingefleischten
Fans veranschaulicht wird.
Die Rocky Horror
Picture Show find' ich ja nach wie vor so richtig schön scheiße.
Mir hat sich bis heute nicht erschlossen, was daran "Kult" sein soll.
Ist die Fernsehübertragung des Mainzer Karnevals Kult? Eben. Völlig
daneben sind zudem Interpretationen, die in dem Film bzw. dem Musical
etwas "Rebellisches" oder "Schräges" sehen wollen. Dann müßte
man "American Pie I - X" auch Systemkritik attestieren, denn das ist die
gleiche Ebene, nur halt 20 Jahre später.
Aber,
Heiko, hast du von notorischen Spaßbremsen wie mir einen anderen
Kommentar erwartet?
- Martin
-
>>> Dann
fällt mir noch der Film Westworld ein, irgendwie ebenfalls
ein kleiner Kultfilm. Ich war vielleicht neun, zehn, höchstens elf
Jahre alt und setzte durch, ihn mir ansehen zu dürfen. Ein grober
Fehler. An diesem Abend lag ich schlotternd unter der über den Kopf
gezogenen Decke im Bett und getraute mich kaum, die Nachttisch-Lampe auszuschalten.
Jeden Moment rechnete ich damit, daß ein sich selbständig gemachter,
emotionsloser Cowboy-Android, aussehend wie Yul Brynner, der schon seit
längerem meine Fährte in unzweideutiger Absicht aufgenommen
hatte, mit gezogenem Colt in mein Zimmer eindringen würde...
Noch tagelang
schien mich der Wecker den ich damals hatte, auf dessen Ziffernblatt ein
laufender Cowboy aufgemalt war, dessen schießeisentragende Hand
wiederum mit der Mechanik verbunden auf und ab wippend Geballere simulierte,
verhöhnen zu wollen....
Nun sollte
man doch annehmen, ein solches traumatisierendes Kindheitserlebnis würde
einen ein für alle Mal vom Wunsch, sich von Horror-Geschichten ängstigen
zu lassen kurieren, oder?!?
Hier ließ
der pädagogische Wert dennoch zu wünschen übrig.
Yo, an "Westworld"
kann ich mich auch noch erinnern. Ich hab' ihn zu einer Zeit gesehen,
als der elterliche Fernsehapparat nicht mehr als drei Programme zur Auswahl
hatte, Mitte der 80er dürfte das gewesen sein. Der Film wurde 1973
gedreht. Den Cowboy-Androiden spielte übrigens wirklich Yul Brynner
und Regie und Drehbuch stammten von Michael "Jurrasic Park" Crichton.
Erst jetzt, wo Heiko den Film erwähnte, fiel mir endlich ein, an
wen mich der "Terminator" erinnert hat, nämlich an den Revolverhelden
aus "Westworld".
- Martin
-
Dieter
Krusche - "Reclams Filmführer"
Etwa 1000 Filme
auf rund 760 Seiten werden besprochen in diesem im Jahre 2000 erschienenen,
wirklich beeindruckenden Wälzer. Nicht unbedingt die besten, sondern
vielmehr, wie der Autor im Vorwort betont, eine Auswahl der wichtigsten
Filme werden für Konsumenten vorgestellt, die von dieser künstlerischen
Ausdrucksform nicht allein Unterhaltung und Zeitvertreib erwarten. Auch
wenn sich auf dem Einband großformatige Bilder aus Titanic
und Lola Rennt lockend breitmachen, erlangt Aktualität oder
kommerzieller Erfolg für die Zusammenstellung keinerlei Bedeutung,
und es werden desweiteren zeitlich alle Epochen gleich berechtigt behandelt,
so gibt es demzufolge viele Einträge aus der ersten Hälfte des
vergangenen Jahrhunderts, auch aus der Stummfilmzeit. Eine hübsche
Ansammlung von Streifen kommt da zusammen, von denen ich zuvor noch nie
etwas gehört hatte und von denen mich viele, zumindest anfangs, allenfalls
am Rande interessierten. So las ich denn selektiv zuerst die geläufigen
Sachen, eine zwangsläufige Vorgehensweise, wird man von der gebotenen
Fülle doch erst einmal erschlagen. Jedoch drang ich beständig
weiter in die faszinierenden Tiefen des Schriftwerks vor und erschloß
mir mittlerweile über drei Viertel des Filmführers. Das war,
wie oben angedeutet, nicht abzusehen und beabsichtigt, wollte ich doch
ursprünglich mich nicht so lange damit aufhalten und vorrangig professionelle
Meinungen und Wertungen zu Filmen lesen, die ich meinerseits schon begutachten
konnte. Selbstverständlich zähle ich mich weniger zu der engstirnigen
Variante der menschlichen Spezies, welche nur jenes fixiert, das sie sowieso
bereits kennt oder das möglichst reibungslos in ihr bisheriges Raster
paßt. So war es etwa durchaus erhellend, mal von fachmännischer
Seite erläutert zu bekommen, was es, um mal einen Namen heraus zu
greifen, mit dem schwedischen Kunstfilmer Ingmar Bergman so auf sich hat.
Bereits der alleine ist, sicher nicht unberechtigt, mit schätzungsweise
mehr als einem Dutzend Werken am Start. Die Zeiten, als ich der pubertären
wie damals unerschütterlichen Auffassung war, das Selbstquälerischste
was man tun könne, sei, sich einen französischen Film anzusehen,
und das Höchste der cinematographischen Kunstfertigkeit wäre
zweifelsohne Abenteuer- und SF-Gedöns perfekten hollywood'schen Unterhaltungszuschnitts
wie Jäger Des Verlorenen Schatzes oder Star Wars, scheinen
sich mit zunehmendem Horizont nun doch so langsam zu verflüchtigen,
abgelebt zu haben. Bei einer Neuaufstellung der Orientierung bieten Standardwerke
wie dieser Filmführer wertvolle Hilfestellungen und Anregungen.
