| BAD RELIGION -
The New America (2000)
Wer bestimmt eigentlich,
welche Tonträger in den Bestand von Stadtbüchereien aufgenommen
werden? Und worauf gründet sich die Entscheidung dieses Menschen oder
dieses Gremiums? Auf dem Lesen einschlägiger Musikgeschmacksverordnungs-Presse
(Musikexpress, Rock Hard, Bravo, etc.)? Oder gibt’s für sowas gar
einen eigenen Informationsdienst, der eine Vorauswahl trifft, „Der gute
Ton in der Bücherei“, oder so? Fragen, die niemanden so richtig interessieren
(bzw., um eine Formulierung zu gebrauchen, die unter Strafe gestellt werden
sollte: „nicht wirklich“), die aber als Einleitung ganz brauchbar sind.
Doch stehen in eurer
Stadtbücherei nicht auch CDs von SOUNDGARDEN, BIOHAZARD, SLAYER oder
CREMATORY, also von Bands, die sich der verantwortliche CD-Einkaufs-Angestellte
bestimmt nicht zum Abschalten nach der Arbeit anhört? Was beweißt,
daß der sogenannte „Underground“ längst zum Mainstream geworden
ist - wobei SLAYER natürlich verkaufszahlenmäßig schon
nach der ersten Platte kein Underground mehr waren. Hat natürlich
den Vorteil, daß man sich das Zeug kostenlos ausleihen, anhören
und bei Bedarf kopieren kann.
Nachdem BAD RELIGION
seit etwa sechs Jahren in den Top 100, oder wie das heißt, auftauchen
und auch somit selbst dem Durchschnittkonsumenten ein Begriff sind, findet
man die aktuellen Alben auch in der Stadtbücherei. Wer das NONKONFORM
kannte, weiß, daß ich diese Band jenseits aller rationalen
Kritik abgefeiert habe. „Suffer“
(’88), „No Control“ (’89), „Against The Grain“ (’90 - die mit
dem Cover, auf dem der Titel graphisch genial umgesetzt wurde), „Generator“
(’92) und die Compilation „80-85“ (mit den Frühwerken) haben mich
durch den Zivildienst und die beginnende und noch nicht abgeschlossene
Postadoleszenz begleitet. Songs, die zu fünfzig Prozent aus Refrain
bestanden, ohne viel Drumherum. Die Platten waren gerade deshalb so gut,
weil die Songs alle noch dem gleichen Muster gestrickt waren, melodischer
Hardcore mit Uuuh-und-Aaaah-Chorus-Gesang. Den Texten merkte man an, daß
Greg Graffin Akademiker ist, weil er Wörter gebrauchte, die nicht
im Langenscheidt-Taschenwörterbuch stehen.
OK, kann man sagen,
aber das hat sich auf den letzten drei oder vier Platten nicht geändert.
Auf den ersten Hör, äh, Blick, nicht. Vielleicht nutzt sich das
Konzept „1 Song - 100 Variationen“ nach bald 20 Jahren ab. Oder man wird
langsam abgeklärter und kann die ewige Doziererei über die entfremdete
Gesellschaft nicht mehr hören. Schwierig zu beschreiben, warum „The
New America“ einfach langweilig ist. Die Alben der letzten Jahre klingen
gewollt,
nach Produkten, die verkauft werden sollen, nach geplantem Aneinandersetzen
von bekannten Stilelementen - im Gegensatz zu früher, wo einfach drauflosgespielt
wurde und die besten Songs ca. 90 Sekunden dauerten („Turn On The Light“
- 1:23!).
Ich hab‘ mir „The
New America“ ein-, zweimal angehört, genauso wie den Vorgänger
„No Substance“, den ich mir ebenso aus der Bücherei geholt habe. Das
hat gereicht, denn Enttäuschung machte sich breit. Liegt das wirklich
an der gehörten Musik, oder sind das die Symptome, wenn man älter
wird? Muß ich mich damit abfinden, daß einmal die Zeit kommt,
wo ich mir CDs von Bruce Springsteen oder Neil Young nicht nur in der Bücherei
ausleihen, sondern sogar kaufen, und mich lang und breit über deren
Qualität auslassen werde? Wer weiß ähnliches zu berichten?
Man sollte darüber reden. Eine Selbsthilfegruppe gründen. Älterwerden
ist doch keine Tragödie, sondern ein ganz natürlicher Prozeß,
und auch nach dem 30. Lebensjahr kann das Leben noch mit Freude gesegnet
sein, man muß das nur positiv sehen, und überhaupt.
Das Leben ist grausam.
Gebt mir recht.
- Martin - 10/00
Nachtrag Dezember
'03:
Drei Jahre sind vergangen, seit ich die Besprechung oben geschrieben habe.
In der Zwischenzeit habe ich die Frühzeit von Bad Religion mit der
"Suffer"
von '88 in unserer Klassiker-Rubrik gewürdigt.
Und dann hat mir Heiko im November 2003 u. a. eine Kassette ("Maxell
UR 90) mit "No Substance" geschickt. Ohne Dolby und ohne Hülle.
Vielleicht muß man sich die neueren Sachen von BR auf einem Medium
anhören, das langsam unzeitgemäß wird. Denn: Das war wirklich
gut! Für ein paar Minuten waren die 90er Jahre wieder jung, und die
Welt konnte noch verändert werden ("I Want To Conquer The World!"),
wenn denn nur alle Bad Religion hören und Hermann Hesse oder Erich
Fromm lesen würden. Aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.
Die Kritiker mögen nun abfällig einwerfen, daß Bad Religion
ja gar nie Hardcore, nichtmal Punk waren, und es sei ihnen geantwortet:
Da habt ihr wohl recht. Rahmt euch eure wertvolle Meinung ein und hängt
sie euch über eure durchgesessenen Sofas.
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