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Interview in Nürnberg im "Hirsch" 12. November 2002 Anne
Clark ist eine Ausnahmeerscheinung in der Musiklandschaft. Mit Elektro-Evergreens
wie „Sleeper In Metropolis“ und „The Sitting Room“ Anfang der 80er Jahre
als düstere Wave-Prinzessin bekannt (und wahrscheinlich unsterblich)
geworden, überraschte die kleine kämpferische Britin in den 90er Jahren
mit wilden Techno-Remixen, atmosphärischen Akustikshows, einer Lesetour
und ambitionierten Literaturvertonungen, darunter das gelungene Rilke-Projekt
„Just After Sunset“. Mit dem gastierte Anne Clark auch live im Nürnberger
Musikclub Hirsch. Dort sprachen Stefan Gnad und Jörg Pelleter mit der
vielseitigen Künstlerin.
Wie geht man daran, Gedichte zu vertonen, Sprache in Musik zu packen? Anne Clark: "Ich denke, dass das die große Parallele zur Natur ist. Wenn ich mit Martyn arbeite, ist das wie ein organischer Prozess: Man versucht, mit der Musik das nachzubilden, was die Texte in Worten ausdrücken und einen ungeschliffenen, natürlichen Sound zu kreieren." Zieht Ihr Euch in einen Übungsraum zurück und jammt munter drauf los oder wie sieht das in der Praxis aus? Anne Clark: "Martyn schickt mir einige Ideen oder ich ihm. Und dann beginnt sich das Ganze wie von selbst weiter zu entwickeln. Das ist das, was ich vorhin in Bezug auf das Yates-Projekt meinte: Es wollte einfach nicht in Gang kommen. Ganz im Gegensatz zum Rilke Material, bei dem es fast von alleine voran ging." Kommuniziert Ihr via e-mail oder schnürt Ihr ganz herkömmlich Päckchen? Anne Clark: "Wir nutzen beides. Ich besuchte Martyn oder er kam zu mir. In der Zwischenzeit tauschten wir uns per e-mail aus." Martyn lebt in Amerika? Anne Clark: "Nein, er lebt in England - in den Midlands nahe Birmingham. Ich lebe unweit von London." Gedichtinterpretationen sind ein hochinteressantes Thema. Das Ich aus Bayreuth haben vor ein paar Jahren die "Morgue"-Gedichte von Gottfried Benn vertont. Anne Clark: "Ja, ich kenne die Band. Die Platte leider nicht." Hast Du Kontakt zu anderen Künstlern, die Literaturadaptionen gemacht haben? Anne Clark: "Nicht direkt. Speziell in der letzten Zeit fast überhaupt nicht, da ich mich wie gesagt sehr weit von der Musik entfernt hatte." Sagt Dir Sara Noxx etwas? Es gibt Menschen, die behaupten, sie hätte in ihrer Jugend zu viel Anne Clark gehört ... Anne Clark: "Ich habe von ihr gehört. Ein Freund hat mir mal ein Stück von ihr geschickt und gemeint: "Hey, das ist doch "Sleeper in Metropolis", oder?" Und ich entgegnete: "Naja, zumindest ist es davon beeinflusst!" Wie es aussieht, hat sie eine Anhängerschar. Also muss sie etwas schaffen, das den Leuten gefällt und sie interessiert. Da ist es sehr schwer für mich zu sagen: "Hey, Du kannst das nicht so machen, weil ich es genauso machen würde!" Dazu habe ich kein Recht." 1997 erschien mit "Wordprocessing (The Remix Project)" ein viel beachtetes Anne Clark-Remix-Album. Leute wie Sven Väth interpretierten darauf Lieder von Dir neu und krempelten sie zum Teil völlig um. Anne Clark: "Das war okay. Wie gesagt, diese alten Stücke sind für eine Menge Leute extrem wichtig, und selbst DJs sagen ab und an, wie sehr diese Lieder sie beeinflusst haben. Insofern war ich sehr glücklich darüber, dass sie diese Sachen remixt haben. Auch wenn ich gehofft hatte, dass das Label dann im Gegenzug sagen würde "Okay, Anne - Du hast dieses Projekt mitgemacht, dafür helfen wir Dir bei Deiner aktuellen CD und arbeiten mit Dir als Künstlerin zusammen." Aber das haben sie nicht getan. Sie sehen in mir nur ein weiteres Produkt." Da
