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NEW MODEL ARMY
- Lost Songs (2002) & Live am 28.04.02 in Nürnberg
Wieder mal eine
schön aufgemachte CD, eine Doppel-CD sogar, von New Model Army.
Cover, wie gewohnt, von Joolz, und, wie schon das letzte Album "Eight",
in Orangetönen gehalten, Booklet mit allen Texten und liner notes;
so wünscht man sich das. Kein Vergleich zu Resteverwertungen wie
der hier schon besprochenen "All
Of This -the 'Live' Rarities" oder der sträflich lieblos
aufgemachten "History - The Best Of New Model Army" (beides
EMI). Noch schöner ist so eine CD, wenn man sie (wenn auch nachträglich
- diese Anmerkung mußte sein ;-)) zum Geburtstag geschenkt bekommt.
Ursprünglich
sollte diese Zusammenstellung "B-Sides And Abandoned Tracks Part
II" heißen, also die Fortsetzung der B-Seiten-Sammlung
von 1994. Geändert wurde der Titel vielleicht deshalb, weil
sich auf dem vorliegenden Album tatsächlich viele "lost songs"
befinden, d. h. Songs, die bisher, wenn überhaupt, nur live zu
hören waren.
Auf
CD1 sind hauptsächlich Songs, die während der dreijährigen
Aufnahmezeit für "Strange Brotherhood"
('98) entstanden sind. Derer waren es nicht wenige, und sie wurden
damals auf, teils limitierten, Maxis veröffentlicht. Auch die Tracks
der Bonus-CD der Erstauflage von "Strange Brotherhood" werden
hier nun einer größeren Öffentlichkeit zugänglich
gemacht.
Der Track "Song To The Men Of England", der zuerst auf einer
Compilation mit dem Titel "The Disagreement Of the People"
erschienen war, und den Stefan und ich schon seit einiger Zeit gesucht
hatten, war dann aber ziemlich enttäuschend. Glücklicherweise
hatten wir unsere Sammelleidenschaft dahin gehend gebremst. "Higher
Wall" (Klassiker, noch aus den Aufnahesessions zu "Thunder
And Consulation" von '89) und "Far Better Thing" (von
"Impurity" - '90 - übriggeblieben), gab's bisher nur
auf oben erwähntem "Best Of"-Album (von Mitte der 90er,
glaube ich), und haben hier nun endlich einen würdigen Platz gefunden.
Hatte vorher schon was von Wühltisch...
Viele
der Songs wurden im Laufe der letzten Jahre als Demo aufgenommen und für
"Lost Songs" neu oder mit erweiterter Instrumentierung aufgenommen.
So der erste Song auf CD 2, "Freedom '91", welchen Justin nach
einer Reise durch die ehemaligen Ostblock-Staaten Anfang der 90er aufgenommen
hatte. Besonders gefreut habe ich mich über zwei mir völlig
unbekannte, gut 10 Jahre alte, typische NMA-Songs, "Falling"
und "Knife".
Manche Kritiker bemängelten, daß "Lost Songs" zusammengeflickt
klinge, zu uneinheitlich. Was man von einem Album, das einen Zeitraum
von mehr als 10 Jahren abdeckt, auch nicht erwarten kann. Eigentlich.
Mag sein, daß die Songs nicht aus einem Guss sind, wie es bei einem
regulären Album idealerweise der Fall sein sollte, aber krasse Stilbrüche
sind nicht zu finden, was für die Beständigkeit von NMA spricht.
Eine Beständigkeit, die irgendwelche Zeitgeist-Heinze, als "altmodisch"
deklarieren mögen; sollen sie. Einen Großteil dessen, was heute
als angesagt gilt, wird in wenigen Jahren in den tragbaren Plastikboxen
der Second-Hand-Dealer billig verscherbelt werden, weil das Zeug keiner
mehr zu Hause stehen haben will.
NMA sind ein Band, mit der man alt werden kann, wenn
auch die Aussage von Justin Sullivan bei seinem Konzert in Nürnberg
am 28. April 2002, es seien nun bald drei Generationen von NMA-Fans im
Saal, etwas überzogen scheint, obwohl die Altersspanne von etwa 17
bis Mitte vierzig ging.
Als ich die Karten
gekauft hatte, war noch nicht bekannt, daß Herr Sullivan auch in
der "Mälzerei" in Regensburg, also fünf Radminuten
entfernt, spielen würde, interessanterweise mit David Clemmons von
JUD bzw. THE FULLBLISS,
der jedoch im Programm gar nicht angekündigt worden war. Ich tröstete
mich damit, daß die Akustik im "Hirsch" in Nürnberg
eh' besser sein würde, als in der relativ kleinen "Mälzerei",
was wahrscheinlich auch stimmte.
Es war diesmal
kein reines Solo-Konzert, wie 1996 als ich
Justin zum ersten Mal live gesehen hatte, den er hatte Dean White
(Gitarre und Keyboards) und Micheal Dean (Percussionsinstrumente) von
NMA mitgebracht. Zu
Beginn des Konzerts wurden die Besucher gebeten, ihre Handys auszuschalten
und in die Kneipe nebenan zu gehen, wenn sie sich unterhalten wollten.
