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"Wer zwei
paar Hosen
hat
mache
eine zu Geld
und schaffe sich ein Buch an."
-
Georg Christoph Lichtenberg -
Heikos
Bücherliste, letztes
Quartal 2004
&
erstes
Quartal 2005
Wie gewöhnlich:
Subjektiv. Überambitioniert. Ahnungslos.
...und weiterhin
mit anmaßendem Wertungssystem:
* =
miserabel
**
= akzeptabel
***
= gut!
****
= sehr gut!!
*****
= außerordentlich gut!!!
******
= absolut großartig, fantastisch, begeisternd!!!!!!
Michael Crichton
- "Timeline"
Na ja,
so ist das halt, wenn die mögliche Auswahl sich sukzessive verengt:
dann kann es schonmal passieren, daß man mit der letzten Schwarte
von Michael "Jurassic Park" Crichton untern Arm geklemmt die Bücherei
verläßt, der wirklich allerletzten Option, weil trotz intensiver
Suche einfach kein anderer Autor so frei war, sich einem aufzudrängen.
Unterhaltsam, ja, das ist er, da kann man nichts gegen sagen. Spannend
geschrieben ist's allemal, und es ist darüber hinaus auch für
das ungeübte Auge kaum zu übersehen, wieviel Mühe und Sorgfalt
Crichton der Recherche der technischen Daten und Hypothesen über
das Zeitreisen, sowie den historischen mittelalterlichen Details widmete,
um damit dem Leser zu ermöglichen, selbige während seiner imaginären
Reise von einem Buchdeckel zum anderen, als gegebene Realität mühelos
anzuerkennen. Dickes Lob dafür, man erhält dadurch wie nebenbei
einige recht interessante Einblicke. Leider bleibt "Timeline" den literarischen
Erwartungen ansonsten überraschungslos treu, denn der Plot erweist
sich als doch relativ vorhersehbar, ist mehr und mehr auf Aktionismus
ausgerichtet, während das handelnde Personal eher schablonenhaft
wirkt und es deutlich an Tiefenschärfe mangeln läßt. Somit
bleibt der letztendliche Eindruck des Buches ein sowohl beliebiger wie
oberflächlicher - und sobald man dessen hinteren Deckel schließt,
setzt umgehend das Vergessen ein.
Kürzlich,
dies nur als zusätzlicher Info- und Leserservice, erschien Michael
Crichtons neuestes Werk, Titel ist mir - jach..! - entfallen. Keine Ahnung,
wie gut das recherchiert wurde, die Grundausrichtung jedenfalls
kam mir sehr bedenklich, nein, geradezu grotesk vor. Es geht darin um
eine in Thrillerform verpackte Kritik an Umweltaktivisten und Umweltschutzorganisationen,
irgendein scheinbar völlig absurder Verschwörungsscheiß
darüber, wie durch angeblich total übertriebene hypothetische,
apokalyptische Zukunftsszenarien, um den Planeten besorgten Bürgern
die Kohle aus der Tasche geleiert wird. Irgend sowas in dieser Art, ich
hab's nun wirklich nicht vollständig verstanden, als es Crichton
im Interview mit Denis Scheck näher und alles andere als schlüssig
zu erläutern versuchte. Treibhausgase, Erderwärmung, Ozonloch,
Wegschmelzen der Polkappen, Rohstoffverteuerung und bald -knappheit, Abholzung
des Regenwalds, usw., usw., usw. - klar, Mann, ist doch tatsächlich
alles halb so wild...! Und wer etwas anderes behauptet kann natürlich
nur ein ökologischer Miesmacher oder Spendenabzocker sein. Wesentlich
wahrscheinlicher erschiene mir dahingehend die Vermutung, es möchte
da jemand mit diesem albernen Sujet sich selbst und seinen amerikanischen
Mitbürgern - nach wie vor die größten Umweltverschmutzer
unseres Planeten - zu einem leichteren Gewissen verhelfen und ihren natürlich
auch zukünftig weiterhin allzu sorglosen Umgang mit Energie und Rohstoffen
legitimieren ... Oder, wie man vernünftigerweise mutmaßen müsste,
wenn einem solch hirnverbrannter Schwachsinn zu Ohren kommt, hat den Roman
zu Propagandazwecken zu verfassen gleich die Elektrizitäts- und Öl-,
etc.-Industrie in Auftrag gegeben, die sich gerne noch ungehinderter von
jeglichem ökologischem Bewußtsein entfalten und von linken
Weltverbesserern nicht länger in ihre Profite spucken lassen möchte
...?
Wer weiß
das schon.
**(*)
Elmore Leonard
- "Glitz"
Da wir
diesem Autoren die literarischen Vorlagen zu Filmen wie "Fargo", "Schnappt
Shorty" oder "Out Of Sight" verdanken, war es nur eine Frage von Zeit
und Gelegenheit, eines seiner anderen Bücher zur Hand zu nehmen.
"Glitz" entpuppte
sich schließlich als geradezu klassische Kriminalgeschichte, relativ
spannend und gut aufgebaut, zwar wenig originell und bedingt einfallsreich,
aber von immerhin völlig ausreichender Unterhaltsamkeit.
***
Friedrich Hölderlin;
ausgewählt von Peter Härtling
Joh, aufgemerkt,
Freunde, Kollegen, Sugarbabes: ein abgefucktes, einfältiges, unkenntlichmachend
in die Untiefen seines Kapuzenpullis vergrabenes Exemplar aus der gesellschaftlichen
Gruppierung des Sub-Proletariats wagt es tatsächlich, sich den heiligen
Hallen der Hochkultur zu nähern ... !! Es macht sich unverfrohren
an den massiven Schlössern des riesigen, eisenbeschlagenen Eichenportals
zu schaffen, knackt sie schließlich, drückt ächzend die
eine Hälfte einen Spalt auf - und schleicht sich verstohlen ins weiträumige
Innere ...
Von einem
beeindruckenden, zufällig aufgeschnappten Zitat des romantischen
deutschen Dichters Hölderlin angefixt, entlieh ich mir, neugierig
geworden, diese Werkschau aus der örtlichen Bücherei. Sie enthält
eigentlich alles, was man von einer solchen Anthologie über einen
der Klassiker unserer Literatur wünschen und erwarten darf: zuerst
einen kleinen biographischen Abriß Friedrich Hölderlins (1770
- 1843), inklusive stichpunktartiger Einführung der wichtigsten Personen
seines Lebens (von mir nur in aller Kürze überflogen); ausgewählte
Exponate aus seinem Briefwechsel (in die ich nur mal reinschnupperte,
solches ist wohl ausschließlich was für ausgemachte Hölderlin-Enthusiasten);
fast das komplette lyrische Werk auf ca. 150 Seiten; seine beiden wesentlichen
Prosastücke "Hyperion" und "Empedokles"; sowie ein paar angehängte
kurze Essays, welche meinereiner vollständig ausließ.