klingt sehr viel Wut durch ...Anne Clark: "Mittlerweile nicht mehr. Wisst Ihr, es war schon so viele Male der selbe Mist. Schon in den 80er Jahren wollten sie zehn Lieder wie "Our Darkness" auf einem Album haben. Somit kam das alles nicht als plötzlicher Schock, aber es war dennoch eine große Enttäuschung. Eine Firma von der Größe von Sony, die nahezu alles in ihrem Besitz hat, hätte mit Sicherheit irgendwo in ihrem Netzwerk einen Platz gefunden, um meine Arbeit zu unterstützen. Aber sie haben sich entschieden, es nicht zu tun." Sieht man als Künstlerin da einen Ausweg? Anne Clark: "Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Eine ist Aufhören, was ich ja auch von Zeit zu Zeit mache. Ich schmeiße alles hin ... und bin in der glücklichen Lage, nach einer gebührenden Auszeit großartige Menschen zu treffen, wie die, mit denen ich momentan zusammenarbeite. Zum Beispiel Jeff Aug, der bei uns Gitarre spielt - ein fantastischer Mensch mit so viel kreativer Energie! Mit solchen Künstlern ist das Feuer plötzlich wieder da ..." Wie denkst Du darüber, als Künstlerin Deine Musik selbst über das Internet zu vertreiben? Anne Clark: "Die Möglichkeit ist mit Sicherheit vorhanden. Aber ich brauche dennoch diesen unmittelbaren Kontakt mit den Leuten. Ich muss live spielen." Die Anne Clark spannt einen sehr weiten Bogen: Sie läuft im Radio, wird auf Rave-Parties gespielt, und auch auf Gothic-Parties tanzen die Menschen dazu. Anne Clark (unterbricht): "Wisst ihr: Wenn ich ein Studioalbum mache, bin ich durchaus bereit, zwei, drei oder gar vier Stücke mit draufzupacken, die kommerziell erfolgversprechend sind. Damit habe ich kein Problem. Aber im Gegenzug will ich auch die Möglichkeit haben, ein halbes Dutzend Stücke zu machen, die nicht so kommerziell orientiert sind!" Uns hat mal wer die Geschichte erzählt, dass Du auf einem Open Air mit der Videokamera auf die Bühne gekommen bist und die Fans mit den Worten "Winkt mal - Meine Plattenfirma sagt, Euch gibt es gar nicht!" gefilmt hast. Stimmt das? Anne Clark: "Ja. Das ist immer das Hauptargument der Plattenindustrie: "Niemand wird das kaufen, niemand interessiert sich dafür!" Und dann denke ich mir, "Okay, wenn das so ist, ziehe ich mich eben in mein Haus zurück und bleibe dort" Aber dann geht doch wieder das Telefon oder es kommt ein e-mail, und es heißt "Hey Anne, da sind Leute, die uns fragen, ob Du live hier und dort auftrittst". Es gibt also durchaus ein Publikum für meine Musik. Es sind vielleicht keine Millionenmassen, aber es ist ein Publikum." Hast Du das Videoband mal Deiner Plattenfirma gezeigt? Anne Clark: "Nein. Ich rede nicht mehr mit meiner alten Plattenfirma." Wie kommuniziert Anne Clark – nur via e-mal ... oder bleibt da noch Zeit, Briefe zu schreiben, so richtig mit Tinte und Papier? Anne Clark: "Nein, ich liebe Briefe! Das Internet ist praktisch für schnelle und wichtige Kommunikation, aber das Schreiben mit Stift und Papier ist dennoch etwas ganz besonderes. Das kann wie eine Art Tagebuch sein ..." Was hört Anne Clark zu Hause? Anne Clark: "Alle möglichen Arten von Musik. Ich mag