| JUD - The Perfect
Life (2001) & Live am 24.05.01
„The Perfect Life“
ist bisher mein Album des Jahres. Ein Bekannter steckte mir die CD zu,
mit dem Hinweis, JUD würden demnächst hier in der Stadt spielen,
und zwar „eines der besten Konzerte überhaupt“. Und die Vorband wäre
auch gut, er würde da singen.
Stefan
hatte mich schon mit Stoner-Rock, wie KYUSS oder WALL OF SLEEP angefixt,
so dauerte es keine drei Durchläufe bis „The Perfect Live“ hängen
blieb. Bis zum heutigen Tag habe ich mir das Album, einschließlich
der Tape-Kopie für Autobahnfahrten, ca. 30mal angehört.
Bei JUD fallen zentnerschwere,
flirrend verzerrte Gitarren aus den Lautsprecherboxen (tolle Stilblüte,
merke ich gerade; laß‘ ich so), brummen die Bässe und poltert
das Schlagzeug, aber ohne den Sound nach sogenanntem „New Metal“ klingen
zu lassen. Ist ja immer etwas plump, bei Stilbeschreibungen Vergleiche
mit anderen Bands zu ziehen, doch dem Leser ist sicher am meisten damit
geholfen, wenn er sich bei JUD in etwa KYUSS mit leicht psychdelischen
U2 vor sein inneres Ohr holt. Melancholisches (bezeichnenderweise bei „Lovesong“
und „The More I Love You“), wechselt sich mit Lawinenabgängen („Fast
& Low“, „Nothing New“), zwingenden Gitarre/Bass-Räuschen („Killing
Time“) und Fast-Ohrwürmern, wie dem Titelstück, ab. Der klare
Sprechgesang von David Clemmons würde sich gut zur Akustik-Klampfe
machen, was er, wie ich gelesen habe, bei seinem Nebenprojekt „The Fullbliss“
zur Geltung bringen soll. Wie gesagt, die Musik von JUD artet nie in Gebolze
oder minutenlanges selbstweckhaftes Vor-sich-hin-Tieftönen aus. Post-Core-Rock,
habe ich woanders gelesen.
„Perfect Live“ ist
das zweite Studioalbum von JUD. Das Debüt erschien 1996, dazwischen
veröffentlichte die Band zwei EPs mit Live-Aufnahmen und eine Studio
EP.
Natürlich
wollte ich hören, wie JUD die auf der CD enthaltene Musik live
reproduzieren würden, und so fand man sich am 24. Mai in der Alten
Mälzerei in Regensburg ein. „She She Lounge“ als regionale Vorband
spielten hektischen Hardcore mit Stakkato-Gesang. Unterhaltsam. Schon
beim ersten Song von JUD kündigte sich an, daß dies ein lautes
Konzert werden würde. Ein sehr LAUTES. Noch am nächsten Tag
hatte ich ein Pfeiffen in den Ohren. Etwas schade, denn die Band spielte
fast das komplette neue Album und ein paar ältere Stücke.
Bei so extremer Verstärkung, vor allem im Bass-Bereich, gingen
leider die Feinheiten verloren. Die drei kahlköpfigen Musiker (bis
auf Dave Clemmons, der sich, im Gegensatz zum Foto auf dem Album, eine
Artk Kurz-Iro stehen ließ) machten jedoch einen sehr sympathischen
Eindruck und zeigten eine hervorragende körperliche Kondition.
Das Rumgepose überließ sie den Kasperln am Bühnenrand,
die heute noch den Hardcoreler geben und morgen mit dem geleasten BMW
vor der, mit einer dreißigjährigen Hypothek belasteten, Eigentumswohnung
vorfahren. Dave Clemmons kündigte an, dieses Konzert evtl. auf
einer Live-CD rauszubringen. Auf ihrer Homepage bezeichnet die Band
das Konzert in Regensburg als „the number one show of the tour“.