Mit seiner
Prosa - sollte man sie überhaupt als solche bezeichnen können,
da "Hyperion" in brieflicher Form gehalten und "Empedokles" offensichtlich
als Theaterstück konzipiert wurde - kam ich leider weniger in Beziehung,
da mir die verwendete Sprache letztlich einfach zu schwierig war, um es
flüssig durchlesen zu können - stellenweise sprunghaft, wunderlich,
exaltiert, schnurrig, oder schlicht und einfach unverständlich. Für
uns Heutige bedeutet die Auseinandersetzung mit Hölderlins Gedankengängen
also durchaus einem nennenswerten Arbeitseinsatz. Das wußte ich
natürlich bereits im vorhinein, schaffte von "Hyperion" aber dennoch
gerade mal an die 20, 30 Seiten. Man merkt es den Texten halt an, daß
da mittlerweile rund zweihundert Jahre kulturelle und gesellschaftliche
Entwicklungen, sowie mehrere Rechtschreibreformen darüber hinweg
gegangen sind. Schlecht ist das alles selbstvertändlich nicht, o
nein, da tauchen doch immer wieder großartige Formulierungen, Beschreibungen
und Gedanken auf, mir wären diese in verdaulicherer, ausgeformter
Aphorismen- und Zitatenform aufbereitet allerdings lieber gewesen. Andererseits
erschwert die sprachliche Divergenz zum gegenwärtig gebräuchlichen
Ton zwar das Verständnis, macht jedoch gleichsam einen Teil des Charmes
aus. Da klingt uns etwas - ebenso wie in Form der Klassischen Musik -
zugleich ein wenig fremdartiges und dennoch reizvolles, aus einer vergangenen
Epoche, wie aus nachbarschaftlicher Ferne herüber.
Ergiebiger
noch, und um einiges leichter zu goutieren, zeigte sich schließlich
des Dichters Lyrik. Diese enthält zwar ebenfalls so manche Seltsamkeit,
und auch solch einen aus heutiger Sicht unnachvollziehbaren, moralisch
mehr als fragwürdigen Querschläger wie "Der Tod fürs Vaterland"
- doch umso vielzähligere, wirklich fantastische Gedichtperlen, die
den Leser beeindrucken mit grandioser, kraftvoller Wortwahl und teilweise
scheinbarer -kreation, tief blickenden Einsichten, herrlichen Beschreibungen.
Durch die Lyrik habe ich mich denn auch komplett hindurch gebaggert, mindestens
zwei Drittel davon aufmerksam gelesen und, einerseits für mich persönlich,
aber auch als Service für unsere geneigte Leserschaft, mal die Namen
einiger dieser entdeckenswerten kleinen Glanzsterne herausgeschrieben:
"An die Natur";
"Da ich ein Knabe war..."; "Hyperions Schicksalslied"; "Götter wandelten
einst..."; "Diotima"; "Die Liebe"; "Lebenslauf"; "Geh unter, schöne
Sonne..."; "Der Spaziergang"; "Der Mensch"; "Die Entschlafenen"; "Gang
auf's Land"; "An Landauer"; "An Zimmern"; "Das fröhliche Leben";
"Die Götter"; "Heidelberg"; "Der Sommer"; "Der Herbst"; "Der Winter"
... und so manche mehr gibt es da sicherlich weiterhin zu entdecken.
Hölderlin
wurde sehr, die Titel "Hyperion" und "Empedokles" deuten bereits darauf
hin, von der antiken griechischen Hochkultur und speziell deren reicher
Mythologie beeinflußt. Was mich vor allem grundsätzlich für
ihn einnimmt, sind seine oftmalige sprachliche Überhöhung von
Natur und Mensch, des Lebens an sich - und gleichzeitiger Erschaffung,
oder doch eher Sichtbarmachung einer übergeordneten jenseitigen Welt,
eines Gegenentwurfes des ebenfalls trefflich mental erfaßten ird'schen
Jammertales, eines reichhaltigen und wie selbstverständlichen Pantheons
aus Göttern, Geistwesen, Genien, Unsterblichen.
Für manchen
sehnsüchtig Heimatsuchenden, mag hier der Königsweg verborgen
liegen, hin zum magischen Lebensgefühl.
Denn seine
besten Gedichte verleihen beziehungsweise vermitteln - ähnlich derer
Hermann Hesses (welcher, möglicherweise, von Hölderlin u.a.
inspiriert gewesen sein könnte) - dem uns umgebenden Kosmos, sowie
dem fordernden, allzu häufig tristen, durchaus einer gelegentlichen
Tröstung bedürfenden Dasein, einen innewohnenden Zauber, eine
leicht überweltlich anmutend funkelnde Magie. Sie schärfen den
Blick des Lesers und Mitmenschen. Sie verweisen auf die Möglichkeit
der temporalen Entrückung und Verklärung, der eigentlichen Entschleierung
unserer Wahrnehmung. Sie schulen das perspektivische Vermögen, jenen
seeligen Glanz nicht allein in den innerlichen dichterischen, geistigen
Räumlichkeiten, sondern nicht weniger um sich herum, in der Welt
und den Wesen darin, in der Natur und ihrer vielgestaltigen Schönheit,
ja, in allem und in jedem, in sämtlichen Aspekten der Schöpfung,
wahrnehmen zu können.
Dann, in diesen
Momenten, ist wahrhaft alles erleuchtet.
Dann wird
selbst aus dem kleinsten Stückchen, grünlichgolden und still
in der Abendsonne glühenden Wiese ... der Himmel auf Erden, die Ahnung
der Allverbundenheit, eine vollkommene Erfüllung und Eingetauchtheit
in der zugrundeliegenden, uferlosen Alldurchdrungenheit des Geistigen.
An
das Göttliche glauben
Die
allein, die es selber sind.
(ohne Wertung)
John Grisham
- "Der Partner"
Richard
hatte völlig recht, indem er Grishams Romane mit harten Drogen verglich.
Man kommt
einfach nicht mehr davon los.
Die Deckel
seiner Werke sollten, wie neuerdings die Zigarettenschachteln, Warnhinweise
tragen. Etwa: "Warning! Highly Addictive!!!", oder "Achtung:
Der Genuß dieser Autoren-Marke könnte zu gravierenden Veränderungen
ihres Freizeitverhaltens führen!"
Für
mich ist es längst zu spät; ich bin süchtig.
Aber ihr könnt
euch vielleicht noch retten, ein freigestaltetes Leben ohne Abhängigkeit
von einer regelmäßigen Grishamdosis begehen, einem unabschätzbaren
Laster entgehen ... flieht also, solange es euch noch möglich ist
- lauft ... lauft ... lauhhhhft ... ... !!!
*****
Jostein Gaarder
- "Der Geschichtenverkäufer"
Die Grundidee
ist schonmal äußerst originell und vielversprechend.
Es geht um
einen Typen, der, von einer überbordenden Phantasie beflügelt,
sich ständig neue Plots für spannende Geschichten ausdenkt,
der davon geradezu überquillt. In einer städtischen Künstlerkneipe,
irgendwann in den Siebzigern, klagt ihm ein mäßig bekannter,
dort verkehrender Schriftsteller, daß ihm für sein nächstes
Buch kein Thema einfalle. Diese Begegnung bildet den Startpunkt zu einer
steilen wie ungewöhnlichen Karriere im geheimen, denn unser angehender
Geschichtenverkäufer erkennt nun, wie er sein Talent sich und anderen
gewinnbringend nutzbar machen könnte. Er stellt fortan gegen ein
gewisses Entgeld sein Einbildungsvermögen blockierten Autoren zur
Verfügung, welche seine detailierten Vorlagen - was seinem sprunghaften
Gemüt nicht gegeben ist - zu mehr oder weniger erfolgreichen Romanen
ausarbeiten. So beliefert er im Laufe der nächsten Jahrezehnte, getarnt
durch einen Job als Lektor und Talentscout eines großen Verlagshauses,
unzählige Schriftsteller in ganz Europa. Allerdings ziehen sich nach
und nach dunkle Wolken am Horizont seiner Existenz zusammen und die Zeichen
verdichten sich, daß seine Identität aufzufliegen droht und
sein Wissen ihm gefährlich werden könnte, daß die Schlinge
einer vermeintlichen Verschwörung erfolgreicher Autoren, die er mit
seinen Informationen über die Herkunft ihrer Ideen belasten könnte,
um ihn herum zuzieht, daß es in seinem hauptberuflichen Umfeld mehr
und mehr Personen gibt, die ihn lieber tot - und damit endgültig
und für immer schweigend sehen möchten. Ob diese Bedrohung nun
auf realen Grundlagen basiert, oder ob sich unser Protagonist das Meiste
davon in seiner zunehmenden Paranoia nur einbildet, bleibt unklar. Jedenfalls
kommt es auf der Frankfurter Buchmesse zum Eklat, der Geschichtenverkäufer
setzt seinen länger gehegten Fluchtplan in die Tat um, und macht
sich, getarnt mit einer gefälschten Vita, in Richtung einer abgelegenen
Mittelmeerinsel aus dem Staube.
