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Judgement (1999) "Feel my heart burning
Nun, hiermit könnte ich es eigentlich gut sein lassen, das Wesentliche wäre in aller Kürze gesagt, doch ganz so einfach kann ich es mir (und euch, hähä...) nicht machen, muß, um dieser Band, diesem Werk, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, jetzt noch den Versuch unternehmen, auch verbal so weit gehend als möglich darin einzutauchen. Wie schon mehr als angedeutet, ergehen sich Anathema trotz aller Düsternis keinesfalls in Negativität. "Judgement" verströmt eine ähnliche seelische Qualität wie etwa Oliver Shantis "Rainbow Way", welches ja bekanntermaßen ein purer, reiner Lichtbringer ist. Im Gegensatz zu diesem jedoch, sind die Jungs von Anathema gezwungen zuerst den Umweg zu gehen, den durch die Dunkelheit hindurch, um zum Licht vorzudringen. Keine vergebliche Läuterungsreise, denn das, was sie uns von dieser Odyssee durch die Abgründe von Welt und Bewußtsein mit zurückbringen, kristallisiert in wunderbare Musik, es läßt unser Leiden erblühen...! Schon bei den ersten Tönen des eröffnenden Stückes "Deep", das mit seinen preziösen Akustik- und tiefemotionalen E-Gitarren, dem ergreifenden, ungekünstelten Gesang von Vincent Cavanagh, seiner einzigartigen Intensität und Atmosphäre, als archetypisch für Anathemas Wirken angesehen werden kann, geschieht diese Wandlung. Unvergleichlich auch dieses ständig präsente kaum glaubliche Gespür für passende, authentische Melodielinien, überwiegend von fast schmerzhafter Schönheit. "Deep" beschreibt, wie der stetige Fluß der Zeit all die Dinge und Erlebnisse die er einst gebracht hat, unweigerlich wieder mit sich nimmt. Was bleibt? Was kann letztendlich bewahrt werden vor der Auslöschung? Die sich anschließenden "Pitiless" und "Forgotten Hopes" handeln lyrischerseits von gebrochenen Persönlichkeiten, den erkalteten Herzen, die dem rauhen Atem von Frau Welt, voller kalter Zwänge und heißer Konflikte, nicht stand halten konnten, geknickt und zurück gelassen, vergessen wurden. Ersteres wird bestimmt durch forcierende, einfache wie effektvolle Gitarren, unterschwelliger Aggression, und dem Schwur im Chorus, es selbst nicht so weit kommen zu lassen, "I live for today, can't get away from the burning inside, ashes to ash, dust to dust". Hier tritt auf beiden Ebenen explizit das schon erwähnte Motiv der Erlöungsbedürftigkeit hervor, des Verglühenwollens, und ja, auch -müssens. Dieser Aspekt weckt in mir Gedanken an Hesses Erzählung "Klingsors letzter Sommer". Von einer letzten heißen inneren Glut und Flamme verzehrt zu werden, bis der unverstrickte Wesenskern von Zweifel, Ungewißheit und kleinlichen Ängsten befreit, wie ein Phönix aus der Asche aufzusteigen vermag. Man könnte diesen Text nun auch anderweitig interpretieren, die textlichen Hintergründe der Band sind manchmal recht metaphorisch, oft jedoch vieldeutig. Ein Höhepunkt, der in diesem Kontext offensichtlich dann die angedeutete positive Wendung verheißt, sei noch gesondert hervorgestrichen, ziemlich am Ende, ein leider nur kurzer ruhiger Abschnitt, wo Sänger Vincent Cavanagh in spaceigen Soundschleiern driftend, der Mittagsglut der Wüste und allem Jammer enthoben scheint, und die Musik, nach dem eindringlich gesungenen "then disappear without a trace" überleitet zum ursprünglichen Thema, überzogen von einem unwetterhaften, blitzartigen, wilden Gitarrensolo, welches endgültig alle grauen und dunklen Flecke aus dem vollendeten Lebensfilm brennt und verzehrt. "Forgotten Hopes" ist anschließend beruhigter, introvertierter, mit wunderschönen Akustik-Gitarren, feingewobenen Synthie-Schleiern, mehrstimmigen Gesängen, voller Persönlichkeit und mitten ins Herz treffend - aber das muß ich wohl jetzt eigentlich nicht mehr gesondert erwähnen. . . . Viel mehr kann ich darüber