Auch wenn
ich anhand des Beispiels eines anderen anerkannten Meisterregisseurs,
des Spaniers Louis Bunuel, zugegebenermaßen nach wie vor keineswegs
in jedem Fall Zugang finde. Dank Krusches kompetenter Erläuterungen
solcher Streifen wie Belle De Jour oder Dieses Obskure Objekt
Der Begierde des genannten Regisseurs, ist es zwar ohne weiteres möglich,
diese intellektuell zu goutieren, trotzdem jedoch empfand ich sie - sorry
- nicht wenig langatmig... Die Aussage, daß Dieses Obskure Objekt
Der Begierde die Absurdität unserer Realität zeige, erweist
sich als ungenügend, um ein zumindest für mich überwiegend
nichtssagendes Sujet entscheidend aufzuwerten. Nun, ich möchte aus
dem Widerspruch zwischen Kommentierung der umweltbedingten Realität
und beabsichtigter Absenz derselben, zwischen botschaftummanteltem Anspruch
und simplem Entertainment hier keine längere Diskussion entfachen,
es dürfte mir sowieso schwerlich in einigen wenigen Sätzen gelingen,
diesen permanenten Spannungsbogen im Bereich der Kreativität zu entkrampfen
und zu einer Versöhnung zu bringen. Am vorteilhaftesten in der Kunst
ist sowieso, wenn diese Trennlinie - beim Schaffenden, den Rezipienten,
dem Werk selbst - verwischt und beides zugleich erreicht wird.
Als Fazit
kann man den Filmführer etwaigen Interessenten uneingeschränkt
empfehlen. Krusche gibt die Plots sehr anschaulich wieder und seine messerscharfen,
wirklich klugen und tiefschürfenden Analysen sind von massiver Anerkennung
abverlangender Brillanz.
******
Martin
Büsser - "Popmusik"
Dieses im Jahre
2000 erschienene kleine Büchlein setzt sich, der Titel mag es andeuten,
mit der Entwicklung der Popmusik, von ihren Anfängen bis in die Gegenwart
der Jahrtausendwende, auseinander. Dabei wirft jedes Kapitel ein Schlaglicht
auf all ihre verschiedenen Spielarten wie Rock'n'Roll, Beat, Psychedelic,
Hippie-Bewegung, Funk, Politrock, Glam, Disco, Punk, New Wave, Hip Hop,
Grunge, das DJ und Techno-Kontinuum, Post-Rock uvw., wobei für mich
gerade Themen, zu denen mir bislang weitgehend der Zugang fehlt, am reizvollsten
erschienen. Die Herangehensweise bleibt bewußt knapp und skizzenhaft
gehalten, so daß sich der Umfang in 90 Seiten bereits erschöpft.
Besonderes
Augenmerk legt Büsser (Mitherausgeber der Zeitschrift Testcard
- und schrieb er nicht auch mal für's Zap?) (stimmt! -
Martin) auf die gesellschaftliche Relevanz und Dissidenz einer jeden
künstlerischen Äußerung. Für meinen Geschmack bleibt
es für manche Stilarten eher als für andere unangebracht, daraus
ein übertriebenes Politikum zu konstruieren oder ein solches einzufordern.
Da sind wir bei einer kleinen Problematik und bei einer entscheidenden
Divergenz angelangt. Denn Büsser neigt dazu, dies unentwegt zu tun.
Mit politischem Bewußtsein aufgeladen und offensichtlich tendenziell
aus der linken Ecke kommend, wittert er sofort Stillstand der Entwicklung,
kindliche Banalität und einen Verwendungszweck, den früher die
Kommunisten auf die Religion bezogen mit Opium für's Volk
umschrieben, wenn ein Kunstwerk es wagen sollte, sich zu sehr an etablierten
Formen zu orientieren oder seine Daseinsbegründung größtenteils
in sich selbst zu finden. Dies führt zwangsläufig in tendenziöse
Abschnitte wie dem nachfolgend zitierten:
"Für
Idealisten war spätestens um 1974 entschieden, daß die Popmusik
ihren rebellischen Geist verloren hatte und zum bloßen Geschäft
wurde. An den Stars jener Zeit, von Genesis bis Pink Floyd, von Deep Purple
bis Fleetwood Mac, trat die Kommerzialität offen zutage. Diese Rock-Dinosaurier
verband weder etwas Politisches noch Rebellisches, viel mehr waren ihre
inszenierten Live-Spektakel perfektes Illusions-Theater, sie standen vor
allem für aufwändig produzierte Konzeptalben. Die Plattencover
von Bands wie Yes, Emerson, Lake & Palmer und Led Zeppelin waren im
märchenhaften Fantasy-Stil gehalten, ihre Songs erzählten von
Rittern, Feen und Elfen. ... Die Arrangements wurden aufwändiger,
doch jeglicher Bezug zur Gesellschaft verschwand. ... Bombast und Virtuosität
sind hier zum Selbstzweck geworden."
Mal ganz
von dem Umstand abgesehen, daß die genannten Bands sicherlich alles
andere als ausschließlich von Rittern, Feen und Elfen erzählten,
halte ich es einfach für problematisch, Kunst an irgendwelchen Dogmen
festmachen zu wollen und, sollte sie die erforderlichen Merkmale nicht
aufweisen, zu verwerfen. Wer behauptet denn, daß Musik unbedingt
politisch oder rebellisch sein müsse?!? Natürlich hat sie immer
einen gesellschaftlichen genauso wie einen individuellen Bezug, aber ihre
subversive, revolutionäre Kraft ist doch nur ein Wert unter vielen
anderen. Musik kann große gesellschaftliche Umwälzungen, wie
beispielweise in den Sechzigern, begleiten, wiederspiegeln, ja sogar vorantreiben.