Diese ersten
doppelbödig-ironischen und aus dem Schriftsteller- wie Literaturbetriebs-Nähkästchen
plaudernden zwei Drittel des Buches sind wirklich brillant. Im letzten
entwickelt sich noch eine unerwartete Liebesbeziehung, leider wird es
dann auch etwas seltsam, gleitet die Erzählung ins surreale ab, hin
zu einem fiesen kleinen Ende. Dieser Bruch inmitten der Story erscheint
mir doch zu konstruiert und unglaubwürdig. Es wirkt, als reiche der
ursprüngliche Einfall nicht für ein ganzes Buch aus. Da hätte
man sich vielleicht doch eher zu zwei unabhängigen, größeren
Novellen durchringen sollen. Schade eigentlich.
Trotzdem,
wie natürlich alles von Jostein "Sophie's Welt" Gaarder, absolut
lesenswert.
****
Paul Cook - "Tintagel"
Zum zweiten
Mal gelesen. Für nähere Infos sollte man die Besprechung in
einer der alten Nonkonform-Ausgaben konsultieren, da ich mich ungern
wiederhole.
Superbe Grundidee,
ordentlich umgesetzt.
***(*)
Florian Illies
- "Generation Golf > Eine Inspektion"
Da machte
sich doch einer auf, die Geschichte und Eigenheiten, die Vorlieben, Abneigungen
und Ansichten der sogenannten Generation Golf, deren Geburtszeitraum
der Autor von circa 1965 bis 1975 verortet, zu beschreiben. Florian Illies
geht dabei mit der detailversessenen Verve eines waschechten, manischen
Erinnerungsjunkies vor. Dafür, daß das Schwelgen in Kindheitserinnerungen
und Nachvollziehen der eigenen Biographie nicht in seichte, sentimentale
Nostalgie abgleitet, sorgen der gegebenenfalls leicht ironische Unterton,
sowie die, falls angebracht, durchaus kritische Distanz zum persönlichen
Verhalten, und die im Fazit immer scharfe analytische Beobachtung und
Feststellung.
Witziges Detail
sind die Kapitelüberschriften, welche, über die letzten Jahrzehnte
hinweg von den Werbeagenturen des VW Golf-Marketings ersonnen, derartig
prägnant und treffend das Lebensgefühl der Generation Golf
einfingen, daß Illies deren Slogans bequem für sich selbst
verwenden konnte.
Ein großartiger
Lesespaß, bei dem es alles andere als störend war, daß,
wie der Autor selbst betont, nur ein bestimmter Teil abgedeckt, nur eine
bestimmte Perspektive innerhalb dieser Generation eingenommen werden konnte.
Die resignative "No Future"-Stimmung der - um mal mit einem weiteren Schlagwort
dazwischen zu hauen - Genaration X in den 90ern wird mit keinem
Wort gewürdigt, sondern vielmehr dem hedonistischen Treiben der damaligen
gesellschaftlichen Aufsteiger, mit ihren gemeinsamen wie individuellen,
leicht narzistisch gefärbten Mode- und Stilfragen, ihrem ausgeprägten
oder fehlenden Familiensinn, ihrer politischen und religiösen Obdachlosigkeit,
usw. usw., nachgespürt. Auch interessant. Wirklich.
*****
Florian Illies
- "Generation Golf Zwei (Hörbuch)"
Hörbücher
sind ja in den letzten Jahren ganz groß im kommen. Verständlicherweise,
kommt diese Art der Textvermittlung und -rezeption doch der eigenen Bequemlichkeit
auf halben Wege entgegen, da es einfacher und angenehmer erscheint als
sich selbst zu bemühen ein dickes Buch zu lesen, es kurzerhand vorlesen
zu lassen. Das nimmt zudem einiges weniger an Zeit in Anspruch. Außerdem
kann man die CDs auch wunderbar ungezwungen und nebenbei während
monotoner Tätigkeiten wie etwa lästiger Hausarbeiten, langwieriger
Autobahnfahrten, Ausdauerläufe, gymnastischer oder körperlicher
Übungen welcher Art auch immer, u. f. m., laufen lassen. Selbiges
hingegen mit der Lektüre eines Buches kombinieren zu wollen, könnte
sich als schwierig oder gar fatal erweisen... Allerdings würde ich
persönlich (ebenso wie Freund Peter, der mich erstmals auf Illies
aufmerksam machte) grundsätzlich jederzeit die klassische Buchform
vorziehen, da der Sprachrhythmus des Vorlesenden - und besonders der sein
Werk selbst rezitierende Illies legt hier ein sehr flottes Tempo vor -
nur selten mit der eigenen Aufnahme- und Verarbeitungsgeschwindigkeit
übereinstimmt, und weiterhin die Textvorlagen von Hörbüchern
oder -spielen in aller Regel heftigst zusammengekürzt werden müssen
und man es somit bestenfalls mit einer guten Auswahl zu tun bekommt.
Die auf zwei
Tonträgern untergebrachten 110 Minuten bilden somit also nur einen
kleineren Ausschnitt des eigentlichen Werkes ab. Bedauerlich. Aber man
muß halt leider nehmen und zufrieden sein mit dem, was sich einem
so anbietet. Während der erste Teil die Kindheit in den 70ern, die
Jugend in den 80ern und das Erwachsenwerden in den 90ern durchstreifte,
knüpft Teil zwei gegen Ende des alten Jahrtausends an. Durch persönliche
Rückschläge, sowie kollektive Zusammenhänge, etwa den Auswirkungen
der uns allen seit längerem leider nur allzu geläufigen globalisierten
Wirtschaftsverwerfungen, erhält dieser Nachfolger einen deutlich
düstereren Tonfall. Dies jedoch nur in einzelnen Kapiteln, denn glücklicherweise
fällt Illies kaum in das endlose allgemeine depressive Geschwafel
um Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsstandorte ein, sondern bleibt seiner
strikt individuell gefärbten Linie in der Betrachtung gesellschaftlicher
Phänomene treu.
Richtiggehend
humorig sind vor allem die rückblickenden Anekdoten. Die schönste
davon ist vielleicht die gemeinsame Reise mit seinen Freunden 1992 in
einem klapprigen VW-Bus durch Polen und die damals kürzlich neu hinzugekommenen
deutschen Bundesländer. Als Illies eines Nachmittages an der Ostsee
(auf Rügen war's wohl) sich etwa an einem sommerlichen, am Strand
stattfindenden gemischten Volleyballspiel der Einheimischen beteiligte,
entledigten sich wiederum diese sämtlichst, was unseren Erzähler
nicht wenig vom eigentlichen Spielgeschehen ablenkte, nach und nach all
ihrer T-Shirts und kurzen Hosen, bis schließlich er allein noch
mit Kleidung am Leib auf dem Platz stand. Die Menschen im östlichen
Teil Deutschlands haben, soweit mir bekannt, eben einen wesentlich lockereren
Umgang hinsichtlich der Freikörperkultur, als viele von uns Wessis.
