| “Als ich die Ramones zum
ersten Mal sah, dachte ich: Wow, das hier ist die pure Essenz. Die Ramones
haben Schluß gemacht mit dem ganzen Stadionrock-Pomp und Gitarrengewichse.“
Jim Jarmusch (Filmregisseur)
THE RAMONES: It´s
alive (1978)
Ein
Sänger mit einem Schild, auf dem in großen Buchstaben “Gabba
Gabba Hey“ geschrieben steht, ein Schlagzeuger, der mit maximal zwei Taktwechseln
pro Konzert auskommt, dazu ein Bassist und ein Gitarrist, die unermüdlich
zweiminütige Drei-Akkorde-Salven mit einer ekstatischen Energie ins
Publikum ballern, als hätte man sie direkt an ein Kernkraftwerk angeschlossen.
Ansagen gibt´s so gut wie keine, außer „This one is called...“,
das klassische „One-two-three-four“ und am Ende des Gigs ein knappes „Good
night!“. Dazwischen liegen 28 Songs, für die die Band nicht mal eine
Stunde benötigt. 1974 gegründet erspielten sich die Ramones
die Aura einer lebenden Legende, sie waren eine jener Bands, von denen
man sich irgendwie nie so richtig vorstellen konnte, daß es sie
eines Tages mal nicht mehr geben würde. Auch nach ihrem Abschied
von der Bühne im Jahr 1996 nach insgesamt über 2000 (!) Konzerten
bestand immer noch Hoffnung, die Ramones eines Tages mal wieder live zu
sehen.
Nach dem tragischen Krebstod
von Sänger Joey Ramone alias Jeffrey Hyman im April 2001 (nachdem
man zwischenzeitlich Meldungen lesen konnte, es ginge ihm wieder besser)
sind alle Hoffnungen jäh verpufft, daß sich das Punk-Urgestein
noch einmal zusammenraufen könnte, um eine, dann wirklich allerletzte
Abschiedstour zu spielen. Was bleibt, ist ein tolles Live-Album, das so
ziemlich alle damaligen Ramones-Hits vereint, die von der Band in erstklassigem
Sound gnadenlos heruntergebolzt werden und die Anfang der 90er erschienene
„Loco Live“-Scheibe recht alt aussehen lassen. Musikalische Schöngeister
waren die Ramones nie, dafür ein Symbol für energiegeladene,
knallharte Rockmusik, die auf Anhieb gute Laune verbreitet und sofort
ins Ohr geht. Das Klischee von den drei Akkorden stimmt schon irgendwie,
aber wie viele Bands haben es schon geschafft, damit zu unsterblich zu
werden und auch in späteren Jahren nicht zu peinlichen Altmännercombos
zu mutieren?
Es dürften unzählige
Musiker sein, die von den Ramones dazu inspiriert wurden, eine Band zu
gründen, in verdreckten Proberäumen auf Instrumente einzuprügeln
und das Motto „Kunst kommt von Können“ beharrlich zu ignorieren.
Etliche Bands haben Ramones-Songs gecovert oder ihnen gehuldigt wie die
Ärzte („Die Wikingjugend
hat mein Mädchen entführt“ aka „The KKK took my baby away“)
oder die unvergessene japanische Lärmkapelle S.O.B. (RIP, Tottsuan!)
mit ihrer enthusiastischen Version von „Blitzkrieg Bop“, nachzuhören
auf der „Osaka mon amour“-EP. Wer das Original in Hochform erleben will,
sollte nach einem alten Beatclub-Mitschnitt aus dem Jahr 1978 Ausschau
halten, der hin und wieder in den dritten Programmen (N3 etc.) ausgestrahlt
wird. Das Programm ist ähnlich wie auf der CD, also die großen
Hits in Überschallgeschwindigkeit auf knapp 45 Minuten komprimiert.
Man muß sicher nicht alle Ramones-Alben sein eigen nennen, aber
dieses hier ist Pflicht! Es mag Leute geben, die zu Recht dem Begriff
Kult sehr kritisch gegenüberstehen, aber wenn Klassiker wie „Pinhead“
oder „Sheena is a punk rocker“ in angemessener Lautstärke (=maximal)
durch die Boxen donnern, dann ist eines völlig klar: die Ramones
waren Kult, sind Kult und werden immer Kult sein. Adieu Joey!
- Stefan - 09/01
Nachtrag: Am 5.
Juni 2002 wurde Douglas Glenn Colvin, besser bekannt unter dem Namen
Dee Dee Ramone, Gitarrist und Bassist bei den Ramones, von seiner Frau
in der gemeinsamen Wohnung in Hollywood leblos auf dem Sofa gefunden,
neben sich ein Spritzbesteck, Inhalt noch unbekannt. Dee Dee Ramone
wurde 49 Jahre alt.
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