Aber Popmusik in ihrer Gesamtheit hat sich inzwischen, wie Büsser
selbst feststellt, längst saturiert, ist Teil des Establishments
geworden, ist fest in der Hand der Medien und Unterhatungsindustrie. Wenn
eine potentiell rebellische Jugendbewegung, so wie vor einem Jahrzehnt
der Grunge, aus den versifften Übungskellern und verrauchten kleinen
Clubs, aus der individuellen Subkultur ans hochglänzende mediale
Licht der breiteren Öffentlichkeit gelangt, wird sie zwangsläufig
von den Konzernen umgehend auf- und ausverkauft. Ein bezeichnendes aktuelles
Beispiel sind die Rock'n'Roller von Jet, deren fetziger erster Single-Hit
sogleich gewinnträchtig für einen Werbespot des Telekommunikationsriesen
Vodafone verbraten wurde. Sieht darin heute noch einer ein Problem? Anbiederung
statt Rebellion: Popmusik ist inzwischen nicht nur ein großes Geschäft,
sondern ein allgegenwärtiger Teil des Alltags. Außerdem scheinen
alle möglichen Extremitäten in Wort, Geste und Ton mittlerweile
ohnehin exploriert und ziemlich ausgereizt, alle Provokationen schon einmal
dagewesen und alle Tabus gebrochen. Wo soll sich da das Rebellentum denn
noch festbeißen, außer vielleicht, wie jüngst im Punk-Rock-Stil,
an der Wade der amerikanischen Bush-Administration, der dankbarsten und
fettesten aller Zielscheiben? Wenn irgendein besorgter, ein politisches
Amt bekleidender Spießbürger den Schock-Rocker Marylin Manson
(wieviel von dessen Auftreten kommerzielles Kalkül ist, bleibt eine
andere Frage) für den Untergang der westlichen Zivilisation verantwortlich
machen und als willkommenen Sündenbock für das Massaker von
Littleton brandmarken möchte, bildet das heutzutage eher die Ausnahme.
Selbstredend
ist es wichtig, daß Kunst den Menschen sowohl intellektuell stimulieren
und wenn es angebracht erscheint auch irritieren, herausfordern, erschüttern,
provozieren darf. Das möchte sicher niemand in Abrede stellen.
Aber was gäbe
es denn, weiterhin gefragt, andererseits gegen "perfektes Illusions-Theater"
einzuwenden? Darf man sich keinerlei Auszeit von einer zuweilen drögen
bzw. für sich genommen bereits ausreichend fordernden Alltagsrealität
gönnen? Was diente denn besser der Erholung und Erbauung? Man könnte
gerade meinen, für den aufgeklärten, denkenden Homo Sapiens
dürften zu diesem Zwecke allenfalls noch die 20:00 Uhr-Nachrichten
herhalten. Der Eintritt ins Abenteuerland kostet nun mal den Verstand,
selbst wenn dies manchem allzu intellektuell orientierten Menschen zwangsläufig
auch noch so suspekt erscheinen mag. Es ist in meinen Augen eine Unsitte
solcher Leute, daß sie meinen, Musik, welche keinen plakativ-offensichtlichen
Konfliktstoff stilistischer oder inhaltlicher Natur bietet, nicht anders
als abwertend behandeln zu können.
Letztlich
unabhängig davon, ob man mit rotzigen, kämpferischen Hymnen
soziale Mißstände und politische Verfehlungen angreift, oder
sich identitätsverloren auf eine introvertierte Traumreise begibt,
sich nach außen oder innen wendet, sich in eher konventionelle oder
experimentelle Strukturen begibt, hat alles seine Berechtigung, ist jedwede
Form der Äußerung, Rezeption, Kommunikation als gleich berechtigt
anzusehen - sofern sie andere nicht beeinträchtigt und das eigene
Dasein bereichert. Solange man liebt, was man tut.
Okay, genug
damit. Meine Position dürfte wohl deutlich genug geworden sein.
Üblicherweise
kursieren solche Fragestellungen ja sowieso eher an der Peripherie meines
diskursiven Bewußtseins.
Ich kann die
Denk- und Sichtweise von Leuten wie Martin Büsser absolut nachvollziehen
und respektieren. Wie man aber sieht, pflege ich mich dann doch unverhältnismäßig
daran zu reiben...
Selbst wenn
mich jede andere Art der Konzeption ebenso verstandes- wie gefühlsmäßig
interessiert, ist Musik für mich, vor allem anderen, erst einmal
dieses: einerseits eine Art universeller Kommunikation, ein unmittelbarer
Austausch von Seele zu Seele, und zugleich ein Tor zu einer glückstrahlenden
Innerlichkeit.
Da es sich
anbietet, lasse ich mir einmal mehr von good ol' Hermann Hesse eine abschließende
Bekräftigung ausstellen und meine Abhandlung abrunden... "Zwischen
Marx und mir ist, abgesehen von den viel größeren Dimensionen
von Marx, der Unterschied der: Marx will die Welt ändern, ich aber
den einzelnen Menschen. Er wendet sich an Massen, ich an Individuen. Je
weniger ich an unsere Zeit glauben kann, desto weniger stelle ich diesem
Verfall die Revolution entgegen, und desto mehr glaube ich an die Magie
der Liebe."
Na gut,
einen hab' ich noch...
Durch die
demonstrativ unpolitische und drogendurchdrungene Techno-Bewegung wurde
Büsser überraschenderweise zu keiner seiner - wirklich nur vereinzelten!
- wegwerfenden Äußerungen provoziert.
Daß
sich die Techno-Raver von ihrer geistigen Intention und ihrem Umgang mit
dem Medium Musik trotz aller äußerlichen Divergenzen von jemandem
wie mir kaum unterscheiden, der sich auf die Couch setzt bzw. ins Bett
legt, die Augen schließt, sowie alle anderen Sinne und den nun überflüssigen
Organismus abschaltet, und sich wassergleich dahinfließend in der
Veränderung von Perspektive und Bewußtsein mit den Klängen
(Texten) verwoben in eine völlig andere, nicht minder reale, sondern
viel mehr noch wesentlich lebendigere und unbegrenzter dimensionierte
Welt und Daseinsform entschwinden läßt, wurde mir umgehend
durch Beobachtung und Einfühlung klar. Ein in Büssers Buch zitierter
Typ namens Peter Huber lieferte mit einer wirklich coolen Formulierung
die Bestätigung...
"Tanzen:
Warum
ist Techno / House in erster Linie Tanzmusik?
Seit
es den Menschen gibt,
sucht
er in Tanz und Rhythmus
Verbindung
zu Kräften und Zuständen,
die
ihn aus seiner bestehenden Beschränkung
befreien
und
ihm den Alltag erträglicher machen.