Und in diesem Moment keimte in dem jugendlichen Florian Illies das vage
Gefühl auf, daß es mit dem vollständigen Zusammenwachsen
beider wiedervereinigter deutscher Staaten doch noch ein gewisses Weilchen
dauern könnte.....
****
Douglas Adams
- "Einmal Rupert Und Zurück"
Jeden
Winter seit 12, 13 Jahren das gleiche Ritual: sollte gerade keine adäquate
Lektüre zur Hand sein, wandert, wie von selbst, ein Exemplar aus
meinem eigenen alten, eingeschränkten Fundus auf das kleine Schränkchen
neben meiner Schlaf- und Lesestatt. Allzu oft handelt es sich dabei um
die sich niemals abzunutzen scheinenden, ein jedes Mal erfrischend-anregenden
Lesegenuß garantierenden, wahn-witzigen, nichts und niemanden ernst
nehmenden, den gesamten Kosmos liebend umarmenden und zugleich sanft verspottenden
Werke des Douglas Adams.
Wie konnte
es da in der kalten, ungemütlichen Phase rund um den Jahreswechsel
von '04 nach '05 anders sein?
"Per Anhalter
Durch Die Galaxis" ist, um mal ein Wort an alle Uneingeweihten zu richten,
ein phantastischer Trip quer durch die verschiedensten Dimensionen von
Zeit, Raum und Humoreske, ein intergalaktisches Spektakulum welches mit
einem gewaltigen Rumms beginnt, indem die Erde einer Hyperraum-Expreßroute
im Wege steht und deswegen kurzerhand in die Luft gesprengt, ins Vakuum
hinein zerstäubt wird - und welches sich daran anschließend
langsam steigert.....
Das, wenn
auch folgerichtige, jedoch manchem dann möglicherweise doch etwas
zu drastisch ausgefallene Finale, dürfte sicherlich nicht jeden Fan
der Serie glücklich gestimmt haben (ich fand's absolut okeh). Nichtsdestotrotz
ist "Einmal Rupert Und Zurück" ein insgesamt wirklich gelungener,
würdiger Abschluß der mit allerletzter Wahrscheinlichkeit brillantesten
fünfteiligen Trilogie, welche in diesem Teil eines lahmen und längst
aus der Mode gekommenen Spiralarms unserer Galaxie, der Milchstraße,
zu erschaffen jemand tatsächlich die Dreistigkeit besaß.
******
Ein erfreulicher
Nachtrag:
Mitte Juni
2005 soll eine Verfilmung des ersten "Per Anhalter Durch Die Galaxis"-Teils,
an deren Drehbuch Douglas Adams vor seinem plötzlichen Dahinscheiden
noch entscheidend und erweiternd mitgearbeitet haben soll, in die Kinos
kommen. Bei den heutigen akustischen und vor allem visuellen technischen
Möglichkeiten, denen, im Gegensatz zur BBC-Fernsehserien-Version
von Mitte der Achtziger, beispielsweise Zaphods zweiter Kopf und dritter
Arm keinerlei Darstellungsschwierigkeiten mehr bereiten sollte, darf man
sich wohl auf ein optisch wie stilistisch fulminantes Feuerwerk bei der
Umsetzung dieses kultisch verehrten modernen Klassikers erhoffen.
Augen &
Ohren offenhalten - und reingehen!
Vollkommen
im enthusiasmierten Überschwang bringe ich nochmals einen witzigen
und hintersinnigen, einen meiner Lieblingsabsätze aus "Mostly Harmless",
wie der abschließende Roman passender im englischen Original betitelt
wurde:
Er begab sich
in die Außenbezirke des östlichen Randes der Galaxis, wo, wenigstens
angeblich, Weisheit und Wahrheit zu finden waren, insbesondere auf dem
Planeten Hawalius, wo es etliche Orakel und Seher und Wahrsager gab und
außerdem jede Menge Pizza-Buden, weil die meisten Mystiker vollkommen
unfähig waren, sich selbst etwas zu kochen.
Douglas Adams
- "Dirk Gently's Holistische Detektei"
Geniale
Story, ein ungemein fantasievoller Kriminalroman, ein Parforceritt durch
alle möglichen Genres.
Nicht wie
der "Anhalter" vordergründig auf Gags aus und weit weniger sprunghaft,
sondern vielmehr auf einer ausgeklügelten Handlung aufbauend - und
dennoch fast ebenso witzig!
Neben dieses
obig genannten Aspektes tragen natürlich die erst einmal recht verstreuten,
sehr unterschiedlichen, höchst famosen Charaktere wieder einmal viel
zum gelingen bei. Anfänglich dauert es aber halt ein wenig, bis sich
die einzelnen losen, parallel verlaufenden Stränge zu einem Ganzen,
zu einer gelungenen, weltumspannenden, zeitauflösenden Komposition
zusammenfügen.
Nur die finale
Auflösung - und, Keine Panik!, ich verrate damit nicht zuviel
-, als Dirk Gently beim englischen Dichter Samuel Coleridge ("Xanadu")
reinplatzt, ihn mehr als eine geschlagene Stunde zuquatscht und mit dieser
Aktion den gesamten Planeten rettet - also, die hab' ich trotz fünf-,
sechsmaligem Lesen nie so ganz kapiert...
******
Douglas Adams
- "Der Lange Dunkle Fünfuhrtee Der Seele"
Ein abermaliger
bunter, phantastischer Reigen, dieses Mal unter denkenswerter Einbeziehung
der nordischen Mythologie.
Mit der morgendlichen
Aufwach-, der Abschlepp-, der Dachboden-, der Nervenheilanstalt-, der
Straßenlaternen- oder der Wallhallaorgie-Szene, sind Adams einige
seiner besten Sequenzen gelungen. Und wie immer schüttelt er aus
seinen weiten Autorenärmeln einige faszinierende Trümpfe personeller
Art: etwa mit der dauergenervten Kate Schechter, die ihrer Neugier ein
unerwartetes wie reichlich bizarres Date mit dem wortkargen skandinavischen
Donnergott Thor verdankt, welcher wiederum wegen irgendwas aber so
richtig sauer ist; dem namenlosen, fernsehdauerglotzenden und kommunikationsunfähigen
Jungen; dem Penner in der Londoner Kings Cross Station, der zwar einen
radikalen Identitätswechsel durchlebt, seinem Verhalten und vor allem
seiner äußerst sparsamen, deutungsoffenen, vornehmlich aus
oh...ah... -Lauten bestehenden Kommunikationstechnik erstaunlich
treu bleibt; oder unseren Mr. Standish, der köstlich hintergründigen
wie realitätsnahen Karikatur eines höchst bornierten, hochnäsigen,
affektierten, engstirnigen englischen Sanatoriumsdirektors; dem amtsmüden
nordischen Hauptgott Odin, welcher sich als Mr. Standishs wertvollster
Privatpatient in dessen Anstalt zur annhemlichen, in frisches, kühles
Leinentuch eingeschlagenen Ruhe betten läßt; dem kaltschnäutzigen
Sgt. Gilks, einem dominanten kriminalistischen Charakterkopf, welcher
in beiden Romanen jeweils einen prägnanten Kurzauftritt zugesprochen
bekommt; oder aber dem aalglatten Anwalt Draycott, welcher Dirk Gently
in einem mehrseitigen, gerissenen, konspirativen Schlußplädoyer
- inklusive einiger beleidigender Bestechungsangebote - von seiner in
der Tat fragwürdigen Redlichkeit zu überzeugen und auf seine
Seite zu ziehen versucht; und schließlich natürlich noch unser
holistischer Detektiv, Dirk Gently höchstselbst, welcher seinen Alltag
lebenskünstlerisch von der lässigen Seite zu nehmen weiß,
sich dabei auch von bedrohlich-ominösen Kühlschränken,
aufdringlichen Adlern mit Runenmustern im Federkleid oder kopflosen Klienten
nur unwesentlich aus der naturgegebenen Ruhe bringen läßt,
und der, entgegen seines kuriosen Auftretens, sich als ein echtes Cleverle
ausweist. Sozusagen sowas wie ein Unterschichten-Sherlock Holmes... Neben
Jeff "Dude" Lebowski die wohl sympathischste, weitgehendste Identifikationsfigur,
die mir persönlich in Film und Literatur bislang untergekommen ist.