nun auch nicht mehr sagen, was mir Gelegenheit zu dem Einwurf gibt, daß
sich Anathema seit dem, im Anschluß an meinen Love Spirals Downwards
Artikel von mir nicht zu unrecht hochgelobten "Eternity" Album, noch zu
steigern und entwickeln wußten. Vor allem gilt dies für die
Transparenz des Klangbildes und den Gesang, welcher inzwischen keine dieser
leichten Tonschwankungen mehr aufweist (was durchaus emotional nicht ohne
Reiz war, so etwa bei "Angelica"), Vincent hat seine stimmlichen Möglichkeiten
ausgebaut und vervollkommnet und zeigt sich ausdrucksstärker und
charismatischer denn je. Alles, der gesamte musikalische Ausdruck, wirkt
einfach reifer und abgeklärter. Sollte ich Vergleiche mit
anderen Formationen heranziehen, so müßten natürlich Namen
wie Paradise Lost, Tiamat, My Dying Bride und stilistisch ähnliche
genannt werden, für mich sind Anathema jedoch, aufgrund ihres Feelings
und der katharsischen Wirkung, so etwas wie die würdigen Nachfolger
von New Model Army und Anacrusis. Anathemas Musik, das sei vielleicht noch erwähnt, läßt sich nicht bei jeder beliebigen Gelegenheit hören, man muß dafür schon entsprechend aufnahmebereit und in der richtigen Stimmung sein. Boris Kaiser fand dafür in seinem vorzüglichen Fanzine Dying Illusion, welches er vor seinem Rock Hard Engagement herausgab, bezüglich "The Silent Enigma", des Vorgängers von "Eternity" (alles davor kann man, aufgrund des "Gesanges" glaube ich ignorieren), ein paar passende Worte, weshalb ich sie nun nicht wie üblich klauen, sondern zitieren möchte: "Sehr geschmackvolles Teil, wobei die Monotonie hier wohl zur Kunstform erklärt werden muß. Daraus folgt, daß die Platte sehr stimmungsabhängig ist und an positiven Tagen einfach nur langweilt. An den restlichen 362 im Jahr erfreut einen pechschwarzer Doom." Nun, ich merke gerade, daß sich die Aussage nicht so ganz auf die heutigen Werke übertragen läßt, Adjektive wie "geschmackvoll" und natürlich "stimmungsabhängig" gelten jedoch nach wie vor... Bei "Destiny Is Dead", um energisch mit all den Abschweifungen zu brechen und den Text nicht nur für meine Festplatte in faßbarem Umfang zu halten, handelt es sich um ein kurzes Instrumental, welches sich nahtlos an "Forgotten Hopes" anschließt. Das Traumbild einer herbstlichen
Landschaft. Kühle Winde streichen durch sie hindurch, über grüne
schattige und baumbestandene Hügelzüge hinweg. Unvermittelt,
gleichend einem fächerförmigen Sonnenstrahl, welcher durch die
gräuliche, dichte und die Helligkeit abschirmende Wolkendecke bricht,
gestaltet sich das hymnische Erscheinen von "Make It Right" in der Ausbildung
der bisherigen musikalisch-lyrischen Topographie des Albums. Deutlicher
als zuvor einen aufblitzenden Strahl der Hoffnung bergend, wenn auch keine
völlige Himmelspforte, so doch eine kleine Öffnung möglicherweise,
durch welche eine Passage, ein Hindurchschlüpfen gewährt wird
und möglich ist, in die ferne Bläue hinein, ins Herz der Sonne,
wiederum ins reinigende phönixhafte Verglühen und anschließende
Auferstehen. Dorthin zeigt es richtungsweisend, Kontakt scheint
möglich, Vereinigung erreichbar. ![]() "Parisienne Moonlight" folgt, von dunkel-romantischem Pianogewand eingehüllt schreitet Vincent in einzigartiger gesanglicher Melancholie dahin, im Duett mit einer weiblichen Engelsstimme. Dann, das Titelstück.
