Tad Williams
- „Der Drachenbeinthron“
- „Der Abschiedsstein“
- „Die Nornenkönigin“
- „Der Engelsturm“
Jach. . . .da kann
der Winter auch noch so dunkel, grau, kalt und garstig sein, er verliert
sofort seinen Schrecken, wenn man sich unter die heimische Bettdecke kuscheln
kann und sich von der Phantasie eines Autors bei der Hand nehmen und in
von ihm ersonnene fremde und interessante Welten entführen läßt.
Wenn die Reise dann, wie in diesem Fall, eine wirklich schier unendliche
Geschichte zu werden verspricht, na, umso besser! Ihr kennt das sicher,
man mag dann nur sehr ungern davon ablassen und möchte sie, so sie
zu faszinieren versteht, kontinuierlich weiter verfolgen. Nun mag ein besonnener
und bodenständiger Verstand an dieser Stelle Bedenken anmelden, von
Suchtpotential reden und, gar nicht mal sooo zu unrecht, wie ich bestätigen
muß, mit Schlagworten wie Eskapismus und Realitätsflucht argumentieren
wollen. All dies ist mir bekannt und ich für meine Person wähle
desöfteren bewußt eine der vielen Möglichkeiten, die Realitätsebene
zu wechseln. Genau dies scheint, wie im NK schon erwähnt, einem Grundbedürfnis
des menschlichen Bewußtseins zu entsprechen - die eigene begrenzte
Person und Identität, die eigenen, durch die gegebene Umwelt beschränkten
Lebens- und Erfahrungsmöglichkeiten und, ja, den leider oftmals allzu
grauen und banalen Alltag hinter sich zu lassen, kurz, den einen Schein
mit einem anderen, verzaubernden, zu vertauschen. Geschichten in Büchern
(aber auch: Filme, Musiken, Tänze, Naturtrips und vieles andere mehr,
gerne auch kombiniert mit diversen Rauschmitteln, können die Weltwahrnehmung
verklären, den eigenen Daseinshorizont überschreiten lassen)
oder in anderer Form vermittelt, boten den Menschen schon immer beste Gelegenheit
sich zu phantastischen Abenteuern mit ebensolchen Bewohnern und Wesen in
ebensolchen Ländern davonzuträumen.
Und, mal grundsätzlich
gefragt, was ist denn die eigentliche Realität? Ist nicht alles Wahrgenommene
gleichsam wahrhaftig? Nur weil wir alle mehr oder weniger in der sinnlichen
Wahrnehmung dieses unseren Daseins auf einer materiellen Ebene übereinstimmen,
muß diese Tatsache nicht zwingend zu der Schlußfolgerung eines
alleingültigen Realitätsanspruches verleiten. Zumal alleine schon
die objektiv gegebene Umgebung von jeder Spezies, von jedem Lebewesen,
subjektiv völlig unterschiedlich erfahren wird. Und weitergehend zeigt
sich die materielle Ebene, wie wir aus den Ergebnissen und Schlußfolgerungen
der Quantenphysik wissen, überraschenderweise als ungleich scheinhafter,
als sie es unseren trägen Sinnen vorgaukelt. Dort, im tiefen Grunde
der Stofflichkeit, ist das einzig wirklich Beständige das Quantenfeld,
aus dem alle subatomaren Teilchen hervor- und wiederum darin aufgehen,
tanzende Energie, in ständiger Erschaffung und Zerstörung begriffen.
Dies einheitliche, undifferenzierte Feld, aus dem die Ordnung und Struktur
des Universums entspringt, gleicht übrigens erstaunlich den alten
chinesischen Vorstellungen des Tao, wie auch der des buddhistischen Nirwana.