Komischerweise gefiel
mir das Album (nachdem ich wieder deutlicher hören konnte), nach diesem
Konzert, in das ich wohl zu hohe Erwartungen gesetzt hatte, noch viel besser.
Ich hörte es quasi nun mit, äh, anderen Ohren.
Mein Kollege zitiert
in seinen Besprechungen gerne lange Textpassagen. Hier ist „Knowhere“,
das letzte Stück das Albums. Interpretation offen.
If you’re dead,
things come slow / If you’re dead, you feel so low / Jump into river
Swim to the shore
/ Climb over mountain / Crawl on the floor / Jump into water
Swin to the sea
/ Climb over mountain / Take you with me / Jump into river
Swim to the sea
/ Climb over mountain / Take you with me / Jump from the water
Walk to the shore
/ Step into knowhere
Open the door
„The Fullbliss“ sollen
im September hier auftreten, so gut hat es Dave Clemmons gefallen, scheint
es. Wenn nix dazwischen kommt bin ich dort.
- Martin - 08/01
Um ein Zitat von Rock
Hard-Chefredakteur Kühnemund abzuwandeln: Außer der Tatsache,
daß diese CD „verbrannt“ bei mir ankam, kann ich an ihr nichts Negatives
feststellen. Jean Pütz aus der „Hobbythek“ würde vielleicht noch
darauf hinweisen, daß sich beim Brennvorgang wohl der Fehlerteufel
eingeschlichen hat, aber das mindert die musikalische Klasse von JUD nicht.
Das in L.A. beheimatete Trio weiß mit einem Sound zu gefallen, den
man Anfang der 90er wahrscheinlich als Grunge bezeichnet hätte, als
aktuellere Referenz wären Gruppen wie QOTSA oder STAIND zu nennen.
Eingängige Stücke wechseln sich mit etwas sperrigem Material
ab, so daß „The perfect life“ selten einmal langweilig wird und eigentlich
über die gesamte Laufzeit angenehm unterhält. Besonders gut sind
JUD dann, wenn sie wie in „Flake“ oder „Nothing new“ rhythmisch-flott zur
Sache gehen. Der Gesang klingt mal verzerrt, mal melodisch wie im Titelstück,
das geschickt zwischen schnellen, eingängigen und komplexeren Abschnitten
hin und her pendelt. Ruhigere Töne mit gelegentlichen Ausflügen
in härtere Gefilde gibt es auch zu hören („As long as the sun
is out“ & „The more I love you“), den Abschluß des Albums bildet
das leicht abgedrehte „Knowhere“. Prädikat: Kein „überragend“,
da für meinen Geschmack ein paar noch mehr zündende Songs fehlen,
aber ein definitives „gut“ kann man hier schon vergeben. Wer sich für
gefällige, angenehm klischeefreie Rockmusik erwärmen kann, sollte
dieser Band vielleicht mal ein Ohr leihen.
- Stefan - 9/01
THE
FULLBLISS - Live am 12.09.01
Am
12.09.01 spielten THE FULLBLISS, die zweite Band von JUD-Sänger/Gitarrist
Dave Clemmons (wieder ein Trio), in der Mälzerei in Regensburg.
Am Tag zuvor hatten Terroristen Passagierflugzeuge in das World Trade
Center in New York und auf das Pentagon stürzen lassen und damit
eine Katastrophe von noch nicht absehbarem Ausmaß herbeigeführt.
Ich weiß gar nicht, wie oft ich das WTC bis zum Mittag des 12.
habe einstürzen sehen; vor allem bei den privaten Sendern und bei
CNN liefen die Szenen ja pausenlos im Hintergrund. Da gehört schon
ein gutes Stück journalistische Abgebrühtheit dazu.
Jeder hätte die
Amerikaner verstanden, wenn sie diesen Auftritt abgesagt hätten. Doch
THE FULLBLISS waren da, wenn auch durch einen Stau auf der Autobahn verspätet,
und führten gerade den Soundcheck durch, als ich ankam.