Einfacher
ausgedrückt:
Mit
viel guter Laune und dem Groove unterm Arsch
läßt
sich der ganz normale Wahnsinn
besser
ertragen."
Wertung des
ansonsten kenntnisreich und gut geschriebenen Buches im ganzen, grob über
den Daumen gepeilt: ***(*)
Wie Heiko sich
richtig erinnert hat, schrieb Martin Büsser Anfang der 90er Jahre
für's Hardcore-Fanzine ZAP, das man, wenn man damals, wie wir, ein
Fanzine herausgab, einfach kennen mußte. Zuerst widmete sich Martin
Büsser der wissenschaftlichen Untersuchung von Punk und Hardcore,
später, in seinen Büchern im Ventil-Verlag, an dem er irgendwie
beteiligt ist, Phänomenen der Pop-Kultur allgemein. Daraus erklärt
sich die Herangehensweise von "Popmusik", musikalische Stilrichtungen
auf ihre gesellschaftspolitische Relevanz hin abzuklopfen. Wen das nicht
stört, dem seien zwei weitere Bücher von Martin Büsser
empfohlen, nämlich "If the kids are united - Von Punk zu Hardcore
und zurück" (1998) und "Antipop" (1998), beide im Ventil-Verlag erschienen.
Und
weil's mal wieder gerade so gut paßt, und mir Heiko da sicher zustimmen
wird: Es ist nicht unmöglich, die symphonische Breite des 70er Jahre-Progressiv-Rock
mit der Geisteshaltung von Punk und Hardcore zu verbinden, also den Hörer
stark emotional anzusprechen und zugleich zu verstören. Hört
euch "Lift You Skinny Fists Like Antennas To Heaven!" von GODSPEED YOU!
BLACK EMPEROR an und danach die restlichen Erzeugnisse des Musiker-Kollektivs
aus Montreal, und ihr wißt, was wir meinen.
- Martin
-
Wolfgang
Rumpf - "Stairway To Heaven - Kleine Geschichte der Popmusik von
Rock´n´Roll bis Techno"
Wiederum ein kurzer
Abriß fast eines halben Jahrhunderts Popmusik, diesmal aus dem Jahre
1996. Rumpfs Herangehensweise ist, zumindest partiell, etwas persönlicher
koloriert sowie mehr ins Detail vordringend als Büssers Variante
und erreicht somit zwangsläufig mit rund 200 Seiten den doppelten
Umfang. Älteren Semesters (Jahrgang '52) fühlt Wolfgang Rumpf,
Redakteur bei Radio Bremen und Lehrbeauftragter für Popjournalismus
und Musikkritik an der Uni Oldenburg, sich bei musikalischen Stilen wie
Beat, Blues oder Soul spürbar am wohlsten. So gibt er denn auch aus
seinem reichhaltigen eigen-biographischen Erfahrungsschatz eine ausführlichere
Anekdote über seine den Beatles nachempfundene Band The Dandymen,
welche Ende der Sechziger die Beat-Schuppen der Republik unsicher machte,
zum besten.
Beim Beschreiben
des Charakters der Punk-Explosion hält sich Rumpf - soweit ich das
mit meinem rudimentären Wissen beurteilen kann - noch recht wacker.
Als die Sprache allerdings auf den Heavy Metal kommt, werden, wie so oft
zuvor, wieder einmal die abgeschmacktesten Klischeebilder aus der Mottenkiste
eines eigentlich ahnungslosen, einen allenfalls oberflächlichen Blick
riskierenden Soziologen hervor gezerrt. Die ich allerdings nun nicht durch
Nachplappern aktualisieren und verbreiten möchte. Zweifellos jedoch
reichen viereinhalb beiläufige Seiten wirklich nicht aus, um einen
vielgestaltigen Musikstil und seine soziale Relevanz angemessen zu beleuchten.
Na, geschenkt.
Untragbar
bleiben hingegen vereinzelte journalistische Aussetzer wie das Bezichtigen
der "zynischen US-Band Monster Magnet", welche 1995 besonders perfide
die 60er zitiert haben soll, indem sie Songs des verrückten Sektengurus
und Mörders Charles Manson verwendete. Davon habe zumindest ich noch
nie gehört, das augenscheinlich angesprochene 95er Album "Dopes To
Infinity" auch zufälligerweise bei mir im Schrank stehen und im Booklet
nach Hinweisen auf Manson-Sympathisantentum oder -Kompositionen vergeblich
gesucht.
Dann schreibt
er einen Song aus Ozzys Solokarriere Black Sabbath zu. Gut, das kann mal
passieren und wäre ja noch mit einem Schmunzeln lässig abzutun
- und ich wäre sicher der Letzte, der über Recherchefehler anderer
Schreiber Schadenfreude sich zugestehen dürfte. Jedoch mit einer
unterstellenden Aussage wie "daß sich ein Fan nach tagelanger
Selbstberieselung mit ihrem Song "Suicide Solution" tatsächlich umbrachte,
war da < bei Sabbaths Tour Mitte der 90er > bereits längst
vergeben und vergessen." Black Sabbath für jenen bedauerlichen
Vorfall, für welchen man bereits damals Ozzy mit Freispruch endendem
Ausgang vor Gericht zerrte, explizit und ausschließlich in die Verantwortung
zu nehmen, halte ich für eine arglistig und berechnend erscheinende,
empörende Verleumdung. Man sollte im allgemeinen, und im besonderen
wenn man ein Sachbuch verfaßt, solcherart billige und aus der Luft
gegriffene Polemik versuchen zu vermeiden. Zugegeben, der letzte Vers
des besagten Songs mit seiner - aus der Erinnerung zitierten - Zeile "...and
suicide seems the only way out" ist nicht unproblematisch. Wenn man ihn
jedoch, wie man natürlich sollte, im Zusammenhang mit den vorhergehenden
Versen liest, erschließt sich recht deutlich, daß es hierbei
um die autobiographische Beschreibung von Alkoholismus geht und die damit
verbundene Warnung, daß fortgesetzter schwerer Alkoholmißbrauch
in letzter Konsequenz in eine depressive Sackgasse führen kann, welche
einem den eigenen Freitod schließlich als einzig verbliebenen Ausweg
erscheinen läßt.