Auf der NMA-Homepage wurden die Solo-Konzerte als "for a seated audience"
angekündigt, was wohl eher so gemeint war, daß man nicht gerade
zum Headbangen kommen sollte, denn gerade mal die ersten fünf Meter
vor der Bühne waren mit ein paar Biertischen und -bänken "bestuhlt".
Dann wurde eine Kerzenständer auf der Bühne angezündet,
und es ging los.
Ich kann mich
nicht mehr genau erinnern, welche Songs gespielt wurden, ist eigentlich
auch egal. Zwei mir unbekannte Stücke waren dabei, die im Herbst
auf Justins Solo-Album, seinem ersten, vertreten sein sollen. Die Atmosphäre
war sehr familiär, und Justin erzählte zu vielen Stücken
kleinere Geschichten, so z. B. zu "Lurhstaap", welches kurz
nach der deutschen Wiedervereinigung geschrieben wurde, wobei er betonte,
als Engländer den Deutschen nicht vorschreiben zu wollen, wie sie
dieses Ereignis bewerten sollten. Zu der schleimigen Botschaft von "Winds
Of Change" von den Scorpions hat er auf jeden Fall eine klare Meinung
("I hate this song!") und ließ diese Einstellung
auch schon vor zwölf Jahren in "Lurhstaap" anklingen
("All is gone, all is gone, but this changing winds can turn
cold and hostile").
Ich hab' später rausgefunden, daß die Geschichten, die Justin
auf seinen Konzerten bringt, an jedem Ort ähnlich sind, aber gut,
seine Songs arrangiert er ja auch nicht jedes Mal neu um. Wer eine genauere
Beschreibung lesen möchte, sollte mal wieder bei Anjas
Bat Cave vorbeilesen, sie hat dort nämlich ein Konzert beschrieben,
daß nur wenige Tage vorher stattfand.
Trotzemd witzig war die Story mit Tom Jones. NMA hatten vor einigen
Jahren mit ihm zusammen "Gimme Shelter" von den Rolling Stones
zugunsten einer Hilfsorganisation für Obdachlose gecovert und auch
als Single herausgebracht (ich hatte tatsächlich eine Zeit lang
geglaubt, "Gimme Shelter" sei im Original von den Sisters
Of Mercy, weil ich den Song bewußt erst richtig auf einem ihrer
Bootlegs gehört hatte... ). Justin meinte, daß Tom Jones
("I thought that I have a loud voice...") versprochen
hatte, nur für diesen Song vorbeizuschauen, aber er sei noch vom
Flughafen Stuttgart mit dem Auto unterwegs. Daß Nürnberg
auch einen Flughafen habe, wie ihn ein Zuschauer sofort aufklärte,
habe er nicht gewußt... Mag sein, daß Tom Jones irgendwann
nachts um zwei vor verschlossener Tür stand, der Song war auf jeden
Fall sehr gut; ich hatte zuvor noch nie einen "klassischen"
Rock-Song von NMA gehört.
Viele Songs klangen semiakustisch oft noch besser, als im Rockband-Format
- ja da waren drei Männer auf der Bühne, denen ihr Tun sichtlich
Spaß machte, vor allem Michael Dean, dessen lange Haare im Laufe
des Konzert immer nässer wurden.
Bei und nach solchen Konzerten, in den Momenten, wo für kurze Zeit
einfach alles stimmt, denk ich mir oft, daß es an der Zeit wäre,
mein Leben, wenn schon nicht komplett zu ändern, dann wenigstens
in eine andere Richtung zu bewegen. Wie es eben in "Aimless Desire"
heißt: "Quit the job that very day, and flew into the
sky just following after this aimless desire, worthless desire, the
awful desire, the aimless desire". Den folgenden Tag hatte
ich mir frei genommen, denn allein der Gedanke, am Morgen früh
aufstehen zu müssen, wenn man erst um zwei ins Bett gefallen ist,
hätte mir das ganze Konzert vermiest. Und am Tag darauf ging's
natürlich weiter wie gehabt, na ja...
War auf jeden Fall wieder mal ein geniales Konzert, daß seine
16 EURO und die 100 km Anfahrt ohne Zweifel wert war.
Abschließend
noch eines: Mir ist aufgefallen, daß New Model Army in Punk-Magazinen,
vor allem im OX (das ja eigentlich auch kein reines Punk/HC-Magazine
mehr ist, weshalb ich es auch mehr oder weniger regelmäßig
lese) mit ihren neuen Platten recht wohlwollend aufgenommen werden,
obwohl die Phase, als Justin und seine Band noch annähernd als
Punks durchgingen, schon bald zwanzig Jahre her ist. Für mich ein
weiteres Zeichen von Kontinuität, die auch bei den Konzerten gepflegt
wird, wenn wie selbstverständlich Songs aus den ersten beiden Alben
gespielt werden, ohne sie modernisiert zu verhunzen.
- Martin - 07/02
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