Der Auftritt war in
die Kellerbühne der Mälzerei verlegt worden, die von den etwa
60 Anwesenden gerade zur Hälfte gefüllt wurde.
Vorband waren SLOW
von hier aus der Gegend, denen KYUSS nicht fremd waren.
Dave Clemmons kündigte
zu Beginn an, daß dies der letzte Auftritt ihrer Tour sein würde,
der Rest würde gecanceled werden, because of the things that happened.
Alle Songs von THE FULLBLISS würden zu einem Tag, wie diesem, passen,
und verständlicherweise wäre dieser Auftritt heute ohne party,
happiness and that shit. (Später erfuhr ich, daß THE FULLBLISS
sich doch noch entschieden haben, die Tour fortzusetzen und sie mit einem
Auftritt in Bielefeld am 23. September abschlossen).
Die Beleuchtung war
sehr sparsam; nur der Schlagzeuger wurde durch blaues Licht aus der Szenerie
hervorgehoben.
Was folgte, war wuchtig
und melancholisch zugleich, die etwas ruhigere Seite von JUD, auch mit
mehreren leisen Stellen. Die manche Leute scheinbar nicht ertragen können,
ohne laut mit ihrem Nachbarn zu reden. Ein Rock-Konzert ist zwar keine
Opernaufführung, aber ein Mindestmaß an Respekt sollte man den
Musikern auf der Bühne schon entgegen bringen, außerdem nervt
es die anderen Zuhörer. Nach zweifacher Aufforderung von Dave Clemmons
(„There are people who want to listen, if you want to talk - get out.
This is no joke.“) kehrte Ruhe ein.
Zur Zugabe griff Dave
nochmal zur Akustikgitarre und zupfte ganz alleine ein sehr stilles Lied.
Ganz zum Schluß wurde nochmal richtig Druck gemacht, und dann wurden
die Zuschauer in die kühle, regenerische Nacht entlassen.
So war das, am 12.
September 2001.
- Martin - 09/01
THE FULLBLISS -
Fools And Their Splendor (2001)
Da
ich beim Konzert nicht genug Geld dabei hatte, konnte ich mir das erste
Album von THE FULLBLISS nicht gleich mit nach Hause nehmen. Es hat in
Deutschland bisher keinen Vertrieb, der Plattenladen konnte es aber
über den Flight 13-Mailorder
beschaffen.
Aufgrund dessen, was
ich ein paar Tage zuvor live gehört hatte, erwartete ich eine gemäßigtere,
melancholischere und teil akustische Version von JUD - und wurde überrascht,
wie schon lange nicht mehr.
Der Begriff „Kammermusik“
kam mir nach dem ersten Durchhören in den Sinn, denn THE FULLBLISS
haben viele Stücke mit Violine, Bratsche (eine etwas größere
Bauart der Violine und etwas tiefer gestimmt, sagt das Musiklexikon), Bass
(dieses mannshohe Ding) und Akustikgitarre instrumentiert. Mit der Standardbesetzung
einer Rockband hört sich das dann freilich live schon etwas anders
an.
Ich habe Dave per
e-mail gefragt, ob sie denn die Stücke auch schon live mit dieser
eher ungewöhnlichen Besetzung gespielt haben und erhielt darauf eine
nette Anekdote:
„About live with
violin, yes, and it was always cool, but my old girlfriend was the violinist
and we used to fight on stage, and the people hated that. I used
to hit her, and then she would hit me, and then we would lose our place
in the song, and the show would end not so nicely. but we think about
bringing in Anne de Wolff for the next tour (she is playing on the new
FULLBLISS recording).“
In dieser Andersartigkeit
des Studioalbums kommt die Singer-/Songwriter-Seite von Dave Clemmons wesentlich
stärker zum Tragen:
Da sitzt einer auf
der Veranda vor seinem Haus am Rande einer großen amerikanischen
Wüste, ein Gewitter zieht herauf. Die Liebe seines Lebens hat ihn
verlassen, der Job wurde ihm gekündigt, und der Gerichtsvollzieher
war da. Doch das alles ist unwichtig in diesem Augenblick, in dem er ein
kühles Bier in seinen Händen hält, oder, um es mit Dave
Clemmons gleich zu tun, einen guten Rotwein. Die ersten Blitze zucken,
Regentropfen werden auf sein Gesicht geweht. Scheißegal.