Was vielleicht
außerdem im inhaltlichen Bereich noch ein wenig störend wirkt,
ist das perpektivische Übergewicht auf Äußerlichkeiten
und Image, wenn die Sprache beispielsweise auf Pop-Style-Ikonen wie Queen,
Guns'n'Roses oder Madonna kommt. Zugegeben, bei manchen Künstlern
spielt dieses halt tatsächlich eine wesentlich dominierendere Rolle
als eventuelle kompositorische Qualitäten. Für die eine oder
andere Showgröße scheint die Musik selbst nur unwesentlich
mehr zu sein, als ein hilfreiches Mittel zur narzistischen Eigeninszenierung.
Demgegenüber
wird der gesellschaftliche Kontext der unterschiedlichen Stitrichtungen
und Epochen im Buch eigentlich im Großen und Ganzen gut durchleuchtet.
Alles in allem, trotz meiner kleinen Vorbehalte, bleibt also dennoch eine
recht lesenswerte Abhandlung.
***(*)
Nick
Hornby - "31 Songs"
Anders als Rumpf
oder Büsser verzichtet Nick Hornby in seinem eigenen kleinen Buch
über das Phänomen Popmusik bewußt auf den großen
sozialen und historischen Überblick, zugunsten einer konsequent persönlich
gehaltenen, selektiven Komposition.
Seine Liebe
zur Popmusik wurde bereits in seinen Romanen immer wieder einmal evident.
Wenn er in High Fidelity beispielsweise nicht nur dem von uns allen
sicherlich schonmal ausgesprochenen und aufgrund der technischen Entwicklung
beinahe zum reinen Anachronismus zerlaserten Satz "ich mach' dir mal'n
Tape" ein literarisches Denkmal setzt. Oder wenn der Einfluß
und Werdegang einer Band namens Nirvana in About A Boy zwanglos
mit der Geschichte verwoben wird und der Freitod von Kurt C. seine Entsprechung
schließlich im "richtigen Leben", in dem gescheiterten Versuch von
Marcus' Mutter findet.
In 31 Songs
findet Musik nicht mehr nur beiläufige Erwähnung, sie steht
im Mittelpunkt. Wobei jedoch hinter jedem der behandelten Stücke
ein übergeordnetes Thema sich aufbaut, es also sich über die
Musik hinaus gehend, wie selbstverständlich, unzählige Bezüge
zum Leben im allgemeinen und dem des Autors im besonderen ergeben. Es
bleibt somit eher unerheblich, ob man die behandelten Bands und Künstler
nun mag oder aber auch nicht, da deren Songs in den einzelnen Kapiteln
zu einem guten Teil exemplarischen Charakter gewinnen.
Bei "Thunder
Road" von Bruce Springsteen (Martin? Wie sieht's aus, haha? Wir warten
auf die gehässige Klammerbemerkung...) beispielsweise zeigt Hornby
auf, wie ein Stück Musik einen Menschen scheinbar sein ganzes Leben
lang, durch alle Höhen und Tiefen hindurch, begleiten kann.
Bei einem
Instrumental von Santana stellt er die Beziehung zwischen Sex und Musik
her.
Bei einem
Song (ihr seht, ich hab' das Buch gerade nicht zur Hand...) handelt er
die verschiedensten Arten von Gitarrensoli ab, bei einem anderen beschreibt
er, wie beizeiten selbst bei jemandem wie ihm, der gerne seine grundsätzlich
atheistische Überzeugung hegt, plötzlich, unter dem überhöhenden
Einfluß harmonischsten klanglichen Geränkes, unerwartete religiöse
Empfindungen aufzuwallen pflegen.
Bei "I'm Like
A Bird" von Nelly Furtado sinniert er über die Halbwertzeit von Popmusik,
denn ein eingängiger Dreiminutensong könne seine Geheimnisse
eben nicht ewig vor einem verbergen. Obwohl Nellys Debut-Album kaum etwas
enthalte, das so gut sei wie "I'm Like A Bird", findet es Hornby doch
erstaunlich, wie eminent die Anziehungskraft eines einzigen kleinen Liedes
sein kann, wie regelrecht süchtig man eine zeitlang danach werden
könne.
Ein Ambient-Track
an dem er gefallen fand, und der ihm kurz danach durch seine inflationäre
Verbreitung in Fahrstühlen, Werbung, Radioprogrammen usw. fast verleidet
wurde, steht exemplarisch für eine heutzutage kaum zu vermeidende
Reizüberflutung durch Popmusik (oder Information im allgemeinen)
und ihre Folgen. Gerade hier sind seine Schlußfolgerungen sehr interessant.
Wie auch bei
dem Stück namens "Frankie Teardrop" von einer Band mit dem vielsagenden
Namen Suicide, einer ultra-düsteren Klangcollage voller Verstörtheit
und Hoffnungslosigkeit. Hier hat er auf seine ganz eigene Weise den Reibungspunkt
zwischen den erbaulichen, beglückenden und den aufrüttelnden,
provozierenden Aspekten von Kunst abgehandelt. Ganz ähnlich in seiner
Aussage, wie ich selbst sie weiter oben traf, als es mich, gereizt durch
Büssers Selbstgefälligkeit, gegenentwurfbeflissen an die Tastatur
trieb.
Was bereits seine
Romane auszeichnet, unter anderem der trocken-lapidare britische Witz,
entwaffnende Ehrlichkeit und ungekünstelter Charme, zeigt seine neueste
Veröffentlichung ebenfalls überreich - 31 Songs ist einfach
ein, wer hätte bei Hornby ernsthaft anderes erwartet, verdammt geniales
Buch! Wenn ich selbst je eines über Popmusik schreiben sollte, müßte
es wohl genau so aussehen. Er würde so eine - natürlich in Zuneigung
mit sanft-ironischem Lächeln auf den Lippen gemachten und leicht
überzogenen - Einschätzung in aller Bescheidenheit weit von
sich weisen, aber dieser kleine, untersetzte, seines Haupthaars längst
verlustig gegangene Engländer mittleren Alters bestätigt einmal
mehr, daß er zweifelsohne einer der coolsten Typen ist, die derzeit
unter der Sonne wandeln.