Musikalisch zuerst wieder sehr sensibel und verhalten, bricht nach einem
wortwörtlich wahnsinnigen Übergang ein wirbelndes Inferno an
pfeilschnellen, einer wilden Büffelherde gleichenden, tollen Gitarrenriffs
und -melodien über den über die rauhe Steppe verzweifelter Wut
urplötzlich rasend mit- und hinweggeschleiften Hörer herein.
Wenn man auch diese nur geilen Gitarren gegenüber den Percussions
einfach mehr hätte in den Vordergrund mischen müssen - aber
das ist nebensächlich, diese zweiminütige Passage verfehlt ihre
Wirkung trotzdem nicht. Das ohne Vorwarnung abreißende Ende läßt
bestimmte Assoziationen keimen, vor allem diejenige der -nur möglicher
und nicht zwingend empfehlenswerter Weise suizidalen- Lebensbeendung,
ähnlich den schon von der textlichen Intension her vergleichbaren
"Pull Me Under" von Dream Theater und "Church Of The Machine" von Symphony
X und deren Exitus-Enden. Denn auch "Judgement"s nicht eben leicht verständliche
Aussage handelt von gesichtslosen Kräften, denen man ausgeliefert
scheint, von sinnlos verschwendeter Lebenszeit, von einer verheerenden
Bilanz, welche keine vorzeigbaren Werte hinterläßt, von einem
Dasein, welches ausschließlich auf treibsandigem Grund errichtet
wurde, welches außerhalb der Vergänglichkeit keine Ziele, keinen
Raum, keinen Sinn, keine unvergängliche Wirklichkeit sah. Von
einem Menschen, möglicherweise auch einer Gesellschaft, die verlernten
die Welt auf andere Weise zu betrachten als verzerrt, egozentrisch und
zynisch, und von ihrem selbsterschaffenen Horror schließlich eingeholt
und gestellt werden, die ihrer Wahrheit, der Leere im Herzen, schließlich
ins Gesicht schauen müssen. Das Coverartwork zeigt im übrigen eine beeindruckende Lichterscheinung, welche ich in Verbindung mit dem Titel "Judgement" als das nachtodliche Urlicht, die Wiedervereinigung der hinübergetretenen Seele mit selbigem, mit ihrem Urgrund, und angedeutet das eigene Bewerten ihres persönlichen Lebensfilmes, all ihrer Handlungen und deren Auswirkungen auf die Mitwelt, der gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen, interpretiere. Phantastische Metaphorik. "Don't Look Too Far" - wiederum ein musikalisch sehr gutes Stück, natürlich, nicht weniger ist bei dieser Band, diesem Album zu erwarten, wobei ich mit dem lyrischen Hintergrund diesesmal bisher nicht allzu viel anzufangen wußte, die Aussage des Chorus ist hier leicht irreführend, verwirrend. Jedoch schlicht fantastisch ohne Zweifel sind die Strophen, wo Vincent klingt, als hätte er das Raum-Zeit-Kontinuum inzwischen völlig durchdrungen, als wäre er völlig abgehoben, völlig aufgehoben, die Endlosigkeit schauend. Man bedauert fast den Umstand, daß das Ganze dann in jenen pearljamigen Chorus mündet, der die weite, friedliche, losgelöste Stimmung dann etwas unterbricht - besonders zum Schluß hätte sich Vince einfach mit seiner nun leicht noiseigen Gitarre zurückhalten sollen und stattdessen hätten sie von mir aus minutenlang noch einmal diese absolut entrückte Atmosphäre, nun allerdings ohne Worte, angereichert allenfalls mit hineingehauchten ein- oder mehrstimmigen Lautmalereien, zelebrieren können, das würde den Song wirklich abgerundet haben. So jedoch muß man eher einer vergebenen Möglichkeit nachtrauern und halt den eigenen inneren Komponisten, welcher sich bei solchen Gelegenheiten, seine Chance witternd, rüde nach vorne drängelt, mal wieder 'ran lassen, um hernach in seinem generierten alternativen Finale dahinzuschwelgen, den Pool der Möglichkeiten selbst ausschöpfend. Abermals berückt und
