| Hier ist die Besprechung
von "Strange Brotherhood", wie sie damals im NONKONFORM #4 bzw. ASCENSION
zu lesen war.
NEW MODEL ARMY - Strange
Brotherhood (‘98)
Man kann nicht sagen, daß
NMA ihr neues Album übereilt veröffentlicht hätten. Das
letzte Werk, „The Love Of Hopeless Causes“ liegt fünf Jahre zurück,
zwischenzeitlich gab es Auflösungsgerüchte und nichtsdestotrotz
ausgiebige Tourneen, auf denen einige der Songs dieser CD (und andere
neue Songs) schon gespielt wurden. Die vorab ausgekoppelte Maxi „Wonderful
Way To Go“ (inhaltlich eine Fortführung von „White Light“, so scheint
es) weckte hohe Erwartungen in der Fangemeinde.
NMA hatten sich nach dem
Rauswurf bei Sony dazu entschlossen, ihr neues Album auf eigene Kosten
aufzunehmen und nur den Vertrieb EMI zu überlassen (wobei man über
Sinn und Unsinn limitierter Versionen streiten kann). Das Cover stammt
wie immer von Joolz - eine sehr schlicht gehaltene Kreidezeichnung eines
Auges umgeben von ein paar Blumen. Herausgekommen ist ein sehr vielschichtiges
Album, mit Songs, die über einen Zeitraum von gut drei Jahren entstanden
sind, aufs Band gebracht zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen
Orten und abgemischt von verschiedenen Leuten. Überschattet wurden
die Aufnahmen durch den Tod von Justins Vater und durch gesundheitliche
Probleme und Operationen bei Rob Heaton und Justin Sullivan. Das Album
enthält für mich typische NMA-Songs, wie „Over The Wire“,
„Killing“ (entstanden bei den Demonstrationen gegen das Abholzen von
Bäumen für ein Straßenbauprojekt („It was summer
when they finally came, the law of force and line upon line of machine
upon machine“), „Long Goodbye“ oder „Wonderful Way To Go“ („Colours
brighter than I’ve ever seen - more wired than I’ve ever been... “).
Andere Songs enthalten eher untypische Elemente, z. B. die Blechbläser
auf „Gigabyte Wars“ oder gar das komplett mit kaum wiederzuerkennender
verzerrter Stimme gesungene „Whites Of Their Eyes“. „No Pain“ hatte
ich live anders in Erinnerung,ebenso ist die Akustik-Version auf dem
semi-offiziellen „Big Guitars In Little Europe“-Album etwas heavier,
was natürlich nichts daran ändert, daß dieser Song jetzt
schon ein Klassiker ist. Viele werden sich über die Violinen freuen,
die in manchen Songs wieder
Verwendung fanden, obgleich nicht so dominant wie auf „Thunder And Consolation“,
dem Breitwand-Album von NMA. Eher spartanisch instrumentiert sind die
Tracks auf der Bonus-Maxi zur CD, wo zudem „The Ballad Of Bodmin Pill“
und „The Hunt“ (ich find’s gut, wenn die Band so alte, politisch völlig
„unkorrekte“ Hymnen dem aktuellen Album bei-fügt) live drauf sind.
Falls ihr die limitierte Version des Albums noch irgendwo zum günstigen
Preis seht, langt zu - es lohnt sich allein schon wegen „See You In
Hell“ (am ehesten mit „The Attack“ zu vergleichen).
Justin hat die Spannungen
und Widersprüche zwischen den Mitgliedern der Band in unserem Interview
kurz anklingen lassen, die Spannung, die den Kreativitätsprozeß
von NMA vorantreibt und die namengebend für den Albumtitel war.
Ich habe gehört, Justin hätte in einem Interview mit dem VISIONS
gesagt, daß sich die Band nach dem Bizarre-Festival ‘96 (kurz
nach dem Inti mit dem NK) auflösen wollte, dann aber von den neuen
Songs so überzeugt war, daß sie beschloß, noch ein
Album aufzunehmen. Die weitere Zukunft von NMA ließ Justin offen.
Interessant ist auch die Aussage von Justin in dem Interview auf der
offiziellen Homepage (www.newmodelarmy.org), daß er Rock nicht
so sehr mag und eher auf Black Music und Hip Hop steht. Doch wo steht
geschrieben, daß sich Menschen mit einem Faible für keltische
Naturreligionen den ganzen Tag CLANNAD, ENYA, SKYCLAD oder ähnliches
anhören müssen?
Da die Metal-und-sonst-nix-Fraktion
unserem Heft wohl schon länger ade gesagt hat, kann ich allen,
die aufgrund extremer Nötigung durch das NONKONFORM zu NEW MODEL
ARMY gekommen sind oder kommen werden und denen deren Musik gefällt,
diese CD (es soll auch Vinyl über den Fanclub geben) empfehlen.
Sie ist etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem für Fans
der Alben aus den frühen 80ern - vielleicht ist dieses Album aber
auch mehr NMA als alles andere, was die Band zuvor gemacht hat.
- Martin - 05/99
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