Für die
im Juni 2004 erscheinende Taschenbuch-Ausgabe von 31 Songs ergeht
hiermit an alle unsere Leser ein ultimativer Kaufbefehl! Ich selbst werde
es mir dann ebenfalls holen - und das, obwohl die Aschaffenburger StaBi
ein gebundenes Exemplar im Regal stehen hat. Wer meinen unerschütterlichen,
ans Pathologische grenzenden Geiz kennt, weiß, daß kein kraftvolleres
Argument für dieses Buch gefunden werden kann.
******
Dean
R. Koontz - "Das Versteck"
Eigentlich wollte
ich zukünftig unappetitliche Stories, in denen perverse, mörderische
Psychopathen ihr Unwesen treiben, tunlichst meiden. Was düstere,
spannungsgeladene Thriller angeht, läßt man sich - zumal bei
der begrenzten eigenen Kenntnis interessanter und anspruchsvoller Schriftsteller,
komplementär zur begrenzten Auswahl in der heimischen Bücherei
- doch immer wieder einmal hinreißen. Gerade Koontz schleicht sich
oft ungerufen in die engere Auswahl. Eben aus dem Grunde, weil er halt
ein versierter Unterhaltungshandwerker ist, der Spannung garantiert, bei
dem jedoch nicht unangebrachte Gewaltdarstellungen im Vordergrund stehen,
sondern vielmehr die Entwicklung von Geschichten und Charakteren. Zwar
ist Koontz' Psycho kein zivilisierter Schöngeist wie etwa Thomas
Harris' Hannibal Lecter, doch sein von einer perversen Ideologie unterfütterter
Antrieb wird gut herausgearbeitet. Ebenso wie das Innenleben der von ihm
bedrohten Familie.
Die Auflösung wartet dann sogar noch mit einer relativ unerwarteten
Pointe auf.
Vom Aufbau erinnert "Das Versteck" ziemlich, vielleicht ein wenig zu sehr,
an des Autors gelungensten, tiefschichtigsten Roman "Brandzeichen". Ohne
nun, so ganz im allgemeinen, mit seinen Büchern überhaupt jemals
in die Gefahr irgendwelcher Orginalitätsverleihungen geraten zu
können...
****
Joolz
Denby - "Im Herzen Die Dunkelheit"
Kurz mit dem Blick
gestreift.
Nochmal hingeschaut.
Ist das nicht...?
Blick abermals
schweifen lassen.
Könnte
es denn wirklich sein...?
Mit dem Blick
diesmal festgenagelt und das Buch zur näheren Inspektion aus dem
Regal gezogen.
Tatsächlich,
bei Joolz Denby handelt es sich, wie die Angaben zur Autorin im Innern
rasch offenbarten, um eben jene Joolz, die zum New Model Army-Umfeld gehört,
die alle Coverbilder der englischen Rockband malt und - soweit mir bekannt
- die Lebensgefährtin von Justin Sullivan ist. Vor dem Nürnberger
Hirsch trafen Martin und ich sie 1996 sogar mal kurz, als wir das Interview
mit Justin bestätigen wollten und Joolz zusammen mit dem Tour-Manager
im lockeren Plausch in der Nachmittagssonne sitzend vorfanden. Wir wechselten
ein paar Worte, wobei sie einen offenen, sympathischen Eindruck hinterließ,
drückten ihr unser Heft in die Hand und verabschiedeten uns dann
relativ zügig, um nicht über Gebühr zu stören (und
noch einige Fragen vorzubereiten, denn wir waren - muß es noch gesondert
erwähnt werden? - natürlich denkbar unzureichend vorbereitet...).
Mit Im
Herzen Die Dunkelheit nun, legte Joolz vor wenigen Jahren ihren
Debut-Roman vor. Da das ganz und gar Unwahrscheinliche eintrat und ein
Exemplar in unserer kleinen heimischen Bücherei seinen Platz fand,
war es für mich Ehrensache, das Teil mitzunehmen und zu lesen. Es
handelt sich dabei um einen außergewöhnlichen Thriller, der
in Joolz' Heimatstadt Bradford angesiedelt ist, also auf bekanntem Terrain,
was bei einem Debut sicher von Vorteil ist und die detailierte Beschreibung
der Lokalität und des Milieus wesentlich erleichtert. In einer Wohngemeinschaft
der dortigen Boheme nistet sich David (Name v. d. Red. geändert)
ein, die neue Beziehung von Jamie, welche die unangenehme Angewohnheit
hat, sich selbstquälerisch nur die übelsten Kerle an Land zu
ziehen. Wie sich nach und nach herausstellt, ist David die unangenehmste
vorstellbare Wahl, entpuppt er sich doch schließlich als eben jener
Serienmörder, der die Stadt bereits seit Monaten in Atem hält...
Das klingt
erstmal nach dem üblichen Schema, dieses wird jedoch durch Joolz'
unkoventionellen Stil aufgebrochen, der einerseits sehr authentisch und
direkt, andererseits - vom Finale abgesehen - Gewalttätigkeit nur
andeutend und mit einigem psychologischem Feingefühl daher kommt.
Die Sprache ist, um den Charakteren umso mehr Glaubwürdigkeit zu
verleihen, sowohl ungeschliffen und unverblümt - was einigen zartbesaiteten
Gemütern mißfallen könnte - , aber auch voller Empfindsamkeit.
Als effektiver Einfall erweist sich, die Rolle der Ich-Erzählerin
nicht der Hauptperson zu übertragen, sondern deren bester Freundin,
die voll involviert ist und dennoch mit etwas Abstand die Entwicklung
des Dramas zu überblicken vermag. David und Jamie sind letztlich
beides tragische Figuren, jede mit dunklen Flecken in ihrer Vergangenheit,
die sie wie ein abgekapseltes Steinkind (Stone Baby, so der Originaltitel)
mit sich herumtragen und die unverarbeitet beständig ihre Persönlichkeit
ihr Handeln unbewußt mehr oder weniger mitbestimmen.
Ein beachtenswertes
Debut.