klassische Musik. Was ich auf die Tour mitgebracht habe, ist die aktuelle CD von Chumbawamba. Auch das Readymade-Album mag ich sehr gerne. Ich mag auch Musik, die Ihr wohl als Ethno beschreiben würdet. Das ist zum großen Teil ziemlich abgefahrenes Zeug." Stell Dir vor, Du feierst eine Gartenparty und hast drei Bands Deiner Wahl frei, die für Dich und Deine Freundinnen und Freunde an diesem Abend aufspielen – Leichen willkommen! Wer spielt auf Anne Clarks Gartenparty? Anne Clark: "Tim Buckely wäre der erste! Kennt ihr ihn? Nein? Seht Ihr: Ein weiterer Künstler, den Ihr nicht kennt. Hört ihn Euch mal an! Er ist ein Liedermacher aus den 60er/70er Jahren. Dann würde ich wohl Martyn dort haben wollen, mit einem seiner zahllosen Projekte. Und dann noch Jeff Aug mit seiner Band Floating Stone. Oh, und vielleicht David Bowie ..." Das wären dann vier. Anne Clark: "Naja, dann eben für den Fall, das es einer nicht rechtzeitig schaffen sollte." Du bist Anfang der 80er im Zuge der englischen Punk-Explosion gestartet. Ist davon heute noch irgend etwas übrig? Anne Clark: "Es gibt natürlich noch immer Leute, die diesen Prinzipien verpflichtet sind. Das war eine sehr heftige Bewegung damals. Wie ein heller Lichtblitz tauchte sie auf und beeinflusste viele Bereiche. Und ja, ich denke durchaus, dass es noch Leute gibt, die aus diesem Ansatz heraus künstlerisch tätig sind" Und bei Anne Clark selbst? Anne Clark: "Ich hoffe ich doch! Ich finde es zum Beispiel noch immer extrem wichtig, ehrlich zu mir selbst zu sein." Du hast in Deinen jungen Jahren auch für Fanzines geschrieben ... Anne Clark: "Ja. Damals gab es einige Magazine wie etwa das Zig Zag. Ich habe Reviews und ähnliches geschrieben. Fanzines sind sehr wichtig, selbst, wenn die Auflage nur 100 Stück beträgt." Du hast sehr viel erreicht in Deiner langen Karriere. Gibt es noch Wünsche und Träume? Anne Clark: "Nun, ich hätte nichts dagegen, mal mit bestimmten Leuten zusammenarbeiten, etwa Brian Eno oder Daniel Lanois. Das wäre eine gute Sache. Oder auch David Bowie!" Würdest Du gerne mal was im Theaterbereich machen? Anne Clark: "Hab’ ich schon – zu Beginn meiner Karriere. Ich habe einen Fernsehfilm gemacht und auch etwas fürs Theater. Doch dann habe ich mich weitestgehend der Musik gewidmet." Wie müsste ein Film aussehen, zu dem Anne Clark den Soundtrack macht? Anne Clark: "Das ist eine gute Frage. Meine Lieblingsfilme sind zum Beispiel "Dead Man" von Jim Jarmusch - einer meiner absoluten Favoriten! Der Soundtrack von Neil Young ist geradezu unglaublich! Dann schätze ich Regisseure wie Nicolas Roeg. In den 70ern machte er einen Film namens "Don’t Look Now" mit Donald Sutherland und Julie Christie. Das ist auch ein sehr guter Film. Und ich schätze Krzysztof Kieslowski sehr, der den "Dekalog" gedreht hat und leider vor einer Weile gestorben ist. Diese Art von Film würde mich reizen." Anne Clark ist wahrscheinlich die einzige Sängerin, die seit über zwanzig Jahren Platten veröffentlicht und in ihrer langen Karriere noch keinen einzigen Ton gesungen hat ... Anne Clark: "Stimmt. Weil ich nicht sehr gut singen kann. Ich habe das oft genug versucht. Manchmal singe ich einfach für mich selbst. Aber ich fühle mich nicht wirklich wohl dabei."
Interview:
Jörg Pelleter & Stefan Gnad (Gnadiator) - 11/02 - |
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