Wurdest Du schon einmal
zu einem Interview genötigt, Ray?
Genötigt? Du meinst,
richtig erpreßt, oder so? Ha, ha, nein, ich wurde bisher nur einmal
interviewt, und zwar von einen Magazin aus New Jersey, deshalb ist es
für mich ziemlich ungewohnt, mal auf der anderen Seite des Mikrophons
(Mikrophon? - Martin) zu sitzen. Entschuldige deshalb, wenn es
manchmal so klingt, als wüßte ich nicht, was ich eigentlich
rede.
Wann hast Du mit dem
CHAOS genau angefangen, und was war damals Deine Motivation? Welchen
Sinn hat Deiner Meinung nach ein Fanzine im Gegensatz zu einem kommerziellen
Magazin?
Ich habe mit CHAOS Mitte
1983 begonnen. Damals arbeitete ich in einem Plattenladen. Wir verkauften
das KERRANG und das AARDSCHOCK, aber das waren schon ziemlich kommerzielle
Hochglanz-Magazine. Eines Tages bekamen wir ein paar Ausgaben des METAL
MANIA-Fanzines aus San Francisco rein, das von Ron Quintana herausgegeben
wurde. Das war ein absolutes low-budget-Fanzine, mit der Schreibmaschine
getippt, Klebe-Layout und kopiert anstatt richtig gedruckt. Was noch
besser war: hier war mehr Underground (also Bands, die damals noch Underground
waren) drin als im KERRANG oder ähnlichen Magazinen. Denk’ zurück
an ‘83 - in diesem Fanzine waren hauptsächlich Bands wie METALLICA,
MERCYFUL FATE, FATE, LOUDNESS, CRYSTAL PRIDE, VOIE DE FAIT, RISING FORCE
und SILVER MOUNTAIN. Bis heute ist das METAL MANIA mein Lieblings-Fanzine,
und Ron ist mein einziges Vorbild, was Fanzines anbelangt. Er brachte
22 Ausgaben bis ‘87 raus, und sie sind alle unglaublich gut. Nun gut,
ich nahm eines dieser Hefte mit nach Hause und während ich es las,
kam es mir plötzlich: So etwas kann ich auch! Ich wußte,
daß ich gut schreiben kann; ich hatte schon Musik-Reviews für
die Highschool- und College-Zeitungen geschrieben. Jetzt hatte ich eine
Ausdrucksform entdeckt, wo ich meine Interessen am Schreiben und an
Musik wieder verbinden konnte. Ich fing mit der ersten Ausgabe am nächsten
Tag an, die Sache kam ins Rollen, und habe es nie bereut. Eigentlich
hieß die erste Ausgabe von CHAOS METAL MAELSTROM, aber ich änderte
den Namen mit der Nummer 2, nachdem ein Freund von mir, Ed Robbins,
das Logo gezeichnet hatte.
Für mich ist der Unterschied
zwischen einem großen, kommerziellen Magazin und einem Fanzine,
wie ich oder Ron es gemacht haben, ziemlich groß. Große,
kommerzielle Magazine müssen alle Bereiche abdecken, die gerade
in sind. Beim CHAOS habe ich immer ohne zu zögern drauflos geschrieben
und meine Meinungen und Gedanken zu dem, was im Musikbereich und verwandten
Bereichen los ist, geäußert. Wenn mir da andere Leute zustimmten,
dann war das OK, wenn nicht, hat mich das auch nicht groß geärgert.
Was die großen Magazine betrifft, ist es so, daß sie darauf
achten müssen, ihren Lesern ein leicht verdauliches, glattes Produkt
anzubieten, denn schließlich müssen sie ja eine bestimmte
Anzahl Hefte verkaufen, um im Geschäft zu bleiben. Bei einem Fanzine
wie dem CHAOS war (und ist) dies bei keiner Ausgabe der Fall. Ich habe
nie Geld mit dem Heft verdient; eigentlich eher Verluste gemacht, aber
ich habe festgestellt, das da etwas sehr Interessantes passiert, wenn
man so ein Heft macht. Man verkauft zwar nicht gerade Unmengen, aber
wenn Du es ehrlich meinst und zu Dir selbst stehst, bekommst Du eine
kleine, aber unglaublich treue Leserschaft. Ich kenne Leute, die damals,
1983, die erste Ausgabe gekauft haben, und mich heute nach den Fortschritten
an meinem Buch fragen. Das ist eine unglaublich lange Zeit, und dieses
Gefühl, kann man nicht mit Geld bezahlen. Eine lustige Sache gibt’s
noch: Vor mehreren Jahren schickte ich eine Bewerbung als Autor an ein
großes amerikanisches Musikmagazin. Zu der Zeit war ich noch ziemlich
naiv, ich dachte, ich könnte da ein paar Artikel über noch
unbekannte Bands schreiben. Als Antwort bekam ich: „Nun, Du schreibst
sehr gut, aber das ist nicht ausschlaggebend. Wenn Du ein Interview
mit Motley Crue bekommst, stellen wir Dich sofort ein, egal wie gut
oder wie schlecht Du bist“. Das haben die tatsächlich geschrieben.