****
Wladimir
Kaminer - "Mein Deutsches Dschungelbuch"
Der russischstämmige
Autor des Bestsellers Russendisco (noch nicht gelesen, bei Gelegenheit
vielleicht mal) faßte in diesem episodenhaften Büchlein seine
Erlebnisse während zahlreicher Lesereisen durch die deutschen Lande
zusammen. Bei der Beschreibung von Städten, Situationen und natürlich
den Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen legt Kaminer einen
sehr offenen, wertungslosen, fast schon kindlich-naiven Blick an den Tag,
der umgehend die Sympathien des Lesers gewinnt.
Gewöhnlich ist das Adjektiv nett ja eher negativ belegt, im
Sinne von ganz in Ordnung, eigentlich aber langweilig; in diesem Fall
möchte ich es verwenden und trotzdem positiv verstanden wissen. In
dieser schlichten und doch, oder gerade deswegen einfühlsamen Reflexion
ausschnitthafter alltäglicher Realitäten von Land und Leuten,
welche des Humors durchaus nicht entbehren muß, verbreitet sich
völlig ungezwungen Verständnis, Verständigung und unaufdringliche
humanitäre Gesinnung.
Empfehlenswert als leichte Urlaubslektüre, wenn man sich mal etwas
beiläufig Verdauliches eingeben möchte, ohne gleich in banaler
Seichtheit umherzutappen und das Gefühl haben zu müssen, nur
seine kostbare Zeit zu verschwenden.
***(*)
Stephen
King - "Dreamcatcher"
Als Zeitverschwendung
möchte ich auch die letzte, flockige 860 Seiten starke Schwarte von
unser aller S. K. ungern abqualifizieren. Allerdings - die zusammen gestellten
UFO-Beobachtungs-Schlagzeilen von Roswell bis heute als Einstimmung lassen
es ahnen - sollte man nicht unwillens sein, sich die x-te Story über
fiese Außerirdische, die sich, ohne gültige Einreise-Visa vorweisen
zu können, auf unserem Heimatplaneten einzunisten trachten, welche
zudem allzu deutlich Versatzstücke aus Alien oder The Body
Snatchers breit tritt, über sich ergehen zu lassen. Mit von King
bereits Gewohntem wird ebenso beim Personal aufgewartet: etwa den vier
alternden Jugendfreunden, die in der Einsamkeit der Wildnis eine unheimliche
Begegnung haben - klassische, wie immer sehr gut und mit breiten Pinselstrichen
gezeichnete Charaktere; oder aber der übliche durchgeknallte Militärbefehlshaber,
der nicht eben zimperlich ist in der Wahl seiner Mittel, um die bedrohliche
Situation zu bereinigen, welcher vollkommen im überzeichnet psychopathologischen
Klischee steckenbleibt.
Einen jederzeit
drohenden vorzeitigen Break verhinderte Kings zupackender Stil und die
immense Spannung. Als richtiges Highlight darf der fintenreiche, allein
in dessen Bewußtsein ausgetragene Kampf zwischen Jonesy und den
ihn befallenden, zu übernehmen und psychisch völlig auszulöschen
drohenden extraterrestrischen Sporen gewertet werden, welcher sich zum
entscheidenden, fulminanten Psychoduell auswächst.
Insgesamt
nichts wirklich Zwingendes also, Licht und Schatten. Auch wenn King mit
Das Monstrum das Thema schonmal intelligenter und zudem unterschwelligem
gesellschaftssatirischem Anspruch abgehandelt hat, und man ihm wünscht,
er würde sich endlich von diesen wiederkehrenden, zunehmend langweilenden
Horror-Standards lösen (Der Buick fiel mir vor Monaten mal
in die Hände und dürfte, geht man nach Titel und Klappentext,
eigentlich nichts anderes als ein Klon der guten alten Christine
sein...), kann man sich Dreamcatcher andererseits aber durchaus
geben.
***(*)
Margaret
Atwood - "Oryx Und Crake"
Nachdem ich ein
interessantes Interview mit der Autorin in der 3Sat Kulturzeit
sah, war ich nicht wenig gespannt auf ihr Werk. Zumindest Oryx Und
Crake, soweit ich weiß ihre letzte VÖ, konnte mich nicht
so recht überzeugen. Es geht darin um das Überleben eines vereinzelten
Menschen in einer von Umweltkatastrophen zerstörten nahen Zukunft,
der in Rückblenden sein Leben und seine degenerierende, dahinsiechende
Zivilisation betrachtet und rekonstruiert, wie es soweit kommen konnte.
Gut und durchaus intelligent geschrieben, ohne Zweifel, ich schaffte trotzdem
nur 200 der 380 Seiten, da es mir zu pessimistisch, trist, nun ja, auch
schlicht zu langweilig wurde...
**(*)
Henning
Mankell - "Der Chronist Der Winde"
Der schwedische
Autor Henning Mankell wurde ja durch seine Krimis um den Kommissar Wallander
zum internationalen Bestseller. Dieser Roman ist nun etwas vollkommen
anderes. Er handelt von einem sterbenden Straßenkind in Mosambik,
Afrika, das einem Bäcker in mehreren aufeinander folgenden Nächten
sein Leben erzählt. Eine Präsenz und Geschichte, die dessen
eigenes Dasein gänzlich verändert.
Wenn ich mich auch
ein wenig hindurchnötigen mußte, dennoch ein interessantes
und gefühlvolles Dokument über eine fremde Lebenswirklichkeit
in einem fernen, kaum weniger fremdartigen Kontinent.
***(*)
Diverse
Autoren - "40 Jahre Fußball-Bundesliga"
Auch dieses zufällig
bei den Neuerscheinungen in der Bücherei entdeckte Buch lieh ich
mir eigentlich mit der Intention aus, halt nur mal kurz rein zu schnuppern,
den einen oder anderen Artikel zu lesen, die eine oder andere Erinnerung
aufzufrischen... Was soll ich sagen - binnen drei Tagen hatte ich den
gesamten Jubiläums-Band durchgezogen! Nicht allein die letzten fünfzehn,
zwanzig Jahre welche ich als Fußball-Interessierter bewußt
miterlebte, sondern genauso die vorangegangenen Jahrzehnte ließen
sich voller Faszination nachvollziehen, welche in den packend und mit
journalistischer Genauigkeit verfaßten Beiträgen wiederauflebten.