"Ach,
ich hoffe doch, Sie werden die Zeitung bezahlen wollen, nicht wahr, Mr.
Dirk, Sir?" sagte der Zeitungshändler, der freundlich hinter
ihm hergetrottet kam.
"Ach
Bates", sagte Dirk hochnäsig. "Sie und Ihre Hoffnungen.
Immer hoffen Sie dies und hoffen Sie jenes. Darf ich Ihnen zu mehr Gelassenheit
raten? Ein Leben, das mit Hoffnungen überfrachtet ist, ist ein schweres
Leben. Seine Früchte sind Sorgen und Enttäuschungen. Lernen
Sie eins zu sein mit den Freuden des Augenblicks."
Ein Roman,
so sprühend ideenreich, geistreich und charakteristisch wortgewandt
wie eigentlich alles von Douglas Adams, ein weiteres feinsinniges Juwel
inmitten eines charismatischen Ouevres wider die pure Vernunft, von einem
der - allenfalls mit einem Hauch von Ironie von mir derart bezeichneten
- Frühvollendeten.
******
Nick Hornby -
"31 Songs"
Lesen.
******
Arthur C. Clarke
- "2001 - Odyssee Im Weltraum" & "Odyssee 2010"
Lesen.
Mindestens
zweimal.
Am besten
gleich heute.
Noch besser
bereits gestern.
Dann die Verfilmungen
ansehen.
"Odyssee 2010"
mindestens zweimal.
"2001 - Odyssee
Im Weltraum" mindestens viermal.
****** &
******
Er
flog durch eine ungeahnte Form der Schöpfung,
von
der nur wenige Menschen
je
geträumt hatten.
Wladimir Kaminer
- "Ich Mache Mir Sorgen, Mama"
Unser
allerliebster russischer Emigrant, wohnhaft in Berlin-Kreuzberg, legt
wieder einmal eine honorige Sammlung reflektorischer Anekdoten über
sein Leben und seine Umgebung vor. Familie, Verwandtschaft, Freunde, Nachbarn,
Haustiere, Behörden, Technik, Kultur, Sitten und Gebräuche:
alles Denk- und Verwertbare wird dabei miteinbezogen. Die Sonderheiten
der koexistierenden Nationalitäten rücken zwar nur gelegentlich
in den Vordergrund, aber beim Lesen gewinnt man durchaus den einen oder
anderen exemplarischen Eindruck von der russischen, wie auch einen perspektivdivergenten
der deutschen Mentalität. Mit sanfter Ironie und feinem Humor setzt
Kaminer sich mit den Tücken des modernen gesellschaftlichen Daseins
und Erfahrungen des Familienlebens in sinnigen Alltagsbeobachtungen auseinander.
Gefiel mir
tatsächlich noch ein ganzes Stückchen besser als sein (durchaus
beachtenswertes) "Deutsches Dschungelbuch".
Wirklich klasse!
*****
Roger Willemsen
- "Gute Tage > Begegnungen mit Menschen und Orten"
Der Untertitel
sagt eigentlich schon alles.
Roger Willemsen
ist als rhetorisch beschlagener, warmherziger, vielseitig gebildeter,
ungemein auf's Leben neugieriger und an seinen Mitmenschen interessierter
Intellektueller ein stets gerne gesehener Gast in TV-Talkrunden. Die Einstellung
seiner eigenen, Willemsen's Woche titulierten, hinterläßt
auch nach Jahren noch eine ungeschlossene Lücke in der medialen Landschaft.
Das vorliegende
episodenhafte, sich über mehrere Jahre von Roger Willemsens Arbeit
erstreckende Buch erfüllt denn auch die in es gesetzten Erwartungen
vollkommen, in seiner einerseits unglaublich sympathischen wie ehrlichen,
und andererseits sprachlich wie analytisch Grenzen auslotenden Art.
Empfehlung!
******
Ethan Hawke -
"Hin Und Weg"
Ethan
Hawke ist ein von mir sehr geschätzter Schauspieler, welcher u.a.
mitwirkte in "Der Club Der Toten Dichter", "Reality Bites", "Schnee Der
Auf Zedern Fällt", "Große Erwartungen", "Gattaca", "Training
Day" oder einem meiner All Time Favourites "Before Sunrise", dessen ein
Jahrzehnt danach, wiederum mit Julie Delpy und Ethan Hawke entstandene
Fortsetzung "Before Sunset", sich mir leider bislang keine Gelegenheit
zu sehen auftat. Seit kurzem beschränkt sich Mr. Hawke nicht allein
auf das Darstellen und Umsetzen von Geschichten auf der Kinoleinwand,
sondern er erfindet kurzenhand selber welche. Die vorliegende bringt uns
den amerikanischen, mäßig bekannten Schauspieler (...) William
näher, der sich in die ambivalent flippige und zugleich in sich selbst
zurückgezogene Kinderpädagogin Polly (oderwieauchimmer - an
den richtigen Namen kann ich mich Monate danach nun wirklich nicht mehr
erinnern) rückhaltlos verliebt. Nach einigem Werben erwidert sie
seine Gefühle, die beiden verbringen mehrere liebestrunkene Wochen
zusammen in Paris (...), wo William einem beruflichen Engagement nachgeht.
Polly fliegt zurück in die Staaten und als Will einen Monat später
nachkommt, zeigt sie sich unvermittelt seltsam abweisend und distanziert,
vertröstet ihn mit dem von Frauen offensichtlich gerne bemühten,
versöhnlich gemeinten und dennoch vom männlichen Geschlecht
ungern vernommenen du,-ich-möchte-mich-momentan-nicht-binden,-laß-uns-doch-einfach-nur-Freunde-sein-Spruch.
Von diesem Vorschlag alles andere als begeistert und wie vor den Kopf
gestoßen, schlittert William in eine handfeste Krise und zeigt dabei
phasenweise geradezu unangenehm neurotische Züge.
Wie's schließlich
ausgeht, bleibt an dieser Stelle allerdings unausgesprochen.
Wieviel an
Persönlichkeit vom Autor an seinen Hauptdarsteller übertragen
wurde, wäre eine reizvolle Interviewfrage. Jedenfalls verkneife ich
mir als Fazit die Spitze, er solle seine kreativen Betätigungen zukünftig
doch bitte allein dem Felde der Schauspielerei widmen, nein, denn Ethan
Hawke legte mit "Hin Und Weg" einem mehr als ordentlichen Roman vor über
die Liebeslust, mehr aber noch über deren Schattenseite, den Liebesfrust.
***
Marlen Haushofer
- "Die Wand"
Die tagebuchartig
verfasste Geschichte einer Frau, die urplötzlich durch eine massive,
durchsichtige Wand von ihrer Mitwelt abgeschnitten wird und in ihrer einsamen
Jagdhütte inmitten eines Waldes, in welcher sie eigentlich mit einem
befreundeten Ehepaar nur ihren Urlaub verbringen wollte, fortan völlig
auf sich selbst gestellt und allein in der Gesellschaft einer Kuh, mehrerer
Katzen und ihrem Hund, weiter- und überleben muß. Erklärungen
über Herkunft und Zweck der ominösen Wand werden keine gemacht.
