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SAVOY
GRAND- Burn The Furniture (2001)
(der
zweite Versuch...)
Wenn
ich der Stimmung dieses ungewöhnlichen Albums auch bereits vor fast
genau einem Jahr in Gedichtform huldigte, komme ich scheinbar nicht umhin,
der Neigung nachzugeben, doch noch ein, zwei konkretere Worte zu dessen
unorthodoxen Sound loszuwerden. Denn dieser offenbart sich glücklicherweise
mal wieder als eine weitere Folge aus der leider viel zu kurzen sowas-hat-man-noch-nicht-gehört!-Reihe:
völlig in sich gekehrt, ruhig, atemanhaltend, jederzeit emotionsangefüllt
zeigen sich Savoy Grand als eine eigenwillige Neudefinition oder eigentlich
mehr noch als ein geradezu archetypischer Inbegriff dessen, was wir allgemein
mit dem Begriff Melancholie zu umschreiben pflegen. Aller offensichtliche
Ausdruck wurde bis auf die Knochen reduziert; doch nicht einmal die feinen,
zarten Knöchelchen eines kleinen Vogels würden als allegorisches
Bildnis die Reduziertheit und Leichtigkeit dieses feingesponnenen Klanggebildes
einzufangen vermögen - eher schon dessen Federkleid, welches willig
vom ersten Wind sich mittragen läßt, der weht. In die Weite
einer allumfassenden Himmelsbläue hinein.
In Szene gesetzt wird dies von filigranen Gitarren, gelegentlichen dezent
tragenden Hammonds und Streichern, ebenso dezentem Piano oder auch mal
einer einsamen Miles Davis-Trompete respektive einem aus dem Hintergrund
wehmütig seufzenden Akkordeon, meist extrem zurückgenommenem
Schlagzeug - und natürlich der äußerst gefühlvollen,
introvertierten und zugleich ausdruckstarken Stimme eines Ausnahmetalents
namens Graham Langley. Massiv emotionsbeladen und zugleich von solch wunderbarer
Unbeschwertheit.
Nur zwei, dreimal brodelt die Gischt kurz hoch wie wenn ein heißer,
zähfließender Lavastrom in den abkühlenden Ozean eintaucht.
So etwa am Ende von "Business Is Good". Oder bei "Glen A. Larson", das
sich in den ersten 3'40'' leise, sich nahezu an die Hörschwelle heranlauschend,
anläßt, um in der Mitte gleich einem plötzlichen Gewitter
diese eindringlichen, fetzig-ekstatischen, verzerrten elektrischen Gitarrenausbrüche
als Blitz und Donner über eine bis dahin stillbewegte, nahezu hingehauchte
Klanglandschaft von durchscheinender Transparenz, aufbrausend hinwegrollen
zu lassen.
Trotz aller Schwermut ist das Werk keineswegs als hoffnungslos zu bezeichnen,
da selbige sich in immer neuen, unsagbar schönen Gitarren- und Gesangsharmonien
auflöst. Herausheben möchte ich dahingehend die beiden abschließenden
Stücke "The Mirror Song" und "Face Down In A Fountain", währenddessen
man tatsächlich dem Titel entsprechend den Eindruck vermittelt bekommen
kann, kopfüber in einen grundlosen, überquellenden, wonnegefüllten
Brunnen einzutauchen...
Harmonien für die Ewigkeit.