Damit war mein Interesse an der Mitarbeit bei einem großen Magazin
erschöpft. Scheiß’ drauf, es ist mein Hobby, und ich werde
nur schreiben, was ich für richtig halte, nicht das, für das
mich jemand bezahlt. Das ist nicht nur einfach so ein Job. Weil wir
gerade dabei sind, das beste Fanzine, das ich momentan kenne, ist das
PTOLEMAIC TERRASCOPE aus England. Es geht in dem Heft hauptsächlich
um Psychedelic Music und auch um progressive Sachen. Was ich so cool
an dem Heft finde ist, daß sie einerseits sehr bekannte Bands
bringen und gleich auf der nächsten Seite eine Band, von der noch
nie jemand gehört hat - und beiden Bands widmen sie die gleiche
Aufmerksamkeit. Wichtig ist nur, ob die Redakteure die Band bzw. den
Künstler interessant finden, ganz egal ob sie nun populär
sind oder nicht. Ein Fanzine, wo die Music an erster und wichtigster
Stelle steht, so wie es sein soll.
(Dazu möchte ich
anmerken, daß ich Ray Ausführungen zum Thema „Fanzines“ voll
teile. Kann man also auch als abschließende Betrachtung meinerseits
sehen. - Martin)
PTOLEMAIC TERRASCOPE
- das klingt interessant. Kannst Du mir die Adresse und den Preis sagen?
Sicher, hier ist sie:
PTOLEMAIC TERRASCOPE
37 SANDRIDGE ROAD
MELKSHAM
WILTSHIRE SN12 7BQ
ENGLAND
Das Heft kostet 5 Britische
Pfund für eine Ausgabe oder 20 Pfund für ein Abo über
vier Ausgaben. Man kann das Geld bar schicken oder einen Scheck ausgestellt
auf eine britische Bank oder eine internationale Postanweisung zahlbar
an „Ptolemaic Terrascope“. Das sind die Preise, die ich für den
Postversand von Europa nach Amerika weiß.
Jetzt liegt das Heft
auf Eis, weil Du an Deinem Buch schreibst. War das der einzige Grund?
CHAOS liegt eigentlich
nicht richtig auf Eis. Es stimmt, ich habe die Arbeit schon sehr eingeschränkt,
seit ich an dem Buch arbeite, aber ich habe weiterhin umfang- und auflagenmäßig
kleinere Ausgaben herausgebracht, und das auch ziemlich unregelmäßig.
Die Nummer 32 gab’s 1995. Ich habe nur sehr wenig Hefte von den letzten
paar Ausgaben gedruckt, hauptsächlich wegen dem Zeitaufwand und
der vielen Arbeit, große Auflagen zu drucken und zu versenden.
Diese Hefte habe ich unter meine Freunden verteilt und nur an ein paar
Läden in der Umgebung verkauft. Tatsächlich hat das Buch mittlerweile
einen Großteil meiner Zeit in Anspruch genommen, und auch die
Geburt meines Sohnes Paul im März 1994 hat mein Leben ziemlich
verändert. Ihn wachsen zu sehen, sich um ihn kümmern, mit
ihm spielen, das bedeutet mir viel, und wenn ich ihn ansehe, erkenne
ich, daß Musik nur ein Hobby ist, das erst nach den wirklich wichtigen
Dingen im Leben kommen kann. Ein Kind zu haben, ist schon eine ein umwerfendes
Erlebnis, und meine Frau und ich sind sehr glücklich darüber.