Der Leser nimmt ausschließlich an dem gedanklichen Monolog der Protagonistin
teil. Es gibt nicht einen einzigen Dialog und die Erzählerin stellt
sich noch nicht einmal namentlich vor. Karg und stilistisch nur auf das
Notwendigste reduziert, vollzieht man die Ängste, Sorgen, Nöte,
Freuden, soziologischen, moralischen, religiösen Erkenntnisse nach,
die persönliche Entwicklung der Frau unter den und durch die auferlegten
Umstände(n), über einen Zeitraum mehrerer Jahre hinweg. Nachdem
es immer wieder einmal Schicksalsschläge zu verkraften gilt, endet
die Aufzeichnung in einer erschütternden Tragik, welche dennoch allesamt
die letzte glimmende Hoffnung auf eine mögliche Zukunft und den zähen
Willen weiterzumachen, die immens gewachsene Verantwortlichkeit unzerstört
lassen.
Ein beeindruckendes,
an mehreren Stellen sehr bewegendes Buch, das zwar auch seine Längen
und Zähigkeiten beinhaltet, wenn etwa allzu oft alltägliche
Problematiken verhandelt werden, aber auch und gerade das gehört
zu einem authentischen, realistischen Bild dazu. Eine wirklich einfühlsame,
brillante Charakterstudie, welche den Lesenden sich in diese außergewöhnliche
Situation mithineinversetzen läßt, sogleich eine anwachsende
intime Nähe zur anderen, sich mitteilenden, offenbarenden Person
schafft - und die sicherlich niemanden unberührt lassen dürfte.
*****(*)
Jonathan Franzen
- "Die Korrekturen"
Wahrscheinlich
geht es nicht allein mir so, aber je älter ich werde, umso weniger
interessiere ich mich für irgendwelchen Action-Scheiß, abenteuerliche
Heldengeschichten, großangelegte Katastrophenszenarien. Jedoch desto
mehr für das ebenso spannende Abenteuer des alltäglichen Lebens,
der vielfältigen zwischenmenschlichen Beziehungen, für die "ganz
normalen Leute" und deren biographischen Werdegänge, Ansichten, Schicksale,
gesellschaftlichen Verflechtungen. Leute, die zwar unter Umständen
mit besonderen Verwerfungen und Herausforderungen zu kämpfen haben,
ansonsten aber ohne weiteres direkt nebenan wohnhaft sein könnten.
Leute, bei denen eine Identifikation und Anteilnahme leicht fällt,
und die einem möglicherweise neue, bislang kaum wahrgenommene Facetten
des Daseins in unserer Zivilisation von Augen führen.
Genau darüber,
über diese Leute, und die Zusammenhänge in unserer Gesellschaft
schreibt Jonathan Franzen in seinem viel diskutierten und von der Kritik
hochgelobten Roman "Die Korrekturen". Er zeigt darin vor allem einen Ausschnitt
aus der amerikanischen (oberen) Mittelschicht anhand einer bestimmten
Familie. Die konservativen Eltern leben weiterhin in dem spießigen
Kleinstadtidyll, in dem sie aufwuchsen, während die drei erwachsenen
Nachkommen versuchen, ihr Glück in den Großstädten zu
finden. Die sehr auf die äußerliche Form, sozialen Status,
Normerfüllung und Harmonie um jeden Preis bedachte Mutter Enid hat
sich, belastet mit ihrem zusehends geistig und körperlich abbauenden
Ehemann Al, in den Kopf gesetzt, die gesamte Familie für ein allerletztes
gemeinsames Weihnachtsfest zusammen zu bringen. Als dieses schließlich
stattfindet, endet es entgegen ihrer Wunschvorstellung natürlich
im Desaster, zeigt es doch anschaulich, wie sehr man sich voneinander
entfremdet hat und wie sehr ein jeder mit sich selbst beschäftig
ist, mit seinen derzeitigen Angelegenheiten, Problemen und Sorgen. Dennoch
findet man neue Anknüpfungspunkte, vor allem, als der Vater schließlich
im Sterben liegt. Chip und Denise, die beiden Kinder in den Mittdreißigern,
sind recht umgängliche, sympathische Figuren, während der etwas
ältere Bruder Gary mit seinem übersteigerten Kontrollwillen,
seinen neurotischen, innerhalb seiner eigenen Familie regelrecht paranioden
Zügen, einen faszinierenden psychopathologischen Befund abgibt, ohne
dabei jetzt wirklich überzogen oder unglaubwürdig karikaturhaft
zu wirken. Witziger- und ironischerweise verkörpert gerade er, Gary,
von den drei Kindern nach außen hin das gesellschaftlich anerkannte
Ideal des treusorgenden Vaters, guten Ehemannes und erfolgreichen Geschäftsmannes.
Die Kehrseite ist komplexzerfressen, innerlich ausgehöhlt und verkorkst.
So, das sollte
als erster Einblick genügen, dieses Werk ist eh zu ausufernd und
vielschichtig, um ihm an dieser Stelle überhaupt annähernd angemessen
gerecht werden zu können.
Gewiss kein
einfacher Lesestoff. Aber lohnender.
Eine sprachgewaltige,
hochintelligente Sozial- und Charakterstudie.
******
Peter Tompkins
& Christopher Bird - "Das Geheime Leben Der Pflanzen"
Die erläuternde
Untertitelung lautet Pflanzen als Lebewesen mit Charakter und Seele,
und ihre Reaktionen in den physischen und emotionalen Beziehungen zum
Menschen. Das sagt eigentlich bereits das Wesentliche über diese
fundierte und verblüffende Abhandlung. Das Buch ist zwar, wenn auch
eher selten, die historischen, medizinischen, ökologischen und biologischen
Ausführungen betreffend etwas weitschweifig, sowie mittlerweile ein
wenig betagt, nämlich über drei Jahrzehnte alt, seine Aktualität
behält es dennoch nach wie vor mittels seiner zeitlosen Brisanz hinsichtlich
des eigenen Natur- und Weltverständnises.
Verdammt interessant!
*****
Paulo Coelho
- "Der Alchimist"
Eher gefriere
die Hölle zu, als daß Paulo Coelho auch nur einen halbwegs
intelligenten Satz zustande brächte. Wahrscheinlich gebrauchte er
einen originelleren, wenn auch kaum schmeichelhafteren Vergleich, um sein
Mißfallen gegenüber dem meistgelesenen Werk des genannten brasilianischen
Schriftstellers kundzutun, als der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck
in seiner Sendung "Druckfrisch" wieder einmal die Spiegel-Bestsellerliste
genüßlich durchforstete. Über den genauen Wortlaut läßt
mich meine Erinnerung etwas im unklaren. Jedenfalls ging er damit, den
Alchimisten nur wenige Monate später abermals in Händen halten
müssend, noch um einiges rüder um. In dieser zweiten Eskalationsstufe
nannte er ihn einen literarischen Wiedergänger, einen papiernen Vampir,
welcher sich zu seiner jahrzehntelangen untoten Existenz durch Aussaugen
abgeschmacktester New Age- und Märchen-Themen verholfen hätte,
und der sich nach wie vor an der kostbaren Lebenszeit ahnungsloser und
unschuldiger Leserscharen labe. Herr Scheck spricht's, holt unter dem
Tisch einen eindrucksvollen, vorne zugespitzten Holzpflock hervor (!)
- und treibt diesen mit einem schweren Hammer mitten durch das dünne
Büchlein hindurch...! Harhar, ein wirklich gelungener Joke! Damit
dürfte sich das Thema - zumindest für ihn - endgültig erledigt
haben.