Elegische Kleinkunst aber wirklich ein jeder der neun Songs für sich,
erinnern Savoy Grand, zwar entfernt, jedoch noch am ehesten an Sigur Rós,
in ihrer stilistischen Expression allerdings um einiges nüchterner
und zurückgenommener angelegt als die nach wie vor innigst geliebten
Isländer. Dakota Suite dürfte man wohl ebenfalls zu deren geistigen
Soulmates zählen (wenn ich mit diesen jedoch bislang bedauerlicherweise
nur sehr ungenügende Bekanntschaft schließen konnte). Das erste
Album - und nur dieses - von The Fullbliss (sympathischer Name, so nebenbei
bemerkt) "Fools And Their Splendor"
(cooler Titel, so nebenbei bemerkt) fiele mir als Reverenz noch ein, auf
welchem diese Band einen unaufgeregten, folkigen, partiell beinahe kammermusikalischen
Stil etablierte. Darauf greift man gerne mal zurück, wenn man nächtens
um drei, zum Ausklang eines langen Tages, den angenehm ermüdeten
Geist in etwas lakonisch Bluesigem einlegen möchte. Letztlich würde
ich sie damit charakterlich vielleicht doch eher in einer zwielichtigen,
nebligen Ecke zusammen mit den Walkabouts ("Devils Road") herumstehen
sehen, um mal eben gemeinsam ein Zigarettchen zu rauchen. Justin Sullivans
Soloalbum "Navigating By
The Stars" fällt mir dann noch ein, welches überflüssigen
Bomb- & Ballast gleichfalls größtenteils über Bord
kippte: einfach nur ein Mann, seine Gitarre, unter ihm das Meer, über
ihm die Sterne... Oder auch die ruhigeren Sachen von Nick Cave (dessen
Mörderballade "Henry Lee" sinnfälligerweise von den eben erwähnten
The Fullbliss eine Neuinterpretation erfuhr - schließt sich da jetzt
ein gedanklicher Kreis?). So, damit für heute genug Verwandtschaftsforschung
getrieben. Ein wirklich trefflicher Vergleich, wie anfangs angedeutet,
ist zu Savoy Grand sowieso kaum herzuleiten.
Savoy Grand werden sicherlich nicht jedem gefallen, manche werden sie
vorschnell als schlicht Langweilig abtun und ignorieren. Tatsächlich
wäre die knappe Stunde voll bewußt und konzentriert zu durchreisen,
ohne auch nur ein einziges Mal einen Gedanken aufkommen zu lassen und
damit, den tonalen Raum verblassend, abzuschweifen, eines Zen-Meditationsmeisters
durchaus würdig. Am entscheidendsten dürfte wohl sein, ob man
zu ihren Stimmungen einen Zugang findet, ob sie im eigenen seelischen
Resonanzraum einen Widerhall zu erzeugen vermögen. Ich selbst lege
sie mir auch nicht bei jeder denkbaren Gelegenheit auf, es braucht dazu
schon einen entsprechenden mentalen Zustand, oder vielleicht die zusätzliche
Affinität einer passenden Tages-, Nacht- oder Jahreszeit: Herbst
und Winter böten sich an bzw. die im englischsprachigen Raum sogenannten
Small Hours, die Morgenstunden von etwa drei bis sechs Uhr, in welchen
sinnigerweise auch diese hier zu lesende Besprechung erste Rohfassung
annahm.
Den Texten ein Ohr zu leihen, nachdem man die auf unumschränkt unique
Weise völlig in sich gekehrte Musik ausreichend hat auf sich wirken
lassen, vertieft den Eindruck noch. Besonders berühren konnten mich
auf dieser Ebene "A Trained Dog" und das schon erwähnte "Face Down
In A Fountain", welches in M&T mit einem fast schon unerhört
wie unerwartet positiven, beseligenden Feeling entläßt.
Musik, welche, in einer Umgebung deren Dunkelheit nur durch die
vereinzelte Röhre eines harten kalten Neonlichtes dürftig durchdrungen
wird, von zaghaft flackernder und doch bestimmt aufglänzender existenzialistischer
Form berichtet.
Musik, welche im äußeren Raum Innerlichkeit Einzug halten
läßt und der allzu häufig vernachlässigten Stille
ein warm erleuchtetes Zuhause anbietet.
*****
you
got the life you wanted
it fills you up
now there will be no end
to your happiness
i know how you got here
and i know
how you left
i know
- Heiko - 09.12.2004
/ 05:08 'til 06:23 a.m.
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