Jedoch wird die Musik immer eine Rolle in meinem Leben spielen, ebenso
das Schreiben. Kunst ist etwas Wertvolles, ebenso die Meinungen, die
man dazu hat, ob das nun Lob oder Kritik ist. Das gehört zu den
Idealen, die ich Paul vermitteln möchte, wenn er aufwächst.
Wahrscheinlich wird er nicht die gleiche Musik wie ich mögen, das
ist auch gut so, doch ich lege großen Wert darauf, daß er
lernt, daß man bei allen Dingen hinter das vermeintlich Offensichtliche
blicken muß und nicht einfach blind der Masse folgen darf (klingt
wie ein Black Sabbath-Text von „After Forever!!!“).
Und wie weit bist Du
jetzt mit dem Buch?
Mit dem Buch geht’s langsam
voran, doch ich habe einiges in den letzten paar Monaten geschrieben.
Ich beabsichtige, es in mehr als einem Band herauszugeben, denn ich
möchte noch mehr Bands/Alben/Ideen unterbringen, und wenn ich das
alles in ein Buch packen möchte, wird es nie fertig! So hoffe ich,
zuerst mal einen Band zu schaffen und in der Zukunft vielleicht noch
mehr. Ich hoffe, den ersten Band Ende 1996 vorstellen zu können.
Wenn nicht ein wunderbarer, billiger Verlag in den nächsten Monaten
vom Himmel fällt, wird er nicht das Format eines typischen Buches
haben, sondern eher wie ein Fazine aussehen, nur sehr viel länger
als üblicherweise. Deshalb verwende ich eine ziemlich kleine Schrift,
die mir erlaubt, möglichst viel Text auf eine Seite zu bringen.
Ich sehe es schon kommen, daß der erste Band mindestens 100 Seiten
haben wird. Ich schreibe den Text am PC, aber es wird wieder ein Klebe-Layout
sein!!! Ich weiß, ich könnte das Buch komplett am Computer
erstellen, doch ich möchte genau das Layout haben, wie es schon
immer im CHAOS zu finden war. Das heißt, es wird ziemlich roh
und unprofessionell aussehen. Damit zolle ich dem Fanzine, das ich gemacht
habe, Respekt und andererseits „protestiere“ ich damit gegen diese steril
gestalteten Magazine und Bücher, die den Markt überschwemmen
und denen die ganze Technik die Seele geraubt hat.
Wird der erste Band
das Kapitel über TRUST enthalten? Du weißt schon, warum ich
frage...
Ich denke, der TRUST-Artikel
wird erst in einem späteren Band erscheinen, da er erst im letzten
CHAOS war und ich mich nicht so schnell wiederholen möchte. Ich
hoffe, Du verstehst das.
Warst Du eigentlich
irgendwie stolz, wenn Dein Name auf der Thanks-List einer Band auftauchte?
Ja. Ich möchte nicht,
daß das selbstherrlich klingt, aber seit ich mit dem CHAOS begonnen
habe, hatte ich meinen Namen auf vielen Thanks-Lists in LPs und CDs.
Ich glaube nicht, daß ich nun ein „wichtiger Typ“ oder bin, nur
wenn man in so vielen Jahren so viele Band kennenlernt, entwickelt sich
das halt so. Auf jede Band, die mich in ihrer Thanks-List erwähnt,
kommen vermutlich zehn andere, die mich vielleicht vergessen haben oder
die mich vielleicht für einen Schwachkopf halten, die ganze Palette.
Am meisten bin ich stolz darauf, meinen Namen auf den Thanks-Lists von
zwei PAUL CHAIN CDs lesen zu können, auf „In Concert“ und „Alkahest“.
PAUL CHAIN ist der von mir am meisten bewunderte und vollendetste Künstler,
den ich kennengelernt habe, seit ich mit Musik zu tun habe. Meinen Namen
auf seiner Thanks-List zu sehen, ist das Größte, denn wenn
ich irgend etwas getan habe, um einen Künstler seines Formats zu
helfen, dann war das die ganzen Mühen wert, die ich seit der Geburt
des Fanzines auf mich genommen habe.
Du bist jetzt 37. Ist
das nicht ein ungewöhnliches Alter für einen HM-Fan? Oder
möchtest Du eigentlich gar nicht in diese Schublade gesteckt werden?
Mittlerweile bin ich 38!!!