„The thrill is gone
/ the party has ended, and our skies are bending / all the walls have come
down / I’m moving on / and I’m growing older, and my dreams are over /
still the birds and the bees, are singing to me...“ („The Thrill Is Gone“)
Schönes Album,
was für ruhigere Stunden im Ohrensessel.
Einen Vorgeschmack
auf das geplante zweite Album „This Temple Is Haunted“ geben die drei Song
auf „A Haunted Promo“, welche stärker in die Richtung des Live-Auftritts
tendieren. Wie man an das Teil kommt, dürfte auf der FULLBLISS-Homepage
(siehe unten) zu erfahren sein.
- Martin - 10/01
In der nachfolgenden
Besprechung stellt Heiko ein paar Mutmaßungen zu Dave Clemmons‘ Vergangenheit
an, und natürlich hat er Recht. Per e-mail bestätigte mir dies
Dave anfänglich zögernd:
„Oh my god, the
DAMN THE MACHINE question, hmmm well I have a twin brother, with the same
name, and it might have been him....of course that was me, prog rock god,
but dont tell too many people“.
Na ja, darüber
brauchen wir uns hier wirklich keine Sorgen machen...
DAMN THE MACHINE
- Damn The Machine (1993)
Zu Dave Clemmons kann
ich vielleicht mit einer Information dienen. Es gab nämlich einen
eben solchen der als Sänger/Gitarrist neben den Poland-Brüdern
(deren Chris bekanntlich bei Megadeths "Peace Sells..." mitwirkte) bei
der 1993 ihr selbstbetiteltes erstes und, soweit ich informiert bin, einziges
Album veröffentlichenden Gruppe Damn The Machine beteiligt war. Würde
mich doch sehr verwundern, sollten er und der Dave Clemmons von Jud nicht
ein und die selbe Person sein. Die Damn The Machine CD, welche ich vor
vielleicht drei Jahren für'n lausigen Fünfer Second Hand abgriff,
ist im übrigen qualitativ superb und fällt stilistisch aus allen
Schubladen - eine Handvoll härtere Riffs, durchaus, aber vermehrt
die fließenden Grenzen dessen, was man gemeinhin als "Metal" bezeichnet
mal überschreitend. Es finden sich v.a. vom Zusammenspiel von A- &
E-Gitarren aufgebaute unkoventionelle Harmoniegebilde vor, filigran und
komplex aber immer nachvollziehbar bleibend. Die scharfen Konturen eines
düsteren Realismus, sowie demgegenüber oder vielmehr gerade deswegen,
ein über allem wehender Hauch von Melancholie prägen das Bild
der Formation, passend dazu Daves guter, natürlicher Gesang. Zum absoluten
Überflieger, das muß man zugestehen, hat's dennoch damals noch
nicht so ganz gereicht (vielleicht 86 von 100, um mal wieder die gute alte
Skala zu bemühen), jedoch Songs wie "The Mission", "Fall Of Order",
"Honor", "On With The Dream", "Silence" oder der abschließende Knaller
"Humans" lassen nach wie vor nicht unbeeindruckt!
Unnötig eigentlich
noch zu erwähnen, daß solch eigenwillige Musik ohne modisches
oder provokantes Image sich nicht vermarkten ließ und nur wenige
Liebhaber fand. So ist halt das Leben, äußerer Erfolg ist meist
nur den schrillen Marktschreiern vergönnt. Integrität und Substanz
wie in diesem Fall indes durchaus vorhanden, erachte ich als wertvoller
und dauerhafter.
- Heiko - 09/01 |