beglückt jenes nur den zur Meisterschaft gereiften Ausnahmetalenten
eigene zauberische Harmoniegespür, welches den Noten und Zwischenräumen
von "Emotional Winter" innewohnt. Inhaltlich schwimmt es den selben Fluß
seiner ihm bereits Vorangegangenen hinunter - das Bedauern der Flüchtigkeit
der Zeit, des Moments, den man nur zu gerne festhalten möchte, und
allen Erlebens, tief empfundener Weltschmerz, das Ahnen um bleibende Schätze,
um die Wichtigkeit der Verinnerlichung wirklicher, bleibender Momente
und Stunden, der tatsächlichen Verewigung, denn "those wasted moments
won't return, and we'll never feel again!". Vollständig aus der
Feder des Schlagzeugers John Douglas stammt ein weiteres ultimatives Highlight:
"Wings Of God" - na, da sagt der Titel doch bereits alles ... nimmt ein
mitreißendes Stück philosophischer Rockmusik vorweg, zu dem
mir schlicht die Worte fehlen. Nach einigen einleitenden Zornesausbrüchen
glättet und erhebt es sich, dabei die letzten eventuell noch innerlich
blutenden Wunden verschließend und heilend, gleitet es schließlich,
einem Feuervogel gleichend, auf mächtigen Schwingen dahin, rauscht
durch die Gewölbe des Bewußtseins, illuminisziert und heiligt
die dunklen Räume, vermählt sich, ein letztes Mal aufflammend
und verglühend mit dem Äther... .....all diese Welten.....
.....unter der Oberfläche..... ...... Stille .....
Frieden ....... Sprachlich mittlerweile
recht verausgabt, bleibt doch zumindest noch eines - Kenner des Werkes
werden wissen, was nun kommen muß, wenn sie mit einem sanften Schaudern
daran denken. Zumindest ein Gipfel ruft mir noch zu, will noch bezwungen,
erstiegen werden. Er nennt sich "Anyone, Anywhere". Wiederum ein unsteigerbarer
steppenwolfartiger Hymnus an Weltschmerz und Einsamkeit, musikalisch perfekt
umgesetzt durch eine Akustikgitarren & Piano Einleitung, aaahh, diese
schon archetypischen Melodien, welche anscheinend bereits Äonen in
der eigenen Seele schlummerten und nur auf jenen begnadeten Künstler
warteten, der sie zum erwachen, zum erklingen bringt. Dann, unfaßbar,
diese Steigerung, wenn die Band vollständig einsetzt, wie da von
den Gitarren die Spannung bis an die Schmerzgrenze hin gehalten wird,
bevor in diese brillante kulminative hymnische Passage übergeleitet
wird, welche einen nur noch hinwegbläst und schließlich die
geläuterte Seele noch leicht trudelnd in sonnengleichem Zustande
entläßt, den Weiten des inneren Kosmos überläßt,
dem All, dem Nirgendwo und natürlich der eigenen, nun gelösten,
durch sanfte Lichter ausgeleuchteten Erinnerung. Mankind, with your heresy
Es folgen dann, den emotional ausgepumpten wie befreiten Hörenden sanft weitertragend und bergend, das relaxte "2000 & Gone", sowie das ebenfalls instrumentelle schöne Akustikgitarrenstück "Transacoustic", welches leider nur auf dem Digipack, den ich glücklicherweise ergattern konnte, enthalten ist (oftmals stellt sich solch ein Bonus am Ende als eine lästige Störung und ein Nachteil heraus, in diesem Falle jedoch keineswegs!) und an die besten The Mission Momente oder Deuters filigrane "Ecstasy"-Akustikträume erinnert. Kommen wir, mancher wird
dies bedauern, mancher erleichtert zur Kenntnis nehmen, mancher schon
weit vorher kopfschüttelnd ausgestiegen sein, zuguterletzt zum ...
Finale. In diesem Sinne... Wake Up - And Dream On... - Heiko, 03-06/2001 - |
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