Die Zeit vergeht... Ich persönlich bin der Ansicht, daß das
Alter bedeutungslos ist. Ich denke, alles hängt von der individuellen
Sichtweise ab und wie man sich fühlt. Ich kenne Leute die gerade
mal 20 sind, die weder Jugendlichkeit, Neugier oder Abenteuerlust ausstrahlen.
Gleichzeitig kenne ich Leute in den Fünfzigern, die voller Leben
und Energie sind, die eine positive Sicht des Lebens haben. Und hey,
Tony Iommi ist in den Vierzigern und macht immer noch Musik, deshalb
traue ich mir zu, genügende Kraft aufzubringen, weiterhin harte
Musik zu hören und darüber zu schreiben. Ich habe kein Problem
damit, ein „Heavy Metal-Fan“ genannt zu werden. Ich liebe vieles aus
diesem Genre, warum sollte ich das dann verschweigen? Ich mag den Hard-Rock
der 70er, 80er-Jahre-Metal, die progressiven Sachen aus den 90ern, Power-
und Doom-Metal, Psychedelic- und Progressive-Kram aus den 60er und 70ern,
Prog, wie er zur Zeit gespielt wird, Psych, wie man ihn heute hört
und sogar so „abwegige“ Sachen wie Celtic-Folkmusic. Hier möchte
ich die Gelegenheit wahrnehmen um etwas zu sagen, das ich für sehr
wichtig halte: Nichts ist falsch dabei, einen favorisierten Musikstil
zu haben. Ich mag halt Metal und Hard-Rock mehr als die meiste andere
Musik. Man sollte jedoch seine Ohren und Augen nicht für Anderes
verschließen. Nimm die ganze Welt wahr, höre mit offenen
Ohren. Gib’ allem zumindest eine Chance. Wenn’s Dir nicht gefällt,
mußt Du es Dir ja nicht weiter anhören, aber sag nicht von
vornherein „Nein!“, bevor Du es nicht versucht hast. Ich hätte
nie gedacht, daß ich Celtic Folk mögen würde, doch ich
hätte das nie herausgefunden, wenn ich nicht mal reingehört
hätte. So ist’s passiert, daß CONNEMARA, eine Celtic-Folk-Band
hier aus der Umgebung, eine meiner absoluten Lieblings-CDs des Jahres
‘95 herausbrachten. Niemand wird ALLES lieben, das ist klar, aber ich
denke, wenn man seine Hörgewohnheiten erweitert, wird man an seiner
Lieblings-Musikrichtung um so mehr Freude haben. Hab’ keine Angst, etwas
Neues nicht mindestens mal anzutesten.
Du arbeitest in der
Buchhaltung einer Investment-Firma. Das ist ja nicht gerade „sex, drugs
and rock ‘n’ roll“, oder? Ist die Musik eine Art „Fluchtmöglichkeit“
für Dich?
Stimmt, ich verdiene meinen
Lebensunterhalt in der Buchhaltung einer großen Firma. Zuvor habe
ich in einem Plattenladen gearbeitet, wie ich schon erwähnte. Die
Arbeit dort machte Spaß, speziell währden der NWOBHM und
in den frühen 80ern. Nachdem ich jedoch sieben Jahre dort gearbeitet
hatte, war ich Ende 20, und mir wurde schmerzhaft klar, daß, wenn
ich heiraten und ein Kind haben möchte, mir diese Arbeit nicht
genug Geld bringen würde. Ich bin bestimmt nicht der Typ, der die
große Kohle verdienen will, aber seien wir doch mal ehrlich: im
Leben sieht es so aus, daß Du einigermaßen verdienen muß,
um vernünftig leben zu können, und wenn Du auch noch für
andere Menschen verantwortlich bist, speziell, wenn Du ein Kind in der
Zukunft erwartest, mußt Du eine Arbeit haben, die Dir auf längere
Zeit Sicherheit gibt. In der Schule hatte ich schon Spaß daran,
mit Zahlen umzugehen, und so lag die Bürotätigkeit recht nahe.