Jedes Jahrzehnt wird dabei eröffnet von Berichten über besondere
Ereignisse und Entwicklungen, sowie Portraits herausragender Persönlichkeiten.
Anschließend wird in einer Chronik jede Saison kompakt Revue passieren
lassen, die Geschicke von Trainern, Spielern und Vereinen im ringen um
den Klassenerhalt oder die Meisterschaft. Welch' spannungsgeladene Dramen
sich da jedes Jahr auf's Neue abspielen... Man denkt unwillkürlich
an den atemlosen Abstiegskrimi 1999 zwischen Rostock, Nürnberg und
unserem regionalen Vertreter Eintracht Frankfurt - unglaublich, was da
abging, einfach unglaublich! Oder die Horror-Finale in der Meisterschaft
von Bremen 1986, Leverkusen 2000 und Schalke 2001, als sicher geglaubte
Triumphe von sympathischen, mitunter begeisternd aufspielenden Mannschaften,
sich am letzten Spieltag binnen Minuten in Häufchen Asche verwandelten
- und am Ende jeweils wieder einmal die -uaaarrrrggh!- Bayern aus München
jubeln durften. Oder 1992, als die Eintracht so nahe wie nie am Titel
war (okay, 1959 in der Amateurliga haben sie ihn einmal geholt, immerhin)
und wiederum am letzten Spieltag unnötigerweise bei Hansa Rostock
alles vergeigte (hätte Schiedsrichter Alfons Berg das begangene Foul
an Ralf Weber nicht übersehen, sondern mit dem berechtigten Elfer
geahndet, wäre es anders gelaufen!), während die Schwaben aus
Stuttgart mit einem Kopfballtreffer von Guido Buchwald kurz vor Schluß
das Unwahrscheinliche klar machten. Frankfurts Trainer Darogslav Stepanovic
fand einen prägnanten Satz voll schlichter Weisheit angesichts der
erschütternden Niederlage: "Lebbe geht weider"... Oder aber die sensationelle
Meisterschaft von Kaiserslautern 1998, die unter der Führung von
Otto Rehhagel das Novum schafften, aus der 2ten Liga aufzusteigen und
sich umgehend die Deutsche Meisterschaft zu sichern.
Oder... Oder... Oder...
Oder... Oder...
Die punktuellen
Höhepunkte aus vierzig Jahren Bundesliga, ein schön aufgemachter,
bunter Strauß von Ereignissen, den man sich für rund elf Euro
durchaus gönnen kann.
In diesem
Jahr, um einmal ein abschließendes kurzes Schlaglicht auf die Gegenwart
zu werfen, sieht's sieben Spieltage vor Schluß für die Eintracht
mal wieder mehr als bedrohlich aus und Werder Bremen, denen wir alle den
Triumph herzlichst wünschen, könnte bei noch sieben Punkten
Vorsprung und zwei Unentschieden in Folge, ähnlich 1986 auf der Zielgeraden
tatsächlich wider allen Erwartungen die Luft ausgehen und noch abgefangen
werden. Alles, alles, nur bitte erspare man uns Fußball-Fans dieses
Jahr das grausame Deja Vu des Anblicks siegestrunkener bayuwarischer Horden,
die, durch's Olympiastadion trabend, schon wieder und inzwischen allzu
routiniert, die silberne Schale schwenken....
******
Nick
Hornby - "Fever Pitch"
Der schon wieder
- aber ja!
Mit diesem
seinem Debut (und nicht High Fidelity wie ich fälschlicherweise
-mies recherchiert bzw. vom Verlag etwas in die Irre geleitet - annahm)
legte Hornby anno 1992 das vielleicht geilste Buch über Fußball
vor, das jemals geschrieben wurde! Es bezeugt einmal mehr, daß dieser
eben weit mehr ist, als "nur ein Spiel", sondern schlicht und einfach
für einen wirklichen Fan, einen bedingungslosen Anhänger seines
Clubs (in Hornbys Fall Arsenal London, dieses Jahr, Ende März, noch
immer auf der Jagd nach dem möglichen sagenumwobenen Triple - welches
sie dann mit dem Aus in FA-Cup und Champions League binnen vier Tagen
lausig verzockten; das aber nur nebenbei...) das pralle Leben in all seinen
Facetten! Ein prägnanter Teil des Daseins und mehr noch, eigentlich
ein in sich abgeschlossenes Kontinuum für sich. Eine eigene Welt
mit eigenen Regeln und Ritualen, eigenem Umfeld und Akteuren, eigenen
Freuden und eigenen Leiden, welche für nachsichtig das Haupt schüttelnde
Außenstehende nur schwerlich nachvollziehbar sein dürften.
Wer sich sowieso für Fußball in seinen mannigfaltigen Aspekten
interessiert, sollte sich diesen packenden, authentischen Erfahrungsbericht
nicht entgehen lassen. Doch ebenso Leute mit einer notorischen Abneigung
gegenüber dem Treiben rund um das runde Leder sollten gefallen daran
finden können, denn wie immer bildet das Kernthema bei Hornby nur
die Basis für seine vielschichtigen, intelligenten Beobachtungen,
launigen Selbstbetrachtungen und erhellenden Anekdoten. So konstatieren
wir in diesem Fall grob überschlagen 55% Autobiographie, 35% Sozialstudie
und 10% Fußballbeschreibung. (Ja, rechnen Sie ruhig nach..!) Nick
Hornby geht auf alle möglich erscheinenden Aspekte während der
24 das Buch ausmachenden Jahre seines Fan-Seins in und außerhalb
der Stadien ein, beschreibt Typen und Begebenheiten, und bleibt natürlich
nach wie vor einer der kunstvollsten Vertreter der schonungslosen Selbstanalyse.
Auf Einzelheiten
einzugehen möchte ich, wie meist, verzichten. Das überläßt
man besser dem Autoren und seinem Schriftwerk selbst.
Und hier lohnt
es sich ungemein, sich dieses auch wirklich zu gönnen.
Genial, was
sonst.
******
Ich
habe fertig.
- Heiko - I. Quartal
2004
|