Kurz gesagt, um mal auf den Punkt zu kommen, die moderne Naturwissenschaft
sagt uns: Materie hat keine absolute Beständigkeit. So etwas wie Teilchen
gibt es nicht, niemand hat da jemals etwas Greifbares, das nicht sofort
in kleinere Wirkungen zerfallen würde, gefunden - Materie ist Nichts,
ist Leere. Eine schier undurchschaubare Illusion, und dennoch nichts als
eine Illusion. Quantenphysiker, welche diesen Text nun zufällig lesen
sollten, seinen eingeladen, eventuelle, sich eingeschlichen habende gedankliche
Sockenschüsse zu berichtigen, ich weiß, daß ich mich mit
diesen Passagen weit aus dem Fenster lehne, bin aber recht sicher, es ist
alles korrekt wieder gegeben und zu Ende gedacht. Aus meiner Sicht
sind Träume, Phantasien oder mystische Visionen und Zustände
nicht weniger real, als das Haus am Ende der Straße. Daß
die beruhigende Verläßlichkeit und Sicherheit der stofflichen
Wirklichkeit, zu der man immer wieder zurückkehren kann, etwas durchaus
positives ist, wie jeder Psychotiker wohl gerne bestätigen würde,
möchte ich mit solchen Aussagen gar nicht in Abrede stellen, ich wehre
mich nur gegen Ansichten, die häufig ein Verhalten unterschwellig
als leicht pathogen hinstellen, das eher introvertiert oder introspektiv,
also nach Innen gewandt, veranlagt ist.
Wozu außerdem
das menschliche Bewußtsein befähigt ist, welche Dimensionen
es umfaßt, ja, was es in seinem Innersten wirklich ist, wird jeder
erkennen und vielleicht sogar erfahren dürfen, der sich nur eingehend
genug damit beschäftigt.
Was den scheinbaren
Gegensatz zwischen Traum (oder Phantasie) und Wirklichkeit angeht, so muß
ich einfach abermals, wie schon in NK 3, diesbezüglich good ol' H.
P. Lovecraft zu Worte kommen lassen, der in "Die Katzen von Ulthar" sinniert,
"daß das ganze Leben nur eine Folge von Bildern im Gehirn (na, bißchen
unglücklich gewählt vielleicht, dieser Begriff, kann man aber
noch gelten lassen, da man bei Lovecraft ja weiß, wie's gemeint ist
- H.) ist, wobei kein Unterschied besteht zwischen jenen, die realen, und
jenen, die inneren Visionen entspringen, und also auch kein Grund vorliegt,
die einen höher als die anderen einzustufen". Eine Aussage, die, wie
ich finde, man ob ihrer revolutionären Botschaft durchaus mehrere
Male betonen kann und sollte.
Und dann gibt es noch
eine weise und zugleich humorige kleine Erzählung gleichen Inhalts
aus dem alten China namnes "Herr Wu und der Schmetterling", welche davon
handelt, wie Herr Wu in mehreren aufeinander folgenden Nächten kontinuierlich
davon träumte, ein Schmetterling zu sein, sich vollkommen mit diesem
Insektenleben identifizierte, fühlte und handelte wie ein Schmetterling,
über grüne sommerliche Wiesen flatterte, von allerlei Blumen
angezogen wurde, aus deren Blüten er den Nektar trank, und so weiter.
. . . . . dies führte dann so weitgehend, daß Herr Wu eines
morgens erwachte, und tatsächlich nicht mehr zu unterscheiden wußte:
war er nun Herr Wu, der träumte, ein Schmetterling zu sein - oder
aber, war er nun ein Schmetterling, der träumte, Herr Wu zu sein......
Zugegeben, wenn man
die verschiedenen Dimensionen nicht mehr auseinader halten kann, wie im
Falle Herrn Wus, ist die dünne Linie der Grenze zur Psychose schon
überschritten, die Geschichte will aber nur die Relativität derselben
verdeutlichen.
So, nach dieser vorangestellten
kleinen, aber mir wichtigen Exkursion über Geschichten, Eskapismus
und Realitätsebenen, wollen wir nun endlich beschreibenderweise zu
jenem Objekt vordringen, dessenwegen ihr hier eigentlich reingegeklickt
seid - Tad Williams Legende über das sagenhafte Land Osten Ard.