Überhaupt
scheinen eher intellektuell und rational orientierte Menschen bei Nennung
von Coelhos Bestseller grundsätzlich unwirsch abzuwinken, was man
beispielsweise bei der Deutschlands 100 Lieblingsbücher ermittelnden
Wahl, deren Ergebnis vom ZDF in einer mehrstündigen Galasendung vorgestellt
wurde, abermals anschaulich feststellen durfte.
Davon nicht
unvorbelastet, jedoch mit ungebrochenem Interesse, da ich mir ein grundsätzliches
Faible für philosophisch angehauchte Erzählungen erhalten habe,
lieh ich mir den Alchimisten dennoch aus. Dem Widerwillen der geistigen
Elite ist ja diesbezüglich nicht immer vollkommen zu trauen und,
wie sagt man so schön: über 20 Millionen Käufer weltweit
können wohl kaum irren.
Oder?
Scheinbar
doch.
Denn die Geschichte
um den einfachen andalusischen Hirten, der von seinen Träumen, einer
Wahrsagerin und schließlich einem klugscheißerischen, aufdringlichen
Alten dazu bewogen wird, seine Herde Schafe zu verkaufen, um sich zu einer
abenteuerlichen Suche nach einem sagenhaften Schatz im fernen Ägypten
aufzumachen, war in ihrer Schlichtheit selbst mir zu viel. Einfach zu
hausbacken und naiv, durchsetzt mit oftmals geradezu hirnerweichenden
existenzialistischen Binsenweisheiten. Vielleicht war es ein Fehler, das
Büchlein direkt im Anschluß an einen wirklich smarten Autor
und rhetorischen Titanen wie Jonathan Franzen folgen zu lassen, da konnte
es eigentlich von vorneherein nur abstinken und verlieren. Ich kämpfte
mich trotzdem heroisch, entlang eines dünnen erzählerischen
Rinnsals, durch die ersten 50 Seiten dieser gedanklichen Wüstenei,
gab schließlich zu Tode gelangweilt und auch ein bißchen entnervt
auf. Und mir eine Woche später doch zumindest noch so die letzten
20, 30 Seiten, nur für den unwahrscheinlichen Fall, daß Coelho
am Ende wider Erwarten vielleicht doch noch ein fulminantes Feuerwerk
abbrenne, welches all die investierte Aufmerksamkeit lohne. Zur Antwort
ein ernüchtertes: nicht wirklich...
"Der Alchimist"
mag sich allenfalls für Leute als befriedigend erweisen, die sonst
niemals ein Buch zur Hand nehmen und ihn von wohlmeinenden Bekannten ans
Herz gelegt, um nicht zu sagen: aufgedrängt bekamen, und die sich,
nachdem sie sich endlich durch die 170 Seiten hindurchschleppten, etwa
eine gute Stunde lang wohlig wähnen dürfen in dem sicheren,
stolz-erhabenen Gefühl, soeben einen der Gipfel der Welterkenntnis
erklommen zu haben. Um sich anschließend dankbar wieder ihren Daily
Soaps, nachmittäglichen Talkshows, Fitness- und Automobilzeitschriften
zuwenden zu dürfen...
Okay, okay,
selbst wenn das alles zugegebenermaßen natürlich keinesfalls
so richtig schlecht oder trashig ist und die eine oder andere Aussage
tatsächlich ganz nett, bleibt "Der Alchimist" die Rechtfertigung
seiner Erschaffung letztlich doch schuldig. Gut gemeint ist halt was anderes
als gut gemacht. Das hier ist alles in allem eine seichte, verblasene,
häufiges Augenrollen provozierende, betulich-spießerhafte Gutmenschenlektüre
in mächenartiger Darreichungsform und von hochvaliumartiger Wirkungsweise.
Zu den zweifelsohne auftretenden Risiken und Nebenwirkungen fragen sie
bitte den Buchhändler oder Feuilletonisten ihres Vertrauens.
Danke für
garnix - und auf Nimmerwiederlesen!
*
Josef Freiherr
von Eichendorff - "Aus Dem Leben Eines Taugenichts"
Klar,
der Titel wußte mich sofort anzusprechen, haha....!
Dieser deutsche
Klassiker ist dem vorig besprochenen Buch von Paulo Coelho im Grunde sehr
ähnlich. Auch hier geht es um einen einfachen, etwas naiven und gleichzeitig
lebensklugen Typen, der in die weite Welt hinaus zieht, um sein Glück
zu finden, und der auf seiner verschlungenen Reise allerei Bekanntschaften
und Erfahrungen macht.
Nichts wirklich
weltbewegendes, aber die schlichte und gleichzeitig wunderbar gespreizte
Sprache gefiel mir, wie auch die durchaus angenehme Tatsache, daß
Eichendorff im Gegensatz zu Coelho es dankenswerterweise unterläßt,
sich in seichtem, pseudo-philosophischem Geblubber zu ergehen.
Nett.
**(*)
Lawrence Norfolk
- "Ein Nashorn Für Den Papst"
Uff!
Was für ein Gelaber........!
Es kommt eher
selten vor, daß ich mich einen Roman abzubrechen gezwungen sehe.
Bei Norfolks zweitem blieb mir kaum etwas anderes übrig, nachdem
ich über Wochen hinweg vergeblich versuchte, Zugang zu diesem farblosen,
eigenschaftslosen, abweisenden, unergründlichen Wörtermonolithen
zu erlangen. Ich hab's mehrmals versucht, bin an verschiedenen Stellen,
späteren Kapiteln eingestiegen, das letztendliche Ergebnis belief
sich allenfalls auf einen bedauernswerten Verlust an Zeit und Geduld.
Das mußte wohl erzwungenermaßen herauskommen, wenn einer,
wahrscheinlich den Booker Prize fest auf dem inneren Monitor, versucht
"Kunst" zu fabrizieren und dabei, ein kleiiiin wenig zu selbstverliebt
in seine ohne Frage gewaltigst vorhandenen rhetorischen Fähigkeiten,
wissentlich seine gutwillige Leserschaft der unmittelbaren Gefahr auszusetzen
bereit ist, schlicht und einfach totgequatscht zu werden.
Wenn man mal
einen informativen, zugleich spannenden und anrührenden Roman über's
Mittelalter lesen möchte, sollte man sich weiterhin eher etwa an
Tanja Kinkels "Die Puppenspieler" oder natürlich Umberto Ecos Klassiker
"Der Name Der Rose" halten.
Sorry, aber
dieser Autor hier, der ist, jedenfalls für mich, einfach zu clever.....
*(*)
Paul Auster -
"Mond Über Manhattan"
Dieser
1989 erschienene Roman Austers ist kaum weniger seltsam, kaum weniger
seltsam verschlungen, wie auch kaum weniger seltsam faszinierend, als
sein aktueller, im vorletzten Quartal bereits besprochener, "Nacht Des
Orakels" betitelter. Hier nun läßt er seinen jungen Ich-Erzähler
namens Marco Stanley Fogg durch einen kurzen, verworrenen, wendungsvollen
Abschnitt seiner Lebensgeschichte stolpern, welcher in eigentlich jedem
der sieben Kapitel in ein völlig neues Stadium übergeht. Wobei
sich entscheidende Zusammenhänge erst nach und nach eröffnen.
Zentral ist die spannungsreiche Beziehung zu einem alten, schwierigen,
durchtriebenen, mitunter sukrrilen Mann, dessen Betreuung zuerst nur ein
zwar alles andere als einfacher, wenngleich gutbezahlter Job ist, sich
jedoch als voller Bedeutsamkeit für sein eigenes Dasein offenbart.
