„Wir wußten nun, daß wir verändert und zu einem Teil von ihnen geworden waren.
Wir wußten nicht, zu welchem Zweck, aber wir waren sicher, man würde es uns eines Tages sagen.“

PHASE IV
GB 1973 / Regie: Saul Bass
Darsteller: Nigel Davenport, Lynne Frederick, Michael Murphy
Erschienen bei CIC-Video

ameisenMitten in der Wüste von Arizona entwickeln Ameisen plötzlich ein vollkommen ungewohntes Verhalten. Sie haben sich offenbar zielgerichtet organisiert und beginnen mit der Zerstörung von Häusern. Holzwände und Balken werden ausgehöhlt, Menschen verlassen ihre baufälligen Behausungen. Zwei Wissenschaftler werden beauftragt, dem Phänomen nachzugehen, wieso die Ameisen die innere Struktur ihres Volkes umgestellt und sich entschlossen haben, Menschen anzugreifen. Sie errichten eine Forschungsstation, um herauszufinden, wie die Ameisen es fertig bringen, ihre gemeinsamen Kräfte derart zielorientiert einzusetzen, daß sie zu einerameisen echten Bedrohung werden. Eine Familie auf einer abgelegenen Farm ignoriert die Aufforderung zur Evakuierung, bis die Ameisen nicht nur das Haus, sondern auch die Pferde und sie selbst angreifen. Nun endlich flüchten die Bewohner, doch ihre Flucht führt sie in den Tod: Um den Ansturm der Ameisen abzuwehren, versprühen die in ihrem Labor verschanzten Forscher eine große Menge Gift. In dem tödlichen Regen sterben auch die Farmer, die in der Station Zuflucht suchen wollten.

Damit endet der erste größere Abschnitt des Films. Er beginnt völlig ohne Vorspann, beinahe wie eine Dokumentation. In extremer Nahaufnahme werden Ameisen bei der Verrichtung ihrer Arbeiten gezeigt. Offenbar folgen sie einem ausgeklügelten Plan, der mit dem Angriff auf die Forschungsstation fortgesetzt wird. Obwohl thematisch an die Öko-Schocker der 70er Jahre angelehnt, verweigert sich PHASE IV bereits im ersten Drittel den üblichen Handlungsmustern (weshalb der Untertitel „Killer-Ameisen greifen an“ auf dem Videocover auch etwas irreführend ist). 

Gerade weil die sonst gebräuchlichen Hui-Buh-Effekte der Tier-Horrorfilme nicht bemüht werden, hinterlassen die sparsam eingesetzten Schocks eine um so größere Wirkung. Richtig eklig wird es, als die beiden Wissenschaftler ihre Station verlassen, um das Resultat ihrer Giftattacke zuameisen überprüfen. Daß es auch menschliche Opfer gegeben hat, scheint den älteren der beiden nicht zu kümmern; für ihn ist es nur Teil einer Problemstellung, die es zu lösen gilt. Als er die zusammengeballte Hand eines Toten öffnet, krabbeln aus den Löchern auf der Innenseite Ameisen, sie haben ihr Opfer allein durch ihre gigantische Zahl getötet, für sich genommen wären sie (fast) harmlos.

Der jüngere der Forscher versucht unterdessen, die Laute der Ameisen aufzuzeichnen und durch digitale Umwandlung ein Kommunikationsmuster zu erstellen. Auf diese Weise erhofft er sich, die Weitergabe von Befehlen und Plänen unter den Ameisen zu entschlüsseln. Diese haben sich ameisenerstaunlich schnell auf die neue Situation eingestellt: Fielen etliche von ihnen dem gelben Giftregen zum Opfer, ernährt sich die zweite Generation bereits von den Überbleibseln. Mit erstaunlichem Geschick beschädigen die Ameisen nun auch Kabelstränge in der Forschungsstation, die sie zudem mit reflektierenden, spiegelartigen Gebilden umgeben und durch die heiße Wüstensonne erhitzen. Die drei Überlebenden (neben den Forschern noch die Tochter der Farmer) sitzen wie in einer gigantischen Mikrowelle fest.

Die steigende Angst vor den Ameisen ergibt sich dabei nicht so sehr durch ihre Zahl (sie sind selten in wirklich riesigen Mengen zu sehen) als vielmehr durch ihre eiskalte, gnadenlose Rationalität, mit der sie ihren einmal begonnenen Plan umsetzen. Gezielt setzen sie die Funkverbindung der Station außer Kraft und sind offenbar in der Lage, auch das Verhalten der Wissenschaftler in gewisser Weise vorauszusehen, also methodisch und reflektiert zu handeln. In Phase III (Einblendung) antworten sie sogar auf eine Botschaft der Forscher: Ein Kreis mit einem kleinen Punkt darin ist das Resultat des Druckers, als er die Umwandlung der Signale empfängt. Eine perfekt simple Einschätzung der Situation, die den Eingeschlossenen auch schnell deutlich wird: Ihr Schicksal ist besiegelt. Ein Versuch, die Königin der Ameisen zu töten und ihnen somit (vielleicht) die Planungszentrale zu nehmen, scheitert. Das Mädchen, welches sich den Ameisen als Opfer darbieten wollte, verschwindet und taucht erst am Ende auf, das ich aber hier nicht verraten will. 

ameisenPHASE IV beeindruckt durch seine Ernsthaftigkeit, die das Horrorpotential der Geschichte schnell hinter sich läßt und zu einem soziologisch-biologischen Gedankenexperiment wird. Was wäre, würde sich eine Spezies tatsächlich in perfekter Einheit formieren und damit beginnen, alles zu unterwerfen, was sich in ihrem Herrschaftsbereich aufhält? Das macht die eigentliche Spannung des Films aus, der zum Glück nicht auf die übliche Weise endet. Kein Pilot der Luftwaffe, der eine Giftbombe auf das Quartier der Königin wirft, kein Held, der sich opfert und einen Staudamm sprengt, um das Viehzeug endgültig zu vernichten, auf daß die Überlebenden erleichtert aufatmen können. Der Schluß ist viel nüchterner und erschreckender: Die Herrschaft der Menschen auf der Erde ist schlichtweg zu Ende.

PHASE IV läuft nur mehr relativ selten im Fernsehen, dafür aber in der Regel auf einem werbefreien Sender. Letzteres ist für den Film unbedingt notwendig, denn übermäßig eingesetzte Werbepausen würden dieameisen Atmosphäre gnadenlos zerstören (wie man es jeden Tag bei den Privaten erleben darf). Trotz der Absenz von Explosionen, Autounfällen oder Autounfällen MIT Explosionen ist PHASE IV enorm spannend, wozu auch die passende, mal klassisch instrumentierte, mal elektronische Musik beiträgt. Kein Film für den Partyabend, sondern eher etwas für den stillen Genuß. „A thinking man´s movie“, würden die Amerikaner sagen, womit sie wohl einen Film meinen, der beim Mainstream-Publikum durchfällt, weil man nicht alle 30 Sekunden mit einer sinnlosen, aber grellen Attraktion bei Laune gehalten wird. Das emsige Volk der Ameisen sieht man nach PHASE IV jedenfalls mit anderen Augen und wer als Kind die Tierchen im Sommer mit dem Brennglas verkokelte, weil das immer so schön gestunken hat, wird das im Nachhinein für keine gute Idee mehr halten. 
 
Stefan  2/2002

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