In dieser Firma habe ich eine wesentlich stabilere Zukunft, und ich
kann etwas Geld für Pauls Zukunft sparen, ebenso für unseren
Ruhestand, irgendwann mal. Ich bin immer noch so musikbegeistert, wie
damals im Plattenladen, vielleicht hat sich das sogar noch gesteigert,
da ich nicht mehr den ganzen Tag mit Musik überflutet werde. Wenn
ich jetzt die Gelegenheit habe, mich mal hinzusetzen und richtig Musik
zu hören, kann ich das viel mehr schätzen. Hauptsächlich
höre ich wohl Musik auf meinem Walkman, im Bus auf dem Weg zur
und von der Arbeit. Sie hilft mir, den Tag zu beginnen und mich auf
dem Heimweg zu entspannen. Was die „sex, drugs and rock ‘n’ roll“-Sache
betrifft: das war nie mein vorrangiger Eindruck von der Musik, die ich
höre. Oh ja, diese Klischees tauchen in der Musik auf, stimmt schon,
aber sie lassen mich eher an MOTLEY CRUE, POISON usw. denken. Ich glaube,
die Sichtweise, die das Massenpublikum sogar heute noch von Metal hat,
ist ziemlich mit pauschalen Vorurteilen behaftet. Ein paar großartige
Bands hatten „sex, drugs and rock ‘n’ roll“-Texte, z. B. AEROSMITH,
oder, nicht ganz so klar, BUFFALO. Jedoch: Was ist mit Bands wie RUSH,
MANILLA ROAD, LEGEND, SKYCLAD etc.? Diese lassen sich nicht so leicht
in die Schublade „laute Gitarrenmusik“ stecken! Aber zurück zu
Deiner ursprünglichen Frage. Sicher, Musik kann eine Art „Fluchtmöglichkeit“
für mich sein. Täglich muß man mit vielen Problemen
fertig werden, daher ist es wundervoll, mit Kunst einen Ausgleich schaffen
zu können. Musik erfüllt bestimmt diese Funktion für
mich!
Wir hatten schon mal
eine Diskussion darüber: Glaubst Du, daß es so etwas wie
„typisch amerikanisch“ gibt? Und glaubst Du, daß etwas „typisch
deutsch“ ist?
„Typisch amerikanisch“?
Ha, ha, keine Ahnung. Speziell auf die Musik bezogen ist es wohl charakteristisch
für Amerika auf jeden neuen Trend aufzuspringen. Thrash, Grunge,
Rap, um alles wurde ein ziemlicher Wirbel gemacht, alles wurde für
eine gewisse Zeit larger than life und zwei Jahre später war’s
denn Leuten wieder egal. METALLICA wurden hier ziemlich populär,
darum waren die Plattenlabels wie verrückt darauf aus, jede Band
zu signen, die wie sie klang, ob sie jetzt gut war oder nicht. Das Gleiche
bei SOUNDGARDEN und PEARL JAM. Das Gleiche bei ICE-T. Das Gleiche bei
HOOTIE & THE BLOWFISH. Reine Gier, und leider scheint das hier sehr
typisch zu sein. Das schnelle Geld machen. Ich kenne die deutschen Verhältnisse
nicht im Einzelnen, aber ich weiß, daß gerade eine große
Anzahl von Progressive-, Power- und Doom-Metal auf deutschen Labels
wie Dream Circle, Hellhound und WWMS herauskommt, was mich zu der Annahme
verleitet, daß bei euch drüben etwas mehr Toleranz für
verschiedene Musikrichtungen vorherrscht. Abgesehen von der Musik und
der eigentlichen Kultur der beiden Staaten, bin ich mir nicht sicher,
was „typisch“ ist. Ich meine, ich bin nicht so blöd zu glauben,
daß alle Deutschen den ganzen Tag im Biergarten herumstehen, Bratwurst
essen und sich mit großen Biergläsern zuprosten!!! Tatsächlich
glaube ich, ein paar Amerikaner sehen das vielleicht so. Die amerikanischen
Medien geben manchmal ein verzerrtes Bild von dem, wie das Leben in
Übersee ist, und die oft sind die Leute kritiklos genug, um das
zu glauben. Ich war nie in Deutschland, aber in Belgien, England und
Südfrankreich. Ich habe dort alle möglichen Menschen getroffen,
einige freundlich, einige nicht, sie haben verschiedene Ansichten und
Meinungen, genauso wie hier. Natürlich gibt’s auch Unterschiede.