Insgesamt
war "Mond Über Manhattan" nun wirklich keine allzu leichtverdauliche
Lektüre. Was einen trotzdem und vor allem bis zum Ende weiterlesen
läßt, ist allerdings weniger ein eventuelles herausragendes
Entertainment, welches man bei Auster auch nicht unbedingt erwarten sollte,
sondern vielmehr die eigentümliche Spannung, die sich aus seinen
starken, einzigartigen Figuren und ihren oft kuriosen Schicksalsverflechtungen
ergibt - von der offensichtlichen Vorliebe des Autors für abgefahrene
Koinzidenzen zeugen gerade hier einige anschauliche Beispiele. Außerdem
ist Auster - was für alle guten Schriftsteller natürlich grundsätzlich
gelten sollte - ein sehr guter Beobachter mit profunder Menschenkenntnis,
und er streut desöfteren wirklich originelle Formulierungen, schöne
Metaphern, psychologische Feinsinnigkeiten oder unerwartete und blitzgescheite
Erkenntnisse im Laufe der Handlung aus. Als Zeugnis sei ein kurzer Gedanke,
gerade weil ich ihn als mich herausfordernd, ihn so ungewöhnlich
wie interessant fand, zitiert:
"Der wahre
Zweck der Kunst bestand nicht darin, schöne Dinge zu erschaffen,
sondern, wie er herausfand, im Begreifen, im Durchdringen der Welt und
darin, seinen Platz in ihr zu finden; und die etwaigen ästhetischen
Qualitäten eines Gemäldes waren praktisch nur ein zufälliges
Nebenprodukt des Strebens, sich an diesem Kampf zu beteiligen, sich in
das Chaos der Dinge zu stürzen."
Dies wäre
dann quasi ein komplementärer Standpunkt zu meiner eigenen Sicht,
welche wiederum eher von einer ästhetischen Perspektive ausgeht;
sowie einem beabsichtigten Hintersichlassen der alltäglichen und
allzubekannten Realität, um die Neuschöpfung einer eigenständigen,
einer vielmehr utopischen, ideellen Welt und Wirklichkeit - die sich logischerweise
immer auf die alte, bestehende bezieht, sie als Ausgangspunkt benutzend
- zu forcieren, in welcher es dem ruhelos-kreativen menschlichen Geist
ermöglicht wird, zeitweilig einen andersartigen, alternativen Platz
im Kosmos einzunehmen, möglicherweise eine neue, angemessenere Umgebung
und Erscheinungsform vorzufinden.
Bemerkenswert
ist auch der offene Schluß des Buches, durch welchen Auster den
Leser, je nach dessen Veranlagung, zu einer eigenen fortführenden
Interpretation einlädt. Man soll ja möglichst wenig im voraus
verraten, schon gar nicht den Ausgang. Da ich allerdings die Wahrscheinlichkeit,
daß eine/r unserer (wenigen) Leser/innen sich das Buch nach Kenntnisnahme
dieser Rezension tatsächlich irgendwann geben könnte, als sehr
gering einschätze, wage ich einmal mehr, zu einem meiner Lieblingsthemen
unangemessen explizit zu werden und meine persönliche Einschätzung
zum Finale offenherzig zum besten zu geben: Nach der durchlaufenen Achterbahnfahrt
der vorhergehenden Ereignisse sehen wir unseren (Anti-) Helden, wieder
einmal eines Lebensfadens verlustig gegangen, bindungs- und richtungslos
im existenziellen wie geographischen Nirgendwo stehen, vor einem abermaligen
Neuanfang, welcher jedoch im motivationsarmen, undurchsichtigen Dunkel
einer entleerten Zukunft verborgen bleibt. Als er in einem abgelegenen
Landstrich zum Parkplatz zurückkommend feststellen muß, daß
irgendein gewissenloses Arschloch seinen Wagen - mit zehntausend Dollar
einer Erbschaft im Kofferraum, shit happens! - geklaut hat und damit alles,
was ihm noch auf Erden blieb, er also von einem scheinbar blinden, widrigen
Schicksal einmal mehr, und einmal zuviel!, ordentlich eins reingewürgt
bekam, dreht er wutentbrannt und mehr als verständlich, ein wenig
durch. Nahm er zuvor alle Geschehnisse und Veränderungen, grundsätzlich
alles, wie's halt gerade kam, und was das Leben so für ihn bereit
hielt mit einer gewissen stoischen Gelassenheit hin, macht er sich nun,
vom anfänglichen Zorn auf die Umstände angetrieben, kopflos
auf einen hunderte, vielleicht tausende Meilen langen Fußmarsch...
"...im übrigen aber ging ich ohne Unterbrechung auf den Pazifik
zu, getragen von einem sich ständig steigernden Glücksgefühl.
Ich spürte, wenn ich das Ende des Kontinents erreichen würde,
läge dort die Antwort auf irgendeine wichtige Frage bereit. Ich hatte
keine Ahnung, wie diese Frage lautete, aber die Antwort war bereits in
meinen Schritten vorgeformt, und ich brauchte nur weiterzugehen, um zu
erfahren, daß ich mich selbst hinter mir gelassen hatte, daß
ich jetzt nicht mehr der gleiche Mensch war wie früher. ... Ich hatte
das Ende der Welt erreicht, dahinter waren nur noch Luft und Wellen, eine
Leere, die sich bis an die Küsten von China erstreckte. Hier fange
ich an, sagte ich zu mir, hier soll mein Leben anfangen." Er wartet
noch, bis der Vollmond emporsteigt und seinen Platz in der Dunkelheit
findet, und wendet sich dann ab. Man kann diesen Abschluß, wie oben
angedeutet, natürlich auch anders auslegen - aus meiner Sichtweise
ergibt sich daraus ein schlußendlicher, suizidaler Akt. Sozusagen
die radikalste Art des Neubeginns. Man hat sein Bestes gegeben, hat versucht
sich irgendwie durchzuschlagen, versucht, mit den zuweilen allzu garstigen
Bedingungen klarzukommen, versucht, auf Erden zumindest ansatzweise harmonische
Verhältnisse herzustellen und auf Ihr ein vorübergehendes Zuhause
zu finden. Doch alle Stricke sind schließlich gerissen und man kann
sich mit jenseitsgerichtetem Blick in dauerhaft geformtem, letzendlichem
Gleichmut nur noch auf den Vers "Leb wohl Frau Welt und schmücke
/ Dich wieder jung und glatt / Wir sind von deinem Glücke / Und deinem
Jammer satt" berufen. Wer könnte es wagen, über eine solche
Entscheidung richten zu wollen? Wer könnte, nach so vielen irdischen
Irrungen und Wirrungen, nach Auskosten aller denkbaren Freude und allen
denkbaren Leids, ernsthaft eine zur Abreise bereite und willige Seele
zurückhalten wollen, die, sehnsuchtsvoll und unmittelbar in sich
den lockenden Ruf ihrer eigentlichen Heimat vernimmt?
Und dennoch,
aus dem schwachbegründeten, diffusen Gefühl heraus, einen folgenschweren,
konsequenzbehafteten Fehler zu begehen, unterlassen wir es im allgemeinen,
unser Exilantentum vorzeitig zu beenden.
Bei einer
Situation wie im letzten Kapitel von "Mond Über Manhattan", brächte
ich für jemanden wie Austers Protagonisten allerdings vollstes Verständnis
auf. Für jemanden, der zuvor alle irdenen Möglichkeiten bereits
zur Genüge ausschöpfte, und, einverstanden wie geläutert
am abgründigen Rande der Ewigkeit stehend, den entscheidenden Schritt
vollführt, um in der Weite des Ozeans Übergang und Neubeginn
zu finden.......
Keine absolute
Pflichtlektüre, aber genau wie "Nacht Des Orakels" kann man sich
auch "Mond Über Manhattan", um mal ein gleichlautendes Fazit zu ziehen,
bedenkenlos eingeben.
Wirklich interessant.
****(*)
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