Den Namen dieses Autors
hatte ich schon einige Male freundlich erwähnt gefunden und darauf
hin im Hinterkopf als interessant abgespeichert. Beim stöbern in den
Regalen unserer örtlichen Bücherei durfte ich erfreut diesen
vollständigen Roman-Zyklus entdecken, auf den ich mich dann nach kurzem
Zögern, ob seines beeindruckenden Umfanges von etwa 3400 Seiten, einließ.
Ich habe es nicht bereut. Wenn die ersten hundertfünfzig bis zweihundert
Seiten sich auch, wie ich warnend hinzufügen muß, sehr zähflüssig
gebärden, bis dann die Handlung endlich in Bewegung gerät. Diese
in ein paar Sätzen zusammen zu fassen, ist kein einfaches Unterfangen.
Sie entfaltet sich in einem mittelalterlichen Szenario, nach dem Tode eines
großen Herrschers, der zwei Söhne hinterläßt, deren
älterer, sein Nachfolger als Hochkönig, unter dem Einfluß
seines dämonischen Ratgebers, das Reich Osten Ard voll in die Scheiße
reitet. Worauf der jüngere Sohn eine Revolution gegen die Mißherrschaft
seines Bruders anführt, zumal sich bald herausstellt, daß im
Hintergrund eine weit größere Bedrohung für die Menschen
lauert und die Fäden zieht, nämlich der untote Geist des Feen-Prinzen
Ineluki, der auf Rückkehr und fürchterliche Rache an dem Volk
sinnt, das sein eigenes und ihn dereinst vertrieb und tötete. Nun,
die ganze epische Story klingt in zwei Sätze geschnürt recht
platt, was der doch ziemlich komplexen, von allerlei exotischen Wesen und
Rassen bevölkerten Welt, welche Williams mit leichter Hand hier erschafft,
unrecht tut. Sowohl die unzähligen Protagonisten, wie etwa der junge
Simon, Prinz Josua und ihre in eine weit verzweigte Odyssee getriebenen
Mitstreiter, als auch die Handlung, welche sich teilweise in sieben, acht,
neun parallelen Strängen entwickelt, sind durchaus vielschichtig angelegt.
Unbestreitbar, daß eine große inspirative Quelle für Williams
die Mutter aller Fantasy-Stories, "Der Herr der Ringe", gewesen sein muß.
Alle klassischen Geschichten dieses Genres müssen sich wohl, ob das
nun den Autoren recht ist oder nicht, die Vermutung des Vorbildcharakters
von J. R. R. Tolkiens meisterlichem Epos gefallen und sich mit diesem vergleichen
lassen. Quantitativ hat Williams es mit seiner Saga ("die Geschichte, die
mein Leben auffraß...", wie er ironisch bemerkte) bei weitem übertroffen
(man braucht, grob geschätzt, vielleicht 160 - 180 Stunden Realzeit,
um sie zu durchqueren), und auch qualitativ würde ich sie kaum darunter
ansiedeln. Sprachlich ist Williams absolut versiert, desöfteren zum
Beispiel hat er elegante, beeindruckende, mir mindestens ein anerkenndes
Hochziehen der Augenbrauen entlockende Metaphern, bildhafte Umschreibungen,
so ganz nebenbei eingeflochten.
Holt also euren Hut
und Wanderstab, die Kristallkugel und das Breitschwert, all die schon angestaubten
Utensilien aus dem Wandschrank, wenn ihr mal wieder das Verlangen verspüren
solltet, eine Reise jenseits eures bekannten Lebenskreises zu tun und dabei
nahezu unglaubliche Abenteuer zu erleben - und warum diese auch nicht mal
nach Osten Ard...?
Interessanter als
Mallorca dürfte es allemal werden...
- Heiko - 02/01 |