Eine Sache, bei der es nicht so sehr um den Einzelnen geht, sondern
eher um die Gesellschaft, ist die Möglichkeit, hier bei uns sehr
leicht eine Schußwaffe kaufen zu können. In den USA ist das
unglaublich einfach, überall haben die Leute Feuerwaffen, was in
meine Meinung nach ans Absurde grenzt. Sie werden nicht nur für
Verbrechen benutzt, was hier nichts Außergewöhnliches ist,
sondern sie können auch in die Hände von Kindern gelangen
und dann tragische Unfälle verursachen. Das ist hier ebenfalls
nichts Außergewöhnliches. Das rechne ich Deutschland und
allen anderen Staaten, die das nicht erlauben, sehr hoch an. Sie handeln,
meiner Ansicht nach, nur nach dem gesunden Menschenverstand.
METALLICA wurde in
diesem Interview nun zwei Mal erwähnt. Was denkst Du über
ihre Entwicklung seit der „Master Of Puppets“? Kennst Du schon das neue
Album?
Ich denke, mit „... And
Justice For All“ hatten sich METALLICA so weiterentwickelt, wie ich
es gehofft hatte. Das Album war ziemlich gut und führte den rauhen
und dennoch progressiven Stil fort, der auf „Master Of Puppets“ schon
ansatzweise vorhanden war. Der Titelsong und „Shortest Straw“ waren
von ihrer Struktur her einmalig und blieben mir im Gedächtnis hängen.
Die Rhythmus blieb nie gleich und es kam kaum Langeweile auf. Rückblickend
denke ich, daß Cliff Burton sehr stark auf „... And Justice...“
präsent ist, was das Songwriting und die Arrangements angeht, obwohl
er einige Zeit vor den Aufnahmen gestorben ist. Das wird um so deutlicher,
wenn man sich das Nachfolgealbum ansieht, das „schwarze Album“. Verglichen
mit den Vorgängern ist dieses Album absolut grauenhaft. Das Songwriting
verkam zu simpelster Machart und wenn Du im Wörterbuch unter „Langeweile“
nachschlägst, wirst Du ein Bild dieser Platte finden. Abgesehen
von „Sad But True“ und „The Unforgiven“ gibt es auf dem Album nichts,
was die Sache wieder gutmachen könnte. Fast jeder Song auf dem
Album hat die gleiche Geschwindigkeit, mit Ausnahme des letzten, der
wie eine armselige TESTAMENT-Kopie klingt. Ich habe bisher nur einen
Song aus dem neuen Album gehört, und der war OK, aber ich kann
mir noch keine abschließende Meinung bilden. Alles in allem glaube
ich, daß Cliff wesentlich mehr mit dem Songwriting und den Arrangements
zu tun hatte, als unter den credits vermerkt war. Ich denke,
viele der Ideen für „Justice“ waren schon vor seinem Tod entstanden,
und das ist der Grund, warum dieses Album so stark war. Als der Rest
der Band nun beim „schwarzen Album“ auf sich selbst gestellt war, war
ihr die Grundlage entzogen. Das ist zumindest meine Theorie. Ich kannte
Cliff nicht persönlich, aber ich habe einige Interviews mit ihm
gelesen, und darum könnte ich es mir kaum vorstellen, seinen Namen
auf einer energielosen und lethargischen Platte wie dem 91er Album zu
finden.
Nachtrag: Ich habe gerade
das neue METALLICA-Album „Load“ einige Male angehört, und ich muß
sagen, das hier ist noch schlechter, als das „schwarze Album“! This
band has gone from being innovators to trend-followers - a disaster!!!
They’ve totally lost their way. I think Cliff would be horrified.
(Muß ich die letzten
beiden Sätze noch übersetzen? Mit seinem Statement zur neuen
METALLICA hat mir Ray die lästige Arbeit abgenommen, selbst eine
Kritik über ein Album zu schreiben, das ich mir selbst niemals
kaufen werde. - Martin)
Willst Du nun MIR eine
Frage stellen?
Ja, ich möchte
Dich in Bezug auf die vorletzte Frage etwas fragen. Glaubst Du, daß
an dem, was ich über die Musik bei euch vermutet habe, etwas dran
ist - verglichen mit den Zuständen hier? Warum glaubst Du ist es
für viele Progressive- und Power-Metal-Bands (einschließlich
amerikanischer!) einfacher bei euch Platten zu veröffentlichen?
Glaubst Du, daß die Musikszene bei Euch toleranter und weniger
trendy ist, als in den USA? Was ich damit meine: Warum ist es
für eine Band wie SKYCLAD ziemlich einfach, in Europa 7 Alben herauszubringen
- und in Amerika muß sie hart um ein Album kämpfen, und bekommt
dafür keine Promotion? Außerdem haben amerikanische Bands
wie MIND OVER 4 und PSYCHOTIC WALTZ mehr Erfolg in Europa als im eigenen
Land. Warum? Wie siehst Du das Problem des freien Zugangs zu Schußwaffen.
In den Städten hier liefern sich die Drogenhändler Straßenkämpfe,
wobei Kinder bei den Schußwechseln verletzt oder getötet
werden. Gibt es da eine Lösung? Gibt es etwas Vergleichbares bei
euch?
Nun, ich möchte
mich nicht als „Musikexperten“ bezeichnen, ich gebe hier also nur meine
persönliche, subjektive Meinung wieder. Ich glaube, in Deutschland
oder Europa haben die Leute noch einen stärkeren Bezug zur „klassischen“,
zeitlosen Rock-Musik und sind deshalb nicht so sehr auf Trends angewiesen.
Und PSYCHOTIC WALTZ, zum Beispiel, sind „classic Rock“ der 70er, wenn
das auch auf den ersten Blick nicht so erscheint. Vielleicht ist es
auch so, daß die Volksmusik der einzelnen Länder immer noch
einen unbewußten Einfluß hat, schließlich war sie
jahrhundertelang die Musik, die die Menschen hörten und selbst
spielten. Diese gewachsene Vielfalt auf relativ kleinem Raum ist wohl
ein großer Unterschied zu den Vereinigten Staaten. Möglicherweise
ist das ein Grund für den Erfolg von SKYCLAD, die starke keltische
Folk-Einflüsse haben. Ein anderes Beispiel sind die LEVELLERS oder
NEW MODEL ARMY. Ein Trend (oder mehr als nur das), ist die Techno-Welle
in Europa und speziell in Deutschland. Diese „Musik“ hat für mich
außer „Be happy and dance“ keine Aussage. Ich halte Techno für
Geräuschartikulation auf primitivster suggestiver Ebene (manche
mögen diese Meinung in Bezug auf HM haben...) ohne Tradition mit
einer künstlichen attitude. Manchmal finde ich das sogar beängstigend.
Was Schußwaffen
betrifft, ist es in Deutschland nicht leicht, eine Genehmigung zu bekommen.
Illegal kann man sich sicher Waffen beschaffen. In den großen
Städten wie Berlin oder Frankfurt macht sich die organisierte Kriminalität
breit, doch im Vergleich zu New York ist es hier wohl eher friedlich.
Ich persönlich bin strikt dagegen, Waffen leichter zugänglich
zu machen, keine Frage. Ich weiß nicht, ob es da eine Lösung
gibt, denn soweit ich weiß, gehört Waffenbesitz irgendwie
zur amerikanischen Tradition (wie die Biergärten in Deutschland,
ha, ha) und die meisten Amerikaner wollen diese auch nicht aufgeben.
Mir fällt da ein Text von NEW MODEL ARMY ein, nämlich „51st
State“: „We're W.A.S.Ps, proud American sons. We know how to clean our
teeth and how to strip down a gun“. Vielleicht sind noch nicht
genug Kinder getötet wurden, um es mal zynisch auszudrücken.
Noch ein paar letzte
Worte an unsere Leser, Ray.
Be true to yourselves,
once again. Vertretet nur Meinungen und Ansichten, zu denen ihr wirklich
steht. Paßt euch nicht der Masse an, seid nicht wie die anderen.
Das ist ein Grundsatz, den die Menschen in ihrem ganzen Leben beherzigen
sollten, nicht nur in der Musik. Hinterfragt, was euch vorgesetzt wird!
Respektiert alle Menschen als Individuen; seid gesprächsbereit.
Die Meinung eines jeden Menschen ist wichtig. Danke für die Möglichkeit
in eurem Fanzine zu sein, Martin, und Danke an eure Leser, daß
sie sich die Zeit genommen haben, meine Worte zu lesen. Halte mich über
das Fanzine auf dem Laufenden und wenn alles klappt, wird mein Buch
auch bald am Horizont erscheinen.
Ich
habe Ray ebenfalls für seine sehr ausführlichen Antworten zu
danken. Wenn ihr Kontakt mit ihm aufnehmen wollt, besucht
ihr ihn am Besten auf seiner Homepage, wo die aktuelle mail-Adresse